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Sichtlich zufrieden: Wladimir Selenski spricht am Wahlabend zu seinen Anhängern.

Präsidentschaft

Ukraine: TV-Komiker Selenski gewinnt ersten Wahlgang

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In der Ukraine muss Staatschef Petro Poroschenko um seine Wiederwahl bangen: TV-Star Wladimir Selenski holte die meisten Stimmen und fordert den Amtsinhaber nun in der Stichwahl heraus.

Die dreijährige Vera war auf einem Kinderroller unterwegs zum Wahllokal, zusammen mit ihrer Mutter Julia. Die Sonne strahlte, der Himmel war knallblau, Vera lachte, auch Julia Schilowa, 34, Buchhalterin, macht ein unternehmungslustiges Gesicht. „Ich werde für unseren Präsidenten wählen. Unter ihm hat sich das Land verändert. Und wir haben wieder eine Armee.“

Schilowa scheint Amtsinhaber Petro Poroschenko nicht vergeblich ihre Stimme gegeben zu haben. Unmittelbar nach der Schließung der Wahllokale gegen 20 Uhr Ortszeit wurden erste Exit Polls bekannt gegeben. Nach Angaben des „Naziolany Eksit Poll“ erreicht der Präsident die Stichwahl am 21. April, allerdings mit 17,8 Prozent nur auf dem zweiten Platz. Klar vor ihm liegt der TV-Komiker Wladimir Selenski, der laut den Nachwahlumfragen auf 30,4 Prozent kommt. Die ehemalige Regierungschefin Julia Timoschenko belegt demnach mit 14,2 Prozent den dritten Platz. Der prorussische Oppositionsparlamentarier Juri Boiko kam auf 9,8 Prozent, der Liberale Anatoli Grizenko auf 7,1, Ex-Geheimdienstchef Igor Smeschko auf 6,4 Prozent. Die übrigen der insgesamt 39 Kandidaten spielten keine Rolle.

Wladimir Selenski geht als Favorit in die Stichwahl gegen Poroschenko

Der vorläufige Wahlsieger Selenski lieferte sich noch unmittelbar vor der Bekanntgabe der Exit-Poll-Zahlen ein Tischtennismatch gegen einen Journalisten, mit vor Konzentration zusammengekniffenen Lippen. Danach aber posierte er entspannt neben seiner Frau vor den Kameras und bedankt sich bei ihr, seinem Team und vor allem seinen Wählern: „Für mich sind das wichtigste nicht meine Ambitionen, sondern die Leute, die ukrainischen Menschen.“

Nach allen Meinungsforschungsumfragen vor den Wahlen wird Selenski in einer Stichwahl gegen Petro Poroschenko siegen. Sollte sich zudem sein enormer Exit-Poll-Vorsprung bei der Auszählung bestätigen, ist er im zweiten Wahlgang absoluter Favorit.

Vorerst geschlagen: Amtsinhaber Poroschenko am Wahltag.

Julia Schilowa aber will auch dann Poroschenko wählen. Sie lebte früher in Donezk, inzwischen Hauptstadt der prorussischen Donezker Rebellenrepublik. Und bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen im Mai 2014 konnten sie und ihr Mann Dmitri nicht abstimmen, weil die Rebellen Jagd auf alle machten, die versuchten, in Donezk Wahllokale einzurichten. Später überlebte sie in Donezk monatelangen Artilleriebeschuss, flüchtete schließlich mit ihrem Mann nach Kiew.

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Sie gingen am Sonntag im Wahllokal 800129 im Gebäude des Slawischen Gymnasiums im Kiewer Süden zur Urne. Dort herrschte schon vormittags lebhafter Betrieb, Irina Wakolowskaja, die Leiterin des Wahlkomitees sagte, gegen elf Uhr vormittags hätten von 2398 Stimmberechtigten 414 ihre Stimme abgegeben. Landesweit stimmten zu diesem Zeitpunkt nach Angaben des Zentralen Wahlkomitees (ZIK) 16,7 Prozent der Wahlberechtigten ab. Gegen 15 Uhr Ortszeit waren es nach Angaben des ZIKs 45,12 Prozent, fast fünf Prozent mehr als bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2018.

Ukraine-Wahl: 950 Anzeigen wegen Wahlbetrugs

Die Polizei registrierte bis 16 Uhr 950 Anzeigen wegen Wahlbetrugs. Auch in der Nähe des Slawischen Gymnasiums hingen verbotenerweise zwei Wahlplakate Timoschenkos. „Es gibt Verstöße, aber sie sind nicht systematisch“, sagte Michail Apostol vom Innenministerium. „Man kann nicht sagen, dass sie die Wahlergebnisse beeinflussen.“

Landete in der ersten Wahlrunde auf Platz 3: Julia Timoschenko.

Aber es gibt auch Experten, die behaupten, Poroschenko habe hunderttausende Wähler mit eigentlich für Wahlhelfer bestimmten Aufwandsentschädigungen gekauft. Und angesichts von nur 3,6 Prozent Abstand zu Poroschenko gilt als höchstwahrscheinlich, dass Julia Timoschenko sich nicht mit ihrer Niederlage abfinden wird müssen. Vor der Zentralen Wahlkommission haben gestern Nachmittag sportliche junge Unbekannte begonnen, Zelte aufzustellen, unklar, ob es Anhänger Timoschenkos sind oder Provokateure.

Showdown zwischen Selenski und Poroschenko zeichnete sich ab

Der Showdown zwischen Selenski und Poroschenko, zu dem es laut Exit Polls kommen wird, zeichnete sich schon tagsüber ab. Auch im Slawischen Gymnasium teilten sich die Meinungen. Irina, eine junge Risikomanagerin, erzählte, sie wisse noch nicht, für wen sie in der Wahlkabine stimmen werde – jedenfalls weder Timoschenko noch Poroschenko. Selenski dagegen sei durchaus eine Option. Und der junge Zahnarzt Andrei erklärte, er sei für den Demokraten Anatoli Grizenko. Aber in der Stichwahl werde er Selenski wählen.

„Das Volk hat genug gelitten.“ Selenski sei kein Politiker, also nicht in Korruption verstrickt. „Er hat einen frischen Blick auf die Lage.“ Und vielleicht könne Selenski endlich Frieden mit Russland schließen.

Julia Schilowa ist gegen Selenski. Der Komödiant hätte keine Ahnung von Politik. „Sicher, es wird eine Mannschaft geben, die ihn führt. Aber dann ist er schon kein Präsident mehr, sondern eine Marionette.“ Schilowa gehört zu den Ukrainern, die bezweifeln, dass Selenski ein tauglicher Oberbefehlshaber ist. Und, dass die Russen wirklich an Frieden interessiert sind.

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