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Die staatstragenden Termine hat Merkel bereits an den Tagen zuvor abgehakt, etwa den bei Premier Li Keqiang.

Besuch in China

Popstar Merkel

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Die Chinesen bejubeln die Bundeskanzlerin in Hefei. Es gibt auch ein Treffen mit Dissidenten.

Gut elf Flugstunden von Berlin entfernt, ein wenig abgelegen im Südosten Chinas liegt Hefei. An diesem Morgen aber ist es vor allem eine ganz andere Welt. Zumindest für Angela Merkel.

Dieser Jubel, dieses Kreischen, der Hype, wann hat sie das zuletzt erlebt, in den zähen Berliner Tagen dieser Kanzlerschaft? Hunderte von Studenten stehen in Fünferreihen um die Universität von Hefei, und als die Bundeskanzlerin im schwersten aller Audis vorfährt. Transparente fliegen hoch, entrückte Schreie erfüllen den Platz. So laut, so hell, dass Merkel noch lange davon zehren kann. Etwa am heutigen Samstag in Berlin, wenn sie mit Seehofer reden muss. Wenn das Glück, ein Staatsgast in China zu sein, vorbei sein wird für die Kanzlerin.

Aber in Hefei konnte sie sogar einen tröstlichen Blick auf die CDU werfen können, auf eine Partei, in der sich vor Jahrzehnten bereits einmal Ministerpräsidenten unkonventionell für Flüchtlinge eingesetzt haben. Die Uni stellt zu ihrem 30-jährigen Jubiläum ihre Geschichte aus und dort hängt auch ein Bild von Ernst Albrecht, dem ehemaligen niedersächsischen Landeschef und Vater der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Niedersachsen hat die Uni Hefei von Beginn an unterstützt, und Albrecht hat schon damals gezeigt, wie man Flüchtlinge aufnimmt. Er holte hunderte Boat-People, Flüchtlinge aus Vietnam, nach Deutschland. Auch damals gab es nicht nur Begeisterung über diesen humanitären Handstreich eines Christdemokraten.

Selbst Sigmar Gabriel ist in an diesem Tag in Hefei als Erinnerung dabei, auch sein Bild hängt in der Ausstellung der Uni, fast jeder wichtige Niedersachse war mal hier. Merkel geht an den Fotos vorbei. Berlin und die Politik lassen sich nicht abschütteln, ausgerechnet Gabriels Bild. Zuhause in Berlin hat ihr Vizekanzler gerade erklärt, dass er Merkels und Seehofers Streit über die Flüchtlinge nicht mehr hören will. Dann geht sie vor die Tür der Uni, unten auf dem Platz hebt wieder der Jubel an. Laut und lange.

Nein, diese Tage in China sind keine Auszeit für Merkel, eine Kanzlerin hat keine Auszeit, und die fünfzig Stunden unterwegs sind voll mit Termine gepackt. Aber sie können eine andere Perspektive geben.

Da ist der Jubel, und da ist auch ein Blick über die Berliner Aufgeregtheiten hinweg. Ein Blick auf diejenigen, die für ihre politischen Überzeugungen nicht einmal öffentlich einstehen können oder zum Jubel angehalten werden. Am Donnerstagabend, bevor sie in Hefei bekreischt wird, trifft sich Merkel mit einem kleinen Kreis, neun Leute, aus der Dissidentenszene. Anwälte, Bürgerrechtler und Autoren. Im offiziellen Programm werden solche Treffen nicht ausgewiesen. In der Vergangenheit war es oft so, dass nicht alle in die deutsche Botschaft geladenen Dissidenten auch dorthin gelangen konnten. Chinas Staatsführung hat an solchen Treffen kein Interesse. Doch so, wie sie Dinge verhindert, macht sie auch Dinge möglich.

China jenseits der Städte

Es war bekannt, dass die Kanzlerin gerne einmal China jenseits der Städte sehen wollte. Kurz vor ihrer Rückkehr nach Berlin bekommt sie den Wunsch erfüllt. Ein paar Kilometer draußen vor der Stadt Hefei liegt das Dorf Shen Fu und an diesem verrückten Freitagnachmittag liegt es im Zentrum der Welt. Mit großer Kolonne kommt die Kanzlerin ins Dorf, die Straßen sind gesäumt von Polizisten, Zivilpolizisten und Geheimdienstlern. Und sie sind gesäumt von Dorfbewohnern mit Smartphones. Sie stehen auf den Bürgersteigen, sie können nicht aufhören, die Kanzlerin zu fotografieren, die jetzt mit dem Tross die Straße herunterläuft zum Haus der Familie Shen. Drinnen im Haus sind zwei Kinder, Eltern, Großeltern. Der Boden des Hauses ist weiß gekachelt, auf dem Tisch stehen Weintrauben für die Kanzlerin. Die lässt sich noch den Garten hinterm Haus zeigen, hat einen Wok und Bauklötze für die Kinder als Geschenk mitgebracht.

Sie weiß, welche Aufregung sie ausgelöst hat. Also fragt sie, ob die Vorbereitungen für diesen Moment nicht zu anstrengend waren. Dann genießt sie diesen öffentlichen Moment mit der Familie im Dorf Shen Fu, und erfährt, dass der Schwiegersohn als Immobilienmakler arbeitet, nicht mehr im Dorf. Doch der Großvater baut noch Sellerie im Garten an, ohne Pestizide. Dann geht sie raus, die Handys werden wieder in die Höhe gereckt.

Ein paar Straßen weiter, in der Dorfschule, trifft man in diesen Minuten noch letzte Vorbereitungen. Dann biegt die Kolonne um die Ecke, der Audi der Kanzlerin parkt vor dem Schultor. Drinnen basteln die Kinder Laternen; Merkel geht in die Bastelstunde, in die Mathestunde, sie steht auf dem Fußballplatz und hat Bälle mitgebracht. Sie ist ein gutmütiger Popstar, auf dem Schulhof machen Chinesinnen schon Fotos von den deutschen Sicherheitsbeamten. Das ist keine Auszeit, das ist ein kleines Staatsgast-Festival in Shen Fu.

Als sie vom Fußballplatz zurückkommt, stellt ein Fernsehmann Merkel die Frage, ob sie Kraft getankt habe, Kraft für das, was am Wochenende auf sie zukomme, Seehofer, Gabriel. Da ist es dann vorbei mit dem Fest. Sie ist die Kanzlerin und sagt nüchtern, dass sie auf dieser Reise vieles sehr interessiert habe, so, wie sie auch ihre Arbeit zu Hause mit Interesse verrichte. Schnitt.

Sie wird wiederkommen, im nächsten Jahr. Nicht wegen des Jubels. Sondern der Partnerschaft zur Wirtschaftsmacht. Das, sagt sie, sei „richtig und gut“.

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