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Botschaft vor der Synagoge in Hamburg. afp

Antisemitismus

Polizei: Versuchter Mord

Die Attacke auf einen jüdischen Studentenin Hamburg war vermutlich antisemitisch motiviert

Polizei und Generalstaatsanwaltschaft werten den Angriff auf einen jüdischen Studenten vor einer Hamburger Synagoge nach ersten Erkenntnissen als versuchten Mord – mutmaßlich aus Hass auf Juden. „Aufgrund der derzeitigen Einschätzung der Gesamtumstände ist bei der Tat von einem antisemitisch motivierten Angriff auszugehen“, teilten die beiden Behörden mit. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, Philipp Stricharz, sprach von einem „Terroranschlag“.

Wegen der Bedeutung des Falles und wegen eines möglichen extremistischen Hintergrunds übernahm die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen. Der 29-jährige Deutsche mit kasachischen Wurzeln leidet unter paranoider Schizophrenie. Das erfuhr das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) aus Sicherheitskreisen. Die Polizei fand demnach bei einer Durchsuchung seiner Wohnung entsprechende Krankenakten. Schon vorher hatte es geheißen, der Mann habe bei seiner Vernehmung einen „extrem verwirrten Eindruck“ gemacht.

Der 29-Jährige soll den jüdischen Studenten am Sonntag vor der Synagoge mit einem Klappspaten angegriffen und schwer am Kopf verletzt haben. Der Student erlitt nach Angaben der Polizei keine lebensgefährlichen Verletzungen, wurde nach Informationen des „Hamburger Abendblattes“ aber auf der Intensivstation eines Krankenhauses behandelt.

„Nach aktuellem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise auf Mittäter vor“, teilten Polizei und Generalstaatsanwaltschaft mit. Der mutmaßliche Täter hat eine Berliner Meldeadresse, deren Überprüfung in Berlin aber ergeben habe, dass er dort seit 2019 nicht mehr wohnt. „Weitere Ermittlungen führten zu einer Wohnung in Hamburg-Langenhorn, in der sich der Beschuldigte unangemeldet aufhielt“, hieß es weiter. In der Nacht zum Montag sei die Wohnung durchsucht worden. Neben der erwähnten Krankenakte wurden „in der Wohnung Datenträger sichergestellt, deren Auswertung andauert“, so die Polizei.

Politik zeigt sich entsetzt

Der Mann ist den Angaben zufolge bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten. Nach seiner Festnahme hatten die Ermittler einen Zettel mit einem handschriftlich aufgemalten Hakenkreuz in seiner Hosentasche gefunden. „Die Ermittlungen zur Herkunft der vom Beschuldigten getragenen Bundeswehruniform dauern ebenfalls an“, hieß es.

Der Student habe eine Kippa getragen, sagte ein Polizeisprecher. Nach dem Angriff habe der 26-Jährige ausgesagt, dass er den Angreifer noch nie gesehen habe. Zudem sei der Schlag völlig unvermittelt gekommen. Das Opfer habe zunächst die Schritte gehört, sich deshalb umgedreht und habe dann direkt den Schlag abbekommen.

Innensenator Andy Grote betonte die ständige Bedrohung durch rechtsextreme oder antisemitische Gewalttäter. „Auch dem Letzten, der geglaubt hat, im weltoffenen Hamburg könne so etwas nicht passieren, muss jetzt klar sein, wie allgegenwärtig die Gefahr ist“, twitterte der SPD-Politiker.

Die Tat rief auch bundesweit Entsetzen und Empörung hervor. Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) verurteilte den Angriff scharf. Es sei „ein feiger und abscheulicher Anschlag, der auch mich bestürzt“, schrieb der frühere Hamburger Bürgermeister bei Twitter. „Der Hass gegen Jüdinnen und Juden ist eine Schande für unser Land“, sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD).

Der Zentralrat der Juden mahnte angesichts der Attacke zum Eintreten gegen Antisemitismus. „Die Situation, dass Juden in Deutschland vermehrt zur Zielscheibe von Hass werden, darf niemanden in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland kalt lassen“, sagte dessen Präsident Josef Schuster. dpa/rnd

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