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Politologe über „Achtung, Reichelt!“: „Reichelt hat nur sich als Person zu bieten“

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Von: Moritz Serif

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Julian Reichelt, damals noch Vorsitzender der Bild-Chefredaktion, auf einem Kongress in Düsseldorf. (Archivfoto)
Julian Reichelt, damals noch Vorsitzender der Bild-Chefredaktion, auf einem Kongress in Düsseldorf. (Archivfoto) © Norbert Schmidt/Imago

Der Politikwissenschaftler Markus Linden stuft Julian Reichelts neuen YouTube-Kanal ein. Der Journalist betreibe „kalkuliertes Empörungsgehabe“. 

Berlin/Trier – Julian Reichelt, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, hat ein neues Medien-Angebot gestartet. Sein YouTube-Kanal „Achtung, Reichelt!“ ist nun rund sieben Monate alt. Markus Linden, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Trier, verrät im Interview mit der Frankfurter Rundschau, wie der Kanal einzustufen ist.

Linden selbst beschäftigt sich intensiv mit Verschwörungstheorien und Alternativmedien wie KenFM, Rubikon, Apolut oder Multipolar. Er weiß, wie Nutzer:innen extreme Kanäle identifizieren und meiden können. Außerdem spricht Linden darüber, was Verschwörungstheoretiker:innen wie beispielsweise Daniele Ganser, der wahrheitswidrig behauptet, dass 9/11 von den USA inszeniert sei, antreibt.

Herr Linden, wie schätzen Sie Julian Reichelts neuen Kanal „Achtung, Reichelt!“ ein?

Das ist ein rechtspopulistischer Kanal mit stark libertärem Einschlag. Reichelt polemisiert gegen die angeblich herrschende Klasse und übernimmt das Programm, das er bei Bild präsentiert hat: extreme Medienkritik. Vor allem radikale Kritik an den Grünen und der Identitätspolitik. Ich würde den Kanal im Spektrum von Tichys Einblick oder Achse des Guten einordnen. Von anderen sogenannten Alternativmedien unterscheidet sich „Achtung Reichelt“ hingegen in zwei Aspekten. 

Die da wären?

Reichelt nimmt gegenüber Diktatoren, insbesondere Russlands Putin, eine ablehnende Haltung ein. Er kritisierte Scholz für seine China-Reise. Außerdem verbreitet Reichelt keine offensichtlichen Fake-News oder Verschwörungstheorien. Vielmehr ist es ein radikaler Populismus, den er betreibt. Dabei driftet „Achtung, Reichelt!“ jedoch nicht gänzlich in das Feld von Alternativmedien wie compact, Apolut, Multipolar oder Rubikon ab. Dort finden verschwörungstheoretische, rechte sowie linke Akteure ihren Platz, die Putin-freundlich eingestellt sind. Diese Trennlinie hält er ein. Dafür schimpft Reichelt gegen eine angebliche woke Elite und Cancel-Culture. 

Er fällt damit auf, Fakten wegzulassen oder Themenkomplexe stark zu vereinfachen.

Reichelt arbeitet mit einem Konzept, das in die Nähe von Halbwahrheiten geht. Er übersteigert das Vorliegende und deutet alles in eine Richtung. Aus Klima-Aktivisten werden Klima-Terroristen und eine Öko-Diktatur. Cancel Culture macht er an kleinsten Fällen aus und jazzt sie zum Massen-Phänomen hoch. Das ist das System-Reichelt. Dinge anhand weniger Fälle hochstilisieren und diese als großes Ganzes, Lug und Trug der angeblich herrschenden grünen Klasse gegen die Bevölkerung ausspielen

Wenn er Grüne als Klima-Terroristen bezeichnet, grenzt das doch an Fake News oder eine Unwahrheit. Und wenn er von einer angeblich herrschenden grünen Klasse spricht: Ist das dann nicht eine Verschwörungstheorie?

Nein. Reichelt ist niemand, der sich einer Verschwörungstheorie bedient, sondern er argumentiert klassisch populistisch. Für eine Verschwörungstheorie reicht das noch nicht aus. Dafür müsste er behaupten, dass das alles im Geheimen stattfindet, die wahren Akteure hinter einer Fassade steckten und nur er diese Information habe. Diese Grenze hält Reichelt ein, auch wenn er radikalen Krawall-Journalismus betreibt. Die ehemalige Bild-Redakteurin Judith Sevinç Basad schießt beispielsweise oft übers Ziel hinaus. Bei ihr wird die Übertreibung zum Selbstzweck. Reichelt betreibt hingegen kalkuliertes Empörungsgehabe. Russland ist die klare Trennlinie. Alternativmedien wie KenFM (jetzt Apolut), die von unten gewachsen sind, machen das anders. 

Oder die Nachdenkseiten.

Genau. Diese Alternativmedien bringen russische Fake-News-Propaganda unter die Leute. 

Der Politikwissenschaftler Markus Linden kennt sich sehr gut mit Alternativmedien aus.
Der Politikwissenschaftler und Professor Markus Linden kennt sich sehr gut mit Alternativmedien aus. © Universität Trier

„Achtung, Reichelt!“: „Grüne sind das Feindbild“

Welche Zielgruppe hat Reichelt?

Seine Zielgruppe reicht von den Lesern von Tichys Einblick, Achse des Guten oder der rechtsradikalen Junge Freiheit, bis hin zu AfD-Wählern und Menschen aus der unzufriedenen Mitte, die sich von den etablierten Medien abwenden. Reichelt weiß die Skandale und Missstände bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu instrumentalisieren und auszuschlachten. Grüne sind offensichtlich das Feindbild. Auch traditionelle SPD-Wähler, die sich durch Klima-Vorgaben oder ähnliches diffus verschaukelt fühlen, zieht das an. Trotz seiner knapp 220.000 Abonnenten bei YouTube hat sich allerdings noch nicht der große Erfolg eingestellt. Reichelt ist noch kein Agenda-Setzer. 

Dennoch hat er sich stark gesteigert. Kein Video erzielt unter 100.000 Aufrufe. Am Anfang war das anders. Was ist Ihre Vermutung, wie entwickelt sich das weiter? 

Bislang hat Reichelt nur sich als Person zu bieten und präsentiert ein Produkt analog zu Sahra Wagenknechts „Wochenschau“. Ob das mal in die Millionen-Kategorie geht, kann man noch nicht sagen. 

Woran machen Sie das fest?

Er bewegt sich auf Zugriffszahlen, die früher KenFM erreicht hat. Entscheidend ist, ob ein solches Format agendasetzend ist. Das ist der Fall, wenn sich Akteure bei einem Medium zeigen, die mit ihrem Auftritt die öffentliche Meinung beeinflussen können. Wenn Wolfgang Kubicki dort aufgetreten ist, dann ist das ein Punkt. Servus TV hat es geschafft, dass neben Verschwörungstheoretikern und Radikalen auch anerkannte Experten in die Sendungen kommen. Bei Bild-TV ist es ähnlich, wenngleich statt wirklichen Postfaktikern zumeist meinungsstarke Populisten auftreten. Menschen, die ebenfalls radikale Positionen einnehmen, erscheinen dann gemäßigter. Das nennen wir False Balancing. Reichelt müsste Leute einladen. Das schafft er noch nicht. Sein Format ist nicht diskursiv, sondern eine reine Meinungssendung. Selbst bei Bild treten Personen auf, die Gegenpositionen zum negativen Populismus vertreten. 

Wie groß schätzen Sie den Einfluss von alternativen Medien ein?

Mittlerweile gibt es viele Angebote. Alle von ihnen lehnen die politische Klasse und angebliche Elite ab. Im Detail ist es für Rezipienten schwierig zu erkennen, wie sich die Angebote im Detail unterscheiden. Sie bekommen die Inhalte ständig in ihre elektronischen Endgeräte gespielt und empfinden diese Medien als authentische Nachrichtenquelle. Die Menschen kommen in einen Prozess der Dauerempörung, aus dem es schwer ist, auszubrechen. Das ist das Geschäft dieser „Querfront-Partisanen“, wie ich sie gerne nenne. Sie sind relevant. 

Zur Person: Markus Linden

Markus Linden ist ein Politikwissenschaftler und Professor, der an der Universität Trier unterrichtet. Von 1993 bis 2000 studierte er Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Trier. Linden promovierte mit der Dissertation „Politische Integration im vereinten Deutschland“. Er forscht unter anderem zur Neuen Rechte und Rechtspopulismus sowie digitalen Alternativmedien und Verschwörungstheorien. Für die Gegneranalyse veröffentlichte er eine Studie zu den Nachdenkseiten.

Verschwörungstheorien treffen politisch interessierte Menschen

Welche Menschen sind anfällig für Kanäle von alternativen oder rechtspopulistischen Medien? 

Das geht quer durch die Bevölkerung. Diejenigen, die eher unzufrieden sind mit dem System und sich benachteiligt sehen, sind laut der Forschung gefährdet. Für mich ist interessant, dass solche Medien stark politisierend sind und Themen aufgreifen, bei denen man weiß, dass das Publikum darin einen Skandal sieht. Oder es werden Inhalte bespielt, die woanders nicht laufen. Es trifft letztlich immer politisch interessierte Menschen, die eine Erklärung dafür suchen, weshalb manche Themen von etablierten Medien nicht abgedeckt werden, oder warum irgendwelche Abläufe auf der Welt derart irrational anmuten. Ebenso sind Bürger gefährdet, die radikalisiert sind oder das Potenzial haben, radikalisiert zu werden. 

Was treibt Menschen wie Daniele Ganser an?

Daniele Ganser verdient sein Geld mit Vorträgen zu dem Thema. Ganser versucht ein esoterisch-friedensbewegtes Publikum für sich zu gewinnen. Heiko Schrang, der übrigens gnadenlos politisch ungebildet ist, verkauft Produkte, darunter T-Shirts über seinem Online-Shop. Manchmal steckt also ein Geschäftsinteresse dahinter. Diese Leute machen Gewinn mit ihren Verschwörungstheorien. Bei anderen ist die Ablehnung des Bestehenden als Attitüde ins eigene Selbstverständnis übergegangen. Die Motivlage zu ergründen, ist schwer, vor allem bei den Radikaloppositionellen, die einstmals etabliert waren und nun zum Krawallprogramm gewechselt sind. Die Undifferenziertheit scheint anziehend zu wirken. Hannah Arendt machte die Beobachtung, dass sich ausgestoßen fühlende „Eliten“ gerne mit Themen des „Mobs“ solidarisieren. Das trifft. 

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