Minneapolis: Polizisten stoppen vor einer Demonstration einen Wagen und zwingen die Insassen, sich auf den Boden zu legen
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Minneapolis: Polizisten stoppen vor einer Demonstration einen Wagen und zwingen die Insassen, sich auf den Boden zu legen.

USA

Der Präsident im Bunker

  • vonThomas Spang
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In seiner Rede zur Amtseinführung beschrieb Trump die USA als Land des „Blutvergießens“. Zwischen Pandemie, Polizeigewalt und Protesten droht die Fiktion Realität zu werden.

Pünktlich zu Beginn der nächtlichen Ausgangssperre in der amerikanischen Hauptstadt gingen im Weißen Haus die Lichter aus. Als ob niemand zu Hause wäre, verschwand der Wohnsitz des Präsidenten an der Pennsylvania Avenue gegen 23 Uhr im Dunkel der Nacht, während ein paar Straßenblöcke weiter Geschäfte, Autos und Sternenbanner in Flammen aufgingen. Die Feuerwehr eilte herbei, um ein Feuer im Keller der historischen „St. John“-Kirche zu löschen, in der seit 1816 Amerikas Präsidenten beteten. Weder die vollmobilisierte Nationalgarde noch die Polizei schafften es die dritte Nacht in Folge, wütende Demonstranten zu stoppen, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd ihrer Wut über Rassismus und Polizeigewalt freien Lauf ließen.

Als die Sonne am Pfingstmontag wieder aufging, stand auf einem Gebäude nahe dem Weißen Haus ein Graffiti, das direkt an Donald Trump gerichtet war. „Warum müssen wir dir sagen, das schwarze Leben etwas wert sind?“

Doch der Präsident geht auf Tauchstation. Sprichwörtlich. Am Freitag brachte der „Secret Service“ Trump und seine Familie in den Bunker des Weißen Hauses, der seit den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September verwaist war. Angeblich aus Sorge vor Demonstranten, die vom Lafayette-Platz aus versuchten, zu der schwer gesicherten Residenz des Präsidenten vorzudringen.

Während von Boston, New York und Washington, über Miami, Louisville und Chicago bis Houston, Los Angeles und Seattle Hunderttausende Menschen auf die Straßen gehen, um – meist friedlich – zu demonstrieren, markiert Trump aus seinem Versteck den starken Mann. Und gießt Öl ins Feuer. Der Präsident droht den Demonstranten vor dem Weißen Haus mit dem Einsatz „bissiger Hunde“ und „überwältigender Waffengewalt“. Er handelt sich auf Twitter eine Rüge wegen Gewaltverherrlichung ein, weil er den rassistisch gefärbten Satz, „wenn das Plündern beginnt, fängt das Schießen an“, als Kommentar zu den Unruhen absetzt.

In einigen Fällen solidarisieren sich auch Polizisten symbolisch mit den Demonstrierenden.

Von Führung keine Spur. Keine Rede aus dem Oval Office an die Nation, obwohl ihn Mitarbeiter dazu drängen. Kein Treffen mit Vertretern der Bürgerrechtsbewegung oder den Gouverneuren. Keine öffentliche Anteilnahme für die Betroffenen. Philonise Floyd, der Bruder des am Montag vergangener Woche getöteten 48-Jährigen, sagt, der Kondolenzanruf des Präsidenten sei „blitzschnell“ vorüber gewesen. „Er hat mir keine Gelegenheit gegeben, etwas zu sagen.“

Dabei hätte Philonise viel zu sagen gehabt. So wie die Demonstranten in Amerikas Straßen, die Trump erklären könnten, warum der tödliche Covid-19-Virus, die neue Massenarbeitslosigkeit und die Gewalt der Polizei Minderheiten, speziell Afroamerikaner, so überproportional treffen.

Zum Beispiel Jimmy Mills, der im Epizentrum der Unruhen in der Midtown-Nachbarschaft von Minneapolis ein Friseurgeschäft betreibt. Die Schwarzen, die hier leben, verdienen im Schnitt nur ein Drittel dessen, was ihre weißen Mitbürger in der wohlhabenden Stadt nach Hause bringen. Obwohl sie nur 20 Prozent der Stadtbewohner stellen, machen sie 35 Prozent unter den Infizierten und einen noch höheren Anteil unter Covid-Toten aus.

Mills musste wegen der Pandemie seinen Barbershop vor zwei Monaten schließen. Der beliebte Friseur fing sich selber den Virus ein und überlebte. Jetzt sollte es wieder losgehen. Doch daraus wird nun nichts, weil sein Geschäft bei den Unruhen in Flammen aufging. „Erst Corona zu haben und jetzt das, es ist wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt er einem Reporter vor Ort.

Doch wie viele andere teilt Mills die Wut über den Alltag in Trumps Amerika. „Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, was Leute mitmachen“, beschreibt Mohamud Noor, demokratischer Abgeordneter des Repräsentantenhauses von Minnesota, die verzweifelte Lage in den von Armut geplagten Nachbarschaften, die er repräsentiert.

Wer sein Geschäft angezündet hat, weiß Jimmy Mills nicht. Der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, bezweifelt, dass es Menschen aus der Nachbarschaft waren. „Wir haben Anlass zu glauben, dass schlechte Akteure von außen die berechtigten Proteste gegen den Mord an George Floyd infiltrieren“, sagt der Demokrat am Sonntag. Und deutet auf weiße Nationalisten und andere Rechtsextremisten als mutmaßliche Krawallmacher hin.

Einen Beweis dafür liefert Walz nicht, der wiederholt Zielscheibe giftiger Twitter-Attacken des Präsidenten war. Auch der Präsident bleibt Belege für seine Behauptung schuldig, die Antifa-Bewegung stecke hinter den Unruhen, die in mehr als zwei Dutzend Städten zu Ausgangssperren geführt und in zwölf Staaten die Nationalgarde auf den Plan gerufen hat.

„Die Gewalt und der Vandalismus werden von der Antifa und anderen gewaltsamen Gruppen des linken Flügels angeführt“, behauptet Trump und droht: „Die Vereinigten Staaten von Amerika werden die ANTIFA als terroristische Organisation einstufen.“ Nach Ansicht von Analysten deutet das auf die eigentliche Strategie des Präsidenten hin. Vor den Wahlen will er sich wie einst Richard Nixon während der Unruhen nach dem Tod Martin Luther King 1968 als harter Hund profilieren. „LAW AND ORDER“, twitterte Trump aus dem Weißen Haus.

Ob das bei den Wählern ankommt, bleibt die offene Frage. Denn anders als vor einem halben Jahrhundert sorgen sich die Amerikaner laut jüngsten Umfragen mindestens so sehr um die tödliche Pandemie, in der Trump ebenfalls Führung vermissen ließ, wie über die Unruhen.

Gesundheitsexperten befürchten, die Massenproteste könnten eine zweite Welle der Corona-Pandemie auslösen. Die in seiner Rede zur Amtseinführung beschriebene düstere Fiktion eines Landes, das von Gewalt und Tod geprägt ist, könnte sich während der letzten Monate Trumps im Weißen Haus vor den Wahlen tragisch bewahrheiten.

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