Leserbericht

Polizei hoch zu Ross

Wie bei der Anti-Springer-Demo Panik aufkam (Von Kornelia Ebert, Bonn)

Für mich bedeutet 40 Jahre "68" immer auch, 40 Jahre verheiratet zu sein. Natürlich war man allgemein nicht mehr so sehr auf Heiraten eingestellt wie noch ein paar Jahre zuvor. Aber für mich als 23-Jährige war es eine familiäre Notwendigkeit. Aber wir hängten es niedrig, wie wir heute sagen würden. Wir heirateten an einem normalen Mittwoch, in der Karwoche, ohne große Feier.

Am nächsten Tag, Gründonnerstag, wurde auf Rudi Dutschke in Berlin ein Attentat verübt. So begann unser Zusammenleben mit gemeinsamem Demonstrieren. Am Freitagabend sollte die Auslieferung der Springer-Presse am Frankfurter Bahnhof verhindert werden. Die Polizei war da, Wasserwerfer wurden noch nicht eingesetzt. Bei einer Unterführung am Güterbahnhof fühlten wir uns in die Enge getrieben. Die ersten Pflastersteine wurden aus der Bahndammböschung genommen und flogen gegen die Ordnungshüter.

Und dann geschah etwas, was ich nicht für möglich hielt und bis heute als ungeheuerlich empfinde: Berittene Polizei kam im Galopp auf die Demonstranten zu; ohne zu bremsen ritten die Pferde in die Gruppe. Wir schrien und suchten Schutz hinter Mülltonnen. Im Nu war der Spuk vorbei, aber die Erfahrung wirkt bis heute nach.

Die örtliche Presse stellte anderntags Situation und Stimmung vollkommen anders dar, als wir sie erfahren hatten. Ursache und Wirkung waren genau verkehrt beschrieben. Kurz: Die Berichterstattung rechtfertigte die Demonstration noch einmal nachträglich.

Kornelia Ebert, Bonn

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