Haider Mulla (Mitte), Anwalt des Fernsehsenders Al Dschasira, streitet mit Polizisten im Konferenzraum des Senders in Bagdad wegen der Schließung des Büros.
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Haider Mulla (Mitte), Anwalt des Fernsehsenders Al Dschasira, streitet mit Polizisten im Konferenzraum des Senders in Bagdad wegen der Schließung des Büros.

Die populärste politische Partei der arabischen Welt

"Wir befolgen einen professionellen Ethik-Code": TV- Sender Al Dschasira kritisiert die verlängerte Schließung seines Büros in BagdadDie Fronten zwischen der irakischen Interimsregierung und dem Fernsehsender Al Dschasira verhärten sich. Während die Regierung in Bagdad die einmonatige Schließung des Bagdad-Büros des Senders verlängerte, hält der Sprecher der TV-Station die Vorwürfe für unhaltbar.

Von ANDREA NÜSSE

Die Fronten zwischen der irakischen Interimsregierung und dem Fernsehsender Al Dschasira verhärten sich. Während die Regierung in Bagdad die einmonatige Schließung des Bagdad-Büros des katarischen Senders verlängerte, hält der Sprecher der TV-Station die Vorwürfe für unhaltbar. "Es gab keinen Grund für die Schließung und ebenso wenig Grund dafür, diese zu verlängern", kritisiert Jihad Ballout im Gespräch mit der FR.

Die Regierung von Premierminister Allawi dagegen wirft dem Sender mit etwa 35 Millionen Zuschauern vor, er ermutige unter dem Deckmantel der Pressefreiheit Gewalt, Hass und ethnische Spannungen. Irakische Polizisten hatten das Büro des Senders in Bagdad am 5. August geschlossen. Nach Angaben Allawis hatte der Nationale Sicherheitsrat die Schließung angeordnet, um die irakische Bevölkerung "zu schützen". Zuvor habe eine Kommission vier Wochen lang die Irak-Berichterstattung Al Dschasiras beobachtet.

Trotz Verbots weitergesendet?

Am 4. September wurden die Büros in Bagdad versiegelt und der einmonatige Bann verlängert. Angeblich habe Al Dschasira trotz des Verbots weiterhin aus Irak gesendet und dort Interviews geführt. Außerdem habe der Sender keine Stellung genommen zu den Vorwürfen. Der Sprecher des Senders dagegen erklärt, man habe offiziell keinen Bericht der Kommission erhalten, zu dem er Stellung nehmen könnte.

Auch wenn das Al-Dschasira-Büro keinen detaillierten Bericht über die Vorwürfe bekommen haben sollte, sind sie doch kein Geheimnis. Denn der Konflikt zwischen dem Sender und den USA sowie der heutigen irakischen Interimsregierung schwelt seit langem. Während des Krieges waren die USA verärgert darüber, dass Al Dschasira Erklärungen der US-Militärs als falsch entlarvte. So zeigten Aufnahmen aus Basra, die Amateure mit Videokameras gemacht hatten, dass die Stadt in Südirak nicht gefallen war, wie von den USA behauptet. Während der Kämpfe um Falludscha im April war Al Dschasira der einzige Sender, der Bilder aus der belagerten Stadt bieten konnte.

Auch die Ausstrahlung von Bildern getöteter US-Soldaten und Geiseln wurde in Washington scharf kritisiert. "Das war ein Krieg und Krieg bedeutet Tod", rechtfertigt Ballout diese Aufnahmen. Hätte man nicht Bilder von allen Seiten gezeigt, hätte man das Publikum irregeführt, meint der Sprecher. Seit Kriegsende habe man keine Fotos von grausam verstümmelten Leichen oder Hinrichtungen gezeigt. Allerdings hatte der Sender elf Sekunden eines Videos ausgestrahlt, das angeblich die Hinrichtung eines US-Soldaten zeigte. Das Video stellte sich später als gefälscht heraus.

Ein Stein des Anstoßes sind eben jene Videos von Osama Ben Laden oder anderen Gruppen, die in Irak derzeit kämpfen, Geiseln nehmen und zum Widerstand gegen die US-Soldaten aufrufen. "Wir senden aus den Videos nur, war für uns Nachrichtenwert hat", verteidigt Ballout die Arbeit des Senders. Anschließend werde das Material noch daraufhin untersucht, ob es "unmenschliche" Szenen enthalte. Die würden nicht gesendet. Er verweist auf den neuen Ethik-Code, den das Unternehmen sich und seinen Mitarbeitern im Juli auferlegt hat. Vom Umgang mit Bildern von Gewalt und Botschaften terroristischer Gruppen ist darin allerdings nicht die Rede.

Dennoch ist der neue Ethik-Code ein Fortschritt und wahrscheinlich auch ein Ergebnis der nicht endenden Kritik an Al Dschasira. Denn für westliche Beobachter drängte sich der Eindruck auf, der Sender, zunächst berauscht von der praktizierten Meinungsfreiheit, die in der von Zensur bestimmten arabischen Welt einmalig ist, habe nicht verstanden, dass Journalisten sich eben durch einen Ethik-Code selbst neue Grenzen auferlegen müssen. In dieser Frage scheint sich nun etwas bewegt zu haben.

Dennoch gehen die Ansichten des Senders und der Interimsregierung, was eine unparteiische und umfassende Berichterstattung ausmacht, auseinander. Der Irak- Korrespondent Abd al-Adhim Mohammed beklagt auf der Al-Dschasira-Internetseite, dass die Regierung eine "aus deren Blickwinkel neutrale Berichterstattung" verlange. Regierungsvertreter hätten den Korrespondenten mehrfach vorgeworfen, nicht ausreichend über die positiven Entwicklungen seit dem Sturz Saddam Hussein zu berichten. "Dann laden sie uns zu einer Schuleröffnung ein und es stellt sich heraus, dass dies lediglich eine renovierte Schule ist", berichtet Mohammed, das sei "vom journalistischen Standpunkt aus keine Nachricht." Dass eine solche "Normalität" in dem kriegsgeschüttelten Land doch berichtenswert sein könnte, sieht er nicht.

Sprecher Ballout weist darauf hin, der Sender habe sehr wohl über den Aufbau des Elektriziätsnetzes berichtet. "Aber alle Umfragen haben ergeben, dass Sicherheit das mit Abstand wichtigste Thema für Iraker ist", erklärt er das mögliche Ungleichgewicht in der Berichterstattung, "damit bekommen alle sicherheitsrelevanten Fragen für uns Nachrichtenwert."

Der Konkurrenzsender Al-Arabiya hatte im vergangenen November nach einer kurzen Schließung eine Erklärung unterschrieben, dass er dem Terrorismus keinen Vorschub leisten werde. Das lehnt Ballout im Namen Al Dschasiras ab, weil es selbstverständlich sei. Eine solche Erklärung würde wahrscheinlich auch nicht viel nützen angesichts der unterschiedlichen Definitionen von Terrorismus. Aufständische in Falludscha sind für weite Teile der arabischen Welt und für Al Dschasira Widerstandskämpfer, für die USA dagegen Terroristen.

Das wirkliche Problem liegt viel tiefer und ist angesichts der derzeitigen Konfrontation zwischen den USA und der Region kaum zu lösen. Nach Ansicht von Rami Khoury, Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung Daily Star, sind viele Massenmedien in den USA und in der arabischen Welt von "unabhängigen Chronisten der Ereignisse" auch über den Krieg hinaus zu "aktiven Kombattanten an der Front der Informationen" geworden.

Die arabischen Satellitensender sind nach Ansicht Khourys zwar unabhängiger und professioneller geworden. Aber sie stünden heute unter einem ganz neuen Druck: Die elektronischen Massenmedien sind der einzige Sektor, auf dem ein Kräftegleichgewicht zwischen USA und arabischer Welt besteht. Doch genau dies führe zu einer extremen Politisierung. Hazem Saghieh von der angesehenen pan-arabischen Tageszeitung Al-Hayat nennt den Fernsehsender Al Dschasira die "populärste politische Partei" der arabischen Welt.

Trotz dieses strukturellen Problems und der daraus resultierenden teilweise einseitig pan-arabisch und nationalistisch gefärbten Berichterstattung kritisieren Medienverbände die Schließung des Bagdad-Büros von Al Dschasira . Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" in Paris ist "beunruhigt" über die "Episoden von Zensur" in Irak und verlangt eine Erklärung der Regierung Allawi. Doch die scheint nicht auf Dialog, sondern auf Stärke zu setzen.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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