WAFFENPROGRAMME IRAKS

Potemkinsche Dörfer für den Diktator

Er habe, sagt David Kay, in Irak keine Waffen gesucht, sondern die Wahrheit. Was nach seiner Ansicht die Wahrheit über Iraks Massenvernichtungswaffen ist,

Von DIETMAR OSTERMANN (WASHINGTON)

Er habe, sagt David Kay, in Irak keine Waffen gesucht, sondern die Wahrheit. Was nach seiner Ansicht die Wahrheit über Iraks Massenvernichtungswaffen ist, hat der vorige Woche zurückgetretene US-Chefinspekteur jetzt erstmals in Interviews ausführlich dargelegt.

Das Ergebnis wirft ebenso Fragen auf, wie es überrascht. Denn Kay, der acht Monate lang an der Spitze der US-Suchtrupps stand, stützt vordergründig keine der gängigen Thesen über Saddam Husseins Arsenale: Weder hatte der im vorigen Jahr gestürzte Diktator den verbotenen Waffen abgeschworen, wie Irak stets beteuert hatte, glaubt Kay. Noch hatte Saddam seine ABC-Programme in einen geordneten Winterschlaf versetzt, wie viele Experten vermuten. Schon gar nicht hatte er heimlich Massenvernichtungswaffen angehäuft, wie die US-Regierung offiziell noch immer behauptet.

Vielmehr hatte Bagdad nach Einschätzung Kays selbst längst jeden Überblick und die Kontrolle über die eigenen Rüstungsaktivitäten verloren. Unter einem zunehmend isolierten und jeder Realität entrückten Saddam stürzte das irakische Regime demnach in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in eine Art "finsteres Mittelalter". Korruption breitete sich aus, das Regime fiel in eine lähmende "Todesspirale".

In dieser Zeit wurden laut Kay auch die Überreste der irakischen ABC-Waffenprogramme zerstört. Zuvor bereits habe Irak die meisten seiner Bestände an verbotenen Waffen vernichtet. Auch habe man Dokumente gefunden, die zeigten, dass Irak nach der Flucht des für Rüstungsfragen zuständigen Saddam-Schwiegersohns Hussein Kamel 1995 die Fortsetzung jeglicher Waffenprogramme als kompromittiert ansah. Die verbliebene Infrastruktur des Chemiewaffen-Programms sei dann bei US-Bombardierungen 1998 weitgehend vernichtet worden.

Danach zerfielen Iraks Rüstungsaktivitäten laut Kay endgültig von "geführten Programmen in einen korrupten Prozess". Beteiligte Wissenschaftler machten sich demnach Saddams Angewohnheit zunutze, Geld für Rüstung persönlich und ohne Rücksprache zu genehmigen. Dabei wurde gegenüber dem Diktator angeblich gelogen, dass sich die Balken bogen: "Die Wissenschaftler waren in der Lage, Programme vorzutäuschen", glaubt Kay. Die Mittel seien dann anderweitig verwendet worden. So habe Irak nach 2001 zwar sein Atomprogramm wieder angefahren, behauptet Kay ohne Einzelheiten zu nennen: "Aber das Überraschende ist, dass die irakischen Programme im Vergleich zu dem, was wir über Iran und Libyen wissen, niemals so fortgeschritten waren."

Kay beschreibt Saddam in den letzten Jahren seiner Herrschaft als ahnungslosen Despoten, der ausgenutzt und hintergangen wurde. Verwirrung darüber, ob man nun Massenvernichtungswaffen besitzt oder nicht, bestand offenbar auch in den Streitkräften Iraks.

Warum die US-Geheimdienste den Zustand der irakischen Rüstungsprogramme so falsch einschätzten, muss nach Ansicht Kays dringend untersucht werden. US-Präsident George W. Bush treffe keine Schuld. Nicht der müsse sich beim US-Volk entschuldigen, sondern die Geheimdienste bei ihm. Auch für den Krieg liefert Kay eine neue Rechtfertigung: Gerade das Fehlen jeder zentralen Kontrolle über die irakischen Rüstungsaktivitäten habe Irak zu einem "sehr gefährlichen Ort" gemacht.

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion