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Demonstranten vor einem Wahllokal in Barcelona.

Referendum

"Die Polizei kann nicht ganz Katalonien besetzen"

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Es werde kein Referendum in Katalonien geben, versprach Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy. Nun gibt es doch eines - die Stimmung ist aggressiv.

Alte und Rollstuhlfahrer zuerst. Die Inszenierung ist wichtig, hier werden Bilder für den Rest der Welt produziert. Also steht ganz vorne in der langen Schlange vor dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), das als Wahllokal fungiert, María Rosa Coromina, eine Dame von 90 Jahren. Es ist 9 Uhr am Sonntagmorgen. „Ich bin schon seit halb sieben hier. Ich will die erste sein, denn ich kenne eine Vergangenheit, in der niemand wählen durfte“, sagt sie. Wie wird sie abstimmen? „Das sage ich niemandem. Aber ich werde mit Ja stimmen.“ Die Leute ringsum lachen.

Die Stimmung vor dem CCCB ist fröhlich an diesem Morgen. Die spanische Regierung wollte dieses Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens unbedingt verhindern, und jetzt sieht alles danach aus, dass es dennoch stattfinden wird. „Wer hat gesagt, dass es leicht werden würde?“, sagt Xavi Capmany, ein Wahlhelfer von Òmnium Cultural, einer der großen Bürgerinitiativen, die seit Jahren für die Unabhängigkeit Kataloniens streiten. Jetzt kann er mit verhaltenem Stolz berichten, dass gerade die Tische für die Abstimmung aufgestellt werden, daneben die Urnen.

Es war das große Rätsel dieser Tage: Wo waren die Urnen? Capmany sagt, er wisse nur so viel: „Heute Morgen um 5 Uhr sind sie hier vorbeigebracht worden, von Leuten von der Organisationsabteilung der Generalitat.“ Die Generalitat ist die katalanische Regionalregierung, die dieses Referendum unbeirrt von allen Verboten des spanischen Verfassungsgerichts vorantrieb. Die Urnen sind aus Plastik, keine improvisierten Schuhkartons.

Morgens um 6 Uhr hat es zu regnen begonnen, „den Regen hat Rajoy bestellt“, sagt jemand in der Menge von vielleicht 200 Leuten vor der Sekundarschule Miquel Tarradell, ein paar Hundert Meter vom CCCB entfernt, im Altstadtviertel El Raval. Um 6 Uhr sollten eigentlich die Mossos vorbeikommen, Beamte der katalanischen Regionalpolizei, um dieses Wahllokal wie alle anderen gut 2300 Wahllokale in ganz Katalonien zu schließen. Um das zu verhindern, haben Nachbarn die Schule am Freitagabend besetzt, so wie mehr als 100 andere Schulen in ganz Katalonien besetzt wurden.

Es war ein festliches Wochenende in der Schule Miquel Tarradell, mit Musik und Essen. Die Nacht auf Sonntag verbrachten mehr als 100 Leute im Schulgebäude. „An Schlaf war nicht zu denken“, erzählt die 30-jährige María. Zu den Besetzern drinnen haben sich am frühen Morgen draußen weitere Nachbarn gesellt, die jetzt still auf der Straße vor der Schule stehen und warten, was geschieht. Die Mossos kommen um halb sieben in einem Streifenwagen vorbei, sie steigen aus, ziehen sich Westen über, beobachtet von den schweigenden Demonstranten.

Diese stehen einfach da unter ihren Regenschirmen, eine kompakte Masse, die die Mossos nicht durchlässt. Die bemühen sich auch nicht sehr, zur Eingangstür vorzudringen. Später sagt ein Polizist: „Wir sind hier, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen.“ Eigentlich war ihr Auftrag ein anderer. Aber sie denken gar nicht daran, irgendetwas zu tun, um dieses Referendum zu verhindern.

Der Regen ist stärker geworden, die Menschen vor dem CCCB wollen rein ins Wahllokal. Die Alten und die Menschen im Rollstuhl werden vorgelassen, die 90-jährige Coromina bekommt einen Stuhl angeboten. Aber eine Wahlhelferin gibt Anweisungen, dass sich der Großteil der Schlange draußen in Geduld üben soll. An solchen Bildern von Abstimmungswilligen ist den Separatisten gelegen.

Es gibt Probleme mit dem Computerprogramm, das sicherstellen soll, dass niemand doppelt abstimmt und dass niemand abstimmt, der nicht in Katalonien gemeldet ist. Jemand erzählt, dass in anderen Wahllokalen gerade die spanische Nationalpolizei eingreift. Hier ist alles ruhig.

„Wir waren sicher, dass wir es schaffen würden“, sagt der Wahlhelfer Capmany. „Die Polizei kann nicht ganz Katalonien besetzen.“ Rund 10 000 Beamte waren aus dem Rest Spaniens nach Katalonien geschickt worden. Zu denen, die daran nichts auszusetzen haben, gehört der 44-jährige Julio Jolín. Gemeinsam mit mehreren Tausend Gleichgesinnten war er am Samstagabend durch Barcelona gezogen, um für die Einheit Spaniens und gegen das Referendum zu demonstrieren. „Ich werde nicht abstimmen. Das Verfassungsgericht hat das Referendum ausdrücklich verboten. Jetzt ist der Moment, auf die Straße zu gehen und laut für die Einheit Spaniens einzutreten.“

Viele Katalanen denken wie Jolín. Aber die wenigsten melden sich zu Wort. Und dass die Guardia Civil in der vergangenen Woche 14 Mitarbeiter der Regionalregierung festnahm, hat bei vielen Unentschlossenen die Stimmung zu Gunsten des Referendums kippen lassen. Die meisten wollen an diesem Sonntag abstimmen. So wie María Rosa Coromina. Es ist halb elf, die technischen Probleme sind gelöst. Die 90-Jährige steckt den Wahlumschlag in die Urne. Sie strahlt.

Der Morgen ist friedlich, fröhlich, festlich. Aber dann kursieren die ersten verstörenden Bilder in den sozialen Netzwerken. Bilder von der Schule Ramón Llull etwa, ein wenig außerhalb der Innenstadt. Hier sollen 20 Nationalpolizisten Wahlzettel und Urnen konfisziert haben. Videoaufnahmen zeigen die Beamten in der Straße auf dem Rückzug. Man hört dumpfe Knallgeräusche, offenbar zielen die Beamten mit Gummigeschossen auf die Menschen, die ihre Abstimmung retten möchten. Sie wollten passiven Widerstand leisten, aber jetzt rennen sie hinter den Polizisten her, Absperrgitter fliegen durch die Luft. Wenig später sind über der Stadt Hubschrauber zu hören.

Am Samstagabend hatten sich die Menschen, egal wie sie über das Referendum dachten, einen friedlichen Sonntag gewünscht. Die wenigsten malten sich die Szenen aus, die sie im Laufe des Sonntags erst im Netz und dann auch im Fernsehen zu sehen bekommen. Bilder von Polizisten, die in einem Wahllokal Menschen eine Treppe herunterschubsen, die eine Frau an den Haaren zerren, die einen auf dem Boden Sitzenden treten. Bilder von Demonstranten, die von Gummigeschossen getroffen werden, die bluten.

In der Bilderflut ist es unmöglich, den Überblick zu bewahren. Ist die Polizei überall so brutal vorgegangen? Wurden die Beamten provoziert? Am späten Abend berichtet die katalanische Regionalregierung von 844 verletzten Demonstranten. Das spanische Innenministerium meldet zu diesem Zeitpunkt elf verletzte Polizeibeamte.

Die Vizepräsidentin der spanischen Regierung, Soraya Sáenz de Santamaría, hat am Mittag auf einer Pressekonferenz die „Professionalität“ der spanischen Polizisten gelobt. Es klingt wie ein höhnischer Kommentar zu diesen Bildern der Gewalt.

Regierungschef Mariano Rajoy fällt am Abend nichts anderes ein, als den Sicherheitskräften dafür zu gratulieren, „dass sie ihre Pflicht erfüllt“ hätten. Es habe „kein Referendum, sondern eine Inszenierung“ gegeben.

Vor ihm hat Innenminister Juan Ignacio Zoido versucht, die Gewalt kleinzureden. „Es stimmt, dass es bei einigen Einsätzen komplizierte Situationen gab“, sagt er in einem Fernsehinterview. „Aber die Verhältnismäßigkeit ist garantiert gewesen.“ Die Polizei habe nur versucht, „die Ordnung und das Primat der Demokratie wieder herzustellen“. Und an die katalanische Regionalregierung gewandt: „Wenn Sie ein Foto wollten – da haben sie es. Jetzt mögen Sie zur Vernunft zurückkehren.“

Doch daraus wird nach diesem Sonntag so schnell nichts. Regionalpräsident Carles Puigdemont beklagt die „verrückt gewordene Repression“ der spanischen Polizei, die auf „unverantwortliche, irrationale und überzogene Weise“ Gewalt eingesetzt habe – und trotzdem hätten die meisten Katalanen abstimmen können. „Heute hat der spanische Staat sehr viel mehr verloren, als er schon verloren hatte“, sagt er, „während wir in Katalonien sehr viel mehr gewonnen haben, als wir schon gewonnen hatten.“ Es ist die Erklärung eines Siegers.

In den Wahllokalen im Kulturzentrum CCCB und in der Schule Miquel Tarradell steht am Abend, kurz vor ihrer Schließung um 20 Uhr, niemand mehr an, um seine Stimme abzugeben. Nationalpolizei und Guardia Civil haben im Laufe des Tages 92 der gut 2300 Wahllokale geschlossen, berichtet das spanische Innenministerium. Die katalanische Regionalregierung beklagt zu diesem Zeitpunkt 761 Verletzte. Ein 70-Jähriger soll nach dem Schlag eines Polizisten einen Herzinfarkt erlitten haben.

In den beiden Wahllokalen in El Raval ist es friedlich geblieben, wie die vielen Wahlhelfer erzählen, die es noch immer auf ihren Posten aushalten. Jetzt muss nur noch ausgezählt werden – damit Puigdemont ein letztes Bild genießen kann: das einer überwältigenden Mehrheit für die Unabhängigkeit Kataloniens. Bald ist es so weit.

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