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Wahlkampf im Bürgerkrieg: Anhänger Paul Biyas in Maroua im Norden des Landes.

Kamerun

Der Präsident lässt schießen

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In Kamerun wird am Sonntag gewählt - Paul Biya wird siegen, seine Leute erledigen den Rest.

Wenn Kamerun am Sonntag wählt, wird auch Präsident Paul Biya dabei sein. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn der 85-jährige Staatschef zieht es eigentlich vor, sich außer Landes aufzuhalten. Am liebsten im Genfer Intercontinental Hotel, wo der Präsident mit den schwarz gefärbten Haaren jährlich Wochen zu verbringen pflegt.

Allein im vergangenen Jahr hielt sich Biya 60 Tage lang in Europa auf. Seine Auslandaufenthalte hätten Kameruns Steuerzahler bereits 182 Millionen Dollar gekostet, rechneten Rechercheure des „Corruption Reporting Projects“ aus.

Auch wenn es ihm zu Hause nicht wirklich gefällt, will sich Biya am Sonntag wiederwählen lassen – zum siebten Mal in Folge. Mit 36 Jahren Amtszeit ist er nach dem Äquatorialguineer Theodor Obiang der dienstälteste Präsident Afrikas. Hält er auch die nächste Amtsperiode noch durch, wird er 92 Jahre alt sein. Bei einer Papstaudienz prahlte der Methusalem im vergangenen Jahr mit seiner Ausdauer: Sie habe seiner zentralafrikanischen Heimat eine beachtliche Stabilität beschert. Welche Stabilität gemeint war, sagte er nicht. In Wahrheit schlittert Kamerun seit zwei Jahren immer tiefer in einen Bürgerkrieg.

Der Aufstand der englischsprachigen Minderheit im Westen des Landes gegen die erdrückende Dominanz der frankophonen Zentralregierung kostete schon bis zu 100 Menschenleben, mehr als 300.000 Kameruner mussten ihrem Zuhause entfliehen.

Wenige Tage vor den Wahlen sei die Lage in den beiden Provinzen an der Grenze zu Nigeria gelegen äußerst angespannt, berichten Augenzeugen. „Die Straßen sind leer“, sagt der freie Journalist Eyong Blaise, „überall breitet sich Furcht aus.“

Der kamerunische Intellektuelle Achille Mbembe meint, Biya herrsche, indem er nicht regiere: „Er ist wie ein Geist, der sich hinter einer geheimnisvollen Wolke versteckt.“ Das Regieren überlasse er seinen Günstlingen, die ständig damit rechnen müssten, vom Meister der Patronage in die Wildnis versetzt zu werden. Im März sorgte eine Kabinettssitzung in Jaunde für Schlagzeilen: Sie war die erste seit drei Jahren.

Wenn es um die Gefährdung seiner Macht geht, wird der alternde Staatschef allerdings tätig. Dann schickt er die Sicherheitskräfte los, um die Unruhen niederschlagen zu lassen. Kürzlich sorgte ein Video für weltweite Beachtung, das die Exekution zweier Frauen mitsamt ihren Kindern – einem Baby und einem kleinen Mädchen – zeigt: erschossen von kamerunischen Soldaten im Norden des Landes. Bei dem Video handele es sich um „Fake News“, hieß es in Jaunde zunächst. Doch Recherchen der BBC bewiesen die Echtheit der Bilder. Nun hieß es, die Frauen seien Mitglieder der islamistischen Extremistengruppe Boko Haram gewesen.

Als „Terroristen“ werden auch die englischsprachigen Westkameruner bezeichnet, die vor zwei Jahren auf die Barrikaden gingen, weil sie sich als Bürger zweiter Klasse behandelt fühlten. Auch ihre Proteste wurden von den Sicherheitskräften niedergeschlagen – was allerdings nur dazu führte, dass die Opposition immer militanter wurde.

Inzwischen fordern die Westkameruner nicht nur mehr Autonomie und Föderalismus. Viele von ihnen verlangen die Unabhängigkeit „Ambazonias“, immer mehr greifen zu Waffen. Fast 100 Soldaten sollen bei den Unruhen bereits getötet worden sein, neben Hunderten von Protestanten. Dass in den beiden englischsprachigen Provinzen am Sonntag ordentliche Wahlen abgehalten werden können, gilt als nahezu ausgeschlossen – ein weiterer Grund, sich in dem 1961 vereinten Staat nicht mehr zu Hause zu fühlen.

Weil sie nur 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, können die Westkameruner ohnehin nicht damit rechnen, dass ihr Kandidat, der Sozialdemokrat Joshua Osih, das Rennen macht. Überhaupt ist die Opposition mit ihren acht Gegenkandidaten dermaßen zersplittert, dass sich Paul Biya keine Sorgen machen muss. Vermutlich wird er seinen bisherigen Bestwert von 78,8 Prozent (2011) noch überbieten können. „An der Macht bleibt nicht derjenige, der will“, sagte Biya einst, „sondern wer kann.“

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