+
Kerzen für Mohamed in Berlin.

Fall Mohamed

Polizei findet zweite Leiche

Nach seiner Entführung wurde der vierjährige Flüchtlingsjunge Mohamed sexuell missbraucht und mit einem Gürtel erwürgt - das hat der Täter inzwischen gestanden. Er gesteht auch den Mord am sechsjährigen Elias.

Von Ingo Preissler

Der Nebel hängt an diesem Freitagmorgen schwer über dem kleinen brandenburgischen Dorf Kaltenborn. 85 Menschen wohnen hier. Vor einem Gehöft am Ende des Ortes stehen zwei Polizeiwagen. An dem zweigeschossigen Wohnhaus hat jemand versucht, den Namen an der Klingel mit einem Pappschild abzudecken. Die Rollos im Erdgeschoss sind heruntergelassen.

In diesem Haus lebt Silvio S. mit seinen Eltern. In diesem Haus hat Silvio S. offenbar den kleinen Flüchtlingsjungen Mohamed kurz nach dessen Entführung vor vier Wochen getötet. Und hier, in Kaltenborn, fanden die Ermittler auch die Leiche des vier Jahre alten Mohamed. In einer Plastikwanne im Kofferraum des Autos von S.. Der 32-Jährige hatte Katzenstreu über die Leiche des Kindes gekippt, um den Verwesungsgeruch zu überdecken.

Der entscheidende Hinweis kam von der Mutter des mutmaßlichen Täters, nachdem die Berliner Ermittler erst am Dienstag neue, scharfe Fotos von dem mutmaßlichen Entführer des Jungen aus einer Überwachungskamera in Moabit veröffentlicht hatten. Die Frau erkannte ihren Sohn darauf und stellte ihn zur Rede. Silvio S. gab zu, das Kind getötet zu haben. Er gestand seiner Mutter laut Polizei auch, zum Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso)nach Moabit gefahren zu sein, um Plüschtiere und Kleidung für die Flüchtlinge zu spenden. Der Junge sei ihm freiwillig zu seinem Auto gefolgt.

Noch während die Mutter am Donnerstag die Polizei anrief, trug Silvio S. die Wanne mit der Leiche in sein Auto und fuhr davon. Er wollte seiner Cousine ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Als die Polizei eintraf, führte er sie zum Kofferraum seines Autos.

Angst, von der Mutter erwischt zu werden

Im Haus seiner Eltern bewohnt Silvio S. die obere Etage. Hier soll er das Kind sexuell missbraucht haben. Und als der Junge zu quengeln anfing, da griff sich Silvio S. einen Tag nach dem Verschwinden des Jungen, also am 2. Oktober, einen Gürtel und erdrosselte ihn. „Er hatte Angst, von seiner Mutter mit dem Kind erwischt zu werden“, sagt Oberstaatsanwalt Michael von Hagen. Die Wanne mit der Leiche deponierte Silvio S. auf dem Dachboden.

Das gestand Silvio S. den Ermittlern der Soko Mohamed und gab dann ein weiteres Verbrechen zu: Silvio S. will auch den seit Anfang Juli vermissten sechsjährigen Elias aus Potsdam entführt und getötet haben. Wochenlang war nach dem Jungen gesucht worden. Silvio S. – ein Serientäter: Davon geht die Polizei aus.
Die Menschen in Kaltenborn sind geschockt. Immer wieder ist zu hören, dass man nun auch den Eltern des mutmaßlichen Mörders beistehen müsse. „Die können ja schließlich nichts dafür“, sagt ein Nachbar. Ein ganz Ruhiger sei der Junge gewesen. Silvio S. soll zwei Ausbildungen abgebrochen haben und schließlich eine Arbeit beim Wachschutz gefunden haben. Er soll Parkplätze bewacht haben, so die Polizei. Er sei ein Einzelgänger gewesen.

27 Kilometer von Kaltenborn entfernt liegt die Kleingartenkolonie „Am Honigberg“ in Luckenwalde. Der Schwalbenweg, der durch die Anlage führt, ist mit Flatterband abgesperrt. Funkstreifenwagen stehen davor. Auf einem verwilderten Grundstück suchen Kriminaltechniker nach der Leiche des kleinen Elias. Das Grundstück hat Silvio S. vor einem Jahr gepachtet, hier soll er die Leiche des Jungen vergraben haben. Das war das Letzte, was er den Ermittlern der Mordkommission erzählt hat. Vorher hat er eine Skizze gezeichnet, wo er die Leiche vergraben haben will.

Zweite Leiche gefunden

Am Freitagnachmittag fährt ein Fahrzeug der Berliner Gerichtsmedizin vor. Ein Paket sei in der Erde gefunden worden, heißt es. In dem Paket befindet sich tatsächlich ein Leichnam, teilte die Polizei mit. "Ob es sich dabei um die Leiche des vermissten Elias handelt, kann erst nach Beendigung der gerichtsmedizinischen Untersuchungen gesichert gesagt werden."

Die Ermittler untersuchen nun, ob Silvio S. noch für andere Verbrechen verantwortlich gemacht werden kann, etwa für das dem Verschwinden des Mädchens Inga aus Stendal.

Derweil löst Mohameds Tod einen Streit aus, ob die chaotischen Verhältnisse am Lageso eine Mitschuld tragen. Die Vorstandssprecherin des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg, Ayse Demir, nennt es einen Skandal, dass der Mutter von Mohamed anfangs unterstellt worden sei, sie würde ihr Kind verstecken, um so einer Abschiebung zu entgehen. „Dies erinnert sehr stark an die NSU-Morde, bei denen auch die Familien der Opfer kriminalisiert wurden“, sagte Demir.

Grünen-Landeschefin Bettina Jarasch weist dem Senat die Verantwortung dafür zu, dass sich eine solche Tat nicht wiederhole. „Was mich umtreibt, ist die Sorge, dass es die chaotischen Zustände am Lageso waren, die dem Täter eine Entführung so leicht gemacht haben“, sagt sie. (mit epd/dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion