1. Startseite
  2. Politik

Pragmatisch und sozial

Erstellt:

Von: Peter Riesbeck

Kommentare

Sozialdemokrat Lodewijk Asscher bei einer Sitzung des niederländischen Parlaments im Jahr 2021.
Sozialdemokrat Lodewijk Asscher bei einer Sitzung des niederländischen Parlaments im Jahr 2021. © AFP

Der neue EU-Flüchtlingsbeauftragte Lodewijk Asscher bringt eine bewegende Familiengeschichte mit

Es klang ein wenig sachlich, so wie eine kleine Personalie. „Lodewijk Asscher wird Berater der EU-Kommission für Flüchtlingsfragen“, sagte EU-Sozialkommissar Nicolas Schmit und fügte hinzu: „Wir wollen so effizient, schnell und kooperativ sein wie möglich.“

Mehr als acht Millionen Kriegsflüchtlinge haben die Ukraine seit der russischen Invasion verlassen. Asscher, 47, ist nun so etwas wie der europäische Flüchtlingsbeauftragte. Der Sozialdemokrat war nicht nur niederländischer Sozialminister und Vize-Premier. Er hat auch einen großen Namen. Sein Großvater Lodewijk Asscher lotste die jüdische Gemeinde Amsterdams durch die Jahre der NS-Besetzung durch die deutsche Wehrmacht. Ehe er selbst deportiert wurde. Asscher weiß also, wovon er spricht. „Mein Großvater hat seinen Glauben in den Baracken von Bergen-Belsen verloren“, sagte er vor wenigen Wochen in einem bewegenden Interview mit der Zeitung „Trouw“.

Wo das Göttliche keinen irdischen Trost verschafft, setzt der Mensch Asscher auf die Kraft der Politik. In der niederländischen Sozialdemokratie stand er immer für eine starke sozialpolitische Ausrichtung. Seine Mutter, Schwester des Dirigenten Hans Vonk, lehrte Sozialrecht. Sein Vater arbeitete als Jurist. „Der Grundton zu Hause war: Mach was aus deinen Talenten. Sei dir bewusst, dass du der Gesellschaft auch etwas geben musst“, so Asscher.

In der Integrationspolitik verfocht er einen harten Kurs, dazu gehörte auch, Islamschulen zu schließen, wenn sie die Werte der Demokratie missachteten. Im Vorjahr trat er dann vom Amt des sozialdemokratischen Parteichefs zurück: Er zog Konsequenzen aus der Kindergeldaffäre, vom Staat unrechtmäßig zurückgeforderten Beihilfen – was vor allem sozial schwache Familien getroffen hatte.

Einer, der zuhört

Den neuen EU-Job übernimmt Asscher ehrenamtlich. Er ist damit der nächste Spitzenpolitiker aus dem Kreis der niederländischen Sozialdemokratie, der Brüssel aufmischt: Frans Timmermans managt als Exekutiv-Vizepräsident der EU-Kommission die Klimawende. Entworfen wurde das Programm eines europäischen „Grünen Deals“ von seinem Kabinettschef Diederik Samson. Mit dem planerischen Geist eines Deichbauers zeichnete er Europas Weg in die Klimaneutralität vor. Die „roten Ingenieure“ hieß die Gruppe um den Physiker Samson früher in den Niederlanden. Der Ex-Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, Agraringenieur, gehörte auch zu der Runde.

Nun steigt Asscher auf in Europas Gestalterrunde. Er soll für die EU-Kommission die Fragen rund um Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine lösen. Eine kleine Revolution hat die Kommission in diesen Tagen schon fast unbemerkt vollzogen. Still und leise öffnete sie Europas Fördertöpfe direkt für Städte, Gemeinden und Hilfsorganisationen. Ein Drittel der Gelder für Geflüchtetenprogramme soll direkt an die Basis fließen. Europa entdeckt die Städte. Und Asscher ist Mittler zwischen den Ebenen.

Europas neuer Flüchtlingsbeauftragter ist einer, der zuhören kann und mit niederländischem Pragmatismus werkelt. Auch wenn nicht immer alles gelingt. „Als Kind wollte ich Rechtsaußen bei Ajax werden oder Schriftsteller“, sagte Asscher der Zeitung „Trouw“. Das hat nicht geklappt, aber eben etwas anderes.

Auch interessant

Kommentare