Serie

Wem Pop will rechte Gunst erweisen

  • schließen

Nie zuvor war massenbegeisternder Pop so patriarchal und identitär, sexistisch, homophob und rassistisch wie heute.

Mag sein, dass der große Rechtsruck ausgeblieben ist bei den Europawahlen, aber deutlich bleibt doch die Verschiebung, die sich in den politischen Ergebnissen manifestiert. Weithin gewachsen ist das Verlangen nach Tradition, Herkunft und Identität; nach patriarchalen Verhältnissen und einer weniger komplizierten, übersichtlicheren Welt; ein Verlangen nach Abgrenzung und Grenzen; die Abwehr von allem, was man als anders empfindet.

Diese Verschiebung ist eine kulturelle; sie läuft dem politischen Wandel seit Jahren voraus und hat ihn mit vorbereitet. Man findet sie in verschiedenen Feldern, besonders deutlich aber in der Popmusik. Wohl nie zuvor war massenbegeisternder Pop so patriarchal und identitär, sexistisch, homophob und rassistisch wie heute. So sind unter den erfolgreichsten Rockmusikern im deutschsprachigen Raum seit wenigstens einem Jahrzehnt viele Künstler und Gruppen, die sich als patriotisch, traditions- und heimatbewusst inszenieren; etwa die südtiroler Band Frei.Wild oder der österreichische „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier, der in seiner Musik nostalgische Heimat- und Volksmusikmotive mit nicht minder nostalgischen Rock’n’Roll-Klängen aus der 1950er-Jahren verbindet. Damit ist Gabalier, der – wenigstens bis zur vorletzten Woche noch – dem mittlerweile geschassten FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache freundschaftlich verbunden war, zum erfolgreichsten deutschsprachigen Popmusiker aufgestiegen. Und das nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland: Am übernächsten Wochenende spielt er etwa zwei ausverkaufte Konzerte in der Berliner Waldbühne.

Das ist die eine Seite. Aber die andere ist: Ausschlaggebenden Anteil an der Durchsetzung reaktionärer politischer Inhalte im deutschsprachigen Hitparaden-Mainstream hatten nicht nur patriotische Rocker aus Deutschland, Österreich oder Südtirol. Sondern vor allem auch Deutsch-, Gangsta- und Straßenrapper mit migrantischem, oft muslimischem Kulturhintergrund wie Bushido, Haftbefehl, Kollegah und Farid Bang. Dass paläolitischer Maskulinismus und Misogynie, roher Sexismus, Homophobie, Rassismus, Hate Speech und – in pophistorisch bislang unbekanntem Ausmaß – auch antisemitische Stereotype und Verschwörungstheorien in den Charts anzutreffen sind: Das haben wir keinen AfD- oder FPÖ-nahen Patrioten zu verdanken, sondern gerade Künstlern aus jener Bevölkerungsgruppe, die die deutschen Rechtspopulisten am liebsten irgendwohin „abschieben“ möchten – die ihnen weltanschaulich aber in Wahrheit viel näher stehen, als man es sich in den offiziellen Verlautbarungen eingesteht.

Diese sonderbare Dialektik gehört zur kulturellen Rechtsverschiebung im Pop wesentlich hinzu: Seit anderthalb Jahrzehnten bewähren sich die rappenden Penisse aus dem Migranten-Hiphop als nützliche Idioten für den Rechtspopulismus, der sie einerseits als tabulose und unzivilisierte Spachrohre seiner Ideologie braucht sowie andererseits als klischeehafte Feindbilder. Denn als muslimisch geprägte Parallelweltbewohner mit einer gern ausgestellten Nähe zur organisierten Kriminalität entsprechen sie ja gerade dem Schreckbild, das der rechte Flügel der Konservativen und die AfD von nicht-integrationswilligen Migranten zeichnen. So dienen sie gleichermaßen als stereotype Verkörperung der vom Populismus beschworenen Gefahr eines gescheiterten Multikulturalismus – und als Protagonisten jenes patriarchalen Männlichkeitsbilds und Gesellschaftsbild, das im innersten Kern des populistischen Weltbilds liegt.

Serie

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Europa steht auch kurz nach der Wahl im Mittelpunkt. Und weil es um Einheit oder Zerfall, Zusammenhalt oder Spaltung geht, haben wir das im Bild eingefangen.

Der Hass auf Frauen und Schwule, den Bushido, Kollegah, Farid Bang & Co. kultivieren, und auf den grassierenden „Genderwahnsinn“(Gabalier) ist eine wesentliche Konstituente des rechtspopulistischen Weltbilds; eine andere ist die Sehnsucht nach einer von der Zersetzungskräften der Globalisierung unangekränkelten Heimat und Tradition. Diese wird manchmal aggressiv vorgetragen: „Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land / das unsere Heimat ist“, heißt es etwa bei Frei.Wild in dem Lied „Südtirol“. Freilich findet sich die Liebe zu Heimat und Herkunft auch bei vielen anderen, äußerst erfolgreichen Bands, die sich selber als unpolitisch oder sogar als linksgeprägt bezeichnen würden – etwa bei der norddeutschen Gruppe Santiano, die Rockmusik mit Seemannslied- und Piratenromantik-Motiven verbindet; oder bei den zahlreichen Mittelalter-Rock-Bands wie In Extremo oder Schandmaul. Gegen den lange Zeit vorherrschenden Kosmopolitismus des Pop beschwören sie alle in mehr oder weniger modernisiertem Gewand nationale oder regionale Musik- und Motiv-Traditionen. Im breiten Zuspruch für diese Bands scheint sich mithin ein Bedürfnis nach Heimatpflege zu äußern, das – in vorpolitischer Weise – für breite Publikumsschichten gilt, unabhängig von sonstigen ideologischen Einstellungen.

Gegenüber solchen generellen Verschiebungen in der popkulturellen Mentalität ist es andererseits interessant anzusehen, dass die politischen Protagonisten des neuen Rechtspopulismus selber über gar keinen eigenen Soundtrack verfügen. Weder AfD noch Pegida haben Rockbands, Rapper oder auch nur Liedermacher von nennenswerter Bedeutung aufzuweisen, die sich ausdrücklich zu ihnen bekennen würden. Beim subkulturellen Arm der Bewegung, den Identitären, gibt es gerade einmal einen einsamen Rapper aus Halle an der Saale, der ihre Demonstrationen musikalisch beschallt: Er heißt Komplott und befasst sich in seinen Tracks mit dem mangelnden Denkmalschutz für historische Kirchen; in seinen Videos kämpfen Germanenheere in dunklen Wäldern gegen imaginäre Feinde; manchmal blendet er in seinen Sprechgesang auch aufputschende Demonstrationsreden des neurechten Vordenkers Götz Kubitschek ein.

So ist der bekannteste Popstar der Neuen Rechten zugleich auch ihr einziger. Das liegt wiederum an dem strengen kulturellen Reinheitsgebot, das dem Weltbild echter Rechter zugrunde liegt: Durch dieses werden alle popmusikalischen Formen geächtet, die nicht von rein deutschen, rein weißen, heterosexuellen Männern unter Ausschluss afroamerikanischer oder sonstiger nicht-weißer, nicht-deutscher Einflüsse vorgetragen werden. Was vom Pop dann noch bleibt, ist ziemlich wenig; selbst Komplott muss auf Nachfrage zugeben, dass Hiphop eigentlich „gar nicht so richtig deutsch“ ist. Den dogmatischen Spitzen der neurechten Bewegung ist Popmusik mentalitätsgeschichtlich prinzipiell fremd – denn Popmusik gründet ästhetisch schon immer auf Hybridität, auf der Vermischung von kulturellen Traditionen, auf der Globalisierung.

Kann man also sagen, dass die konstitutive Hybridität des Pop ein utopisches Gegenbild bietet gegen die identitären Verhärtungen des kulturellen und politischen Rechtspopulismus? Einerseits ja: In der kulturellen Situation, in der wir uns befinden, gibt es jenseits von Phänomenen wie dem reaktionären Deutschrock und Deutschrap eben auch breite Strömungen des Pop, die emanzipatorisch und transgressiv, global und eklektizistisch sind; insbesondere im Feld der elektronischen Klubmusik und der dazugehörigen Avantgarde. Hier sind schwule, lesbische, nicht-binäre Künstlerinnen und Künstler so sichtbar wie noch nie; hier haben die Möglichkeiten, die das Internet bietet – die Öffnung der Archive und die simultane Vorhandenheit aller nur denkbaren weltweiten Stile und Traditionen –, zu einer historisch unbekannten Entgrenzung des Musizierens geführt. Viele elektronische Produzenten und Produzentinnen können gar nicht genug bekommen von den Inspirationen aus noch den entlegensten Winkeln der im Westen bislang nicht erschlossenen globalen Popkultur: „Xenomania“ hat dies der Popkritiker Simon Reynolds vor einigen Jahren einmal genannt.

Andererseits: steht dieser Eklektizismus auch unter zunehmender und immer vehementerer Kritik durch die Sachwalter und Sachwalterinnen einer linken Identitätspolitik. Diesen gilt die Vermischung verschiedener Stile und Traditionen betreibt als abzulehnende „cultural appropriation“. Denn egal, was man womit vermischt – man bekräftigt in dieser Perspektive damit immer irgendein Machtverhältnis; es findet sich garantiert immer irgendein Opfer, das durch die Aneignung der „eigenen“ Tradition in seiner Souveränität verletzt wird. Gerade erst musste zum Beispiel die kanadische Elektronikproduzentin Ramzi ein ganzes Album zurückziehen, weil sie auf einem vorab veröffentlichten Track – neben vielen anderen Samples, die sie aus den globalen Verzweigungen des Internet gefischt hatte – auch ein paar Sekunden des indischen Nationallieds zu Gehör gebracht hatte; daraufhin entfachte ein britischer DJ mit indischem Migrationshintergrund einen veritablen Shitstorm, weil er diese „heilige“ Melodie durch die Verwendung in einem klubmusikalischen „Wegwerfstück“ als entehrt erachtete. Von der Beschwörung der „heiligen Heimat“, wie sie die patriotische südtiroler Band Frei.Wild pflegt, ist diese Haltung nicht weit entfernt.

Wer von der wachsenden Hegemonie identitärer Vorstellungen in der Popkultur reden will, darf sich also nicht nur auf die Seite der Rechtspopulisten beschränken: Die Abwehr des Anderen und des Hybriden, die Beschwörung der kulturellen Identität und die daraus resultierende Verhärtung hat gegenwärtig alle politischen Lager ergriffen.

Für die Kritik des Pop kann das nur heißen, dass sie einen Ort jenseits der verfestigten Frontlinien suchen muss: Die Utopie, die Popmusik immer noch bietet – dass es ein Leben und eine Kultur jenseits der überkommenen Traditionen und Identitäten, jenseits der irdischen Grenzen und Territorien gibt –, muss heute stärker denn je gleichermaßen gegen die Kräfte der linken und rechten Identitätspolitik, gegen die Kräfte der linken und rechten Reaktion verteidigt werden.

Jens Balzer ist Autor der Wochenzeitung DIE ZEIT. Zum Thema „Pop und Populismus“ hat er einen gleichnamigen Essayband herausgebracht (Edition Körber, Hamburg 2019. 208 S., 17 Euro). Außerdem gerade erschienen ist: „Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“ (Rowohlt, Berlin 2019. 432 S., 26 Euro).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion