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Umstritten: Im Kapitol in Austin schönt eine Plakette die Südstaaten-Rebellion gegen die Beendigung der Sklaverei als "heldenhaft".

Sklaverei

Ein politisches Schlachtfeld

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In den USA ist der Umgang mit der Geschichte der Sklaverei noch immer umkämpft. Auf Spurensuche in Texas.

Die einen sagen, es sei eine dreiste Lüge. Die anderen nennen Denkmäler wie die metallene Gedenktafel im texanischen Kapitol „unser historisches Erbe“. In dem imposanten Gebäude in Austin, der Hauptstadt des US-Bundesstaates, prangt jedenfalls eine Botschaft an der Wand, die stutzig macht: Der amerikanische Bürgerkrieg sei keine Rebellion des Südens gewesen, um die Sklaverei zu verteidigen, heißt es da in metallenen Versalien. Die heldenhaften Taten der Vorfahren gelte es in ehrender Erinnerung zu behalten. Gezeichnet: „Die Kinder der Konföderation“.

In der rassistischen Terrororganisation Ku-Klux-Klan aktiv

Die Tafel mit der etwas anderen Interpretation der Geschichte ist kein Relikt ferner Zeiten, sie hängt seit 1959 im Kapitol, Sitz des texanischen Repräsentantenhauses und des Senats des zweitgrößten Bundesstaats. Bis heute ist der Umgang mit der Geschichte der Sklaverei und des Bürgerkriegs in den amerikanischen Südstaaten ein politisches Schlachtfeld. Schätzungen zufolge sind noch immer mehr als 1700 Denkmäler oder Straßen, Plätze, Schulen und Kasernen konföderierten Soldaten, Generäle und Politiker gewidmet, manche der Geehrten waren zudem in der rassistischen Terrororganisation Ku-Klux-Klan aktiv. Allein auf dem Kapitol-Gelände in Texas sind noch immer rund 20 Monumente und Konföderierten-Symbole zu finden, die nur einen Teil der Geschichte erzählen.

Auch für die erstarkende außerparlamentarische Rechte ist der Umgang mit diesem Teil der US-Geschichte ein zentrales Thema: Vor einem Jahr gingen die Bilder aus dem Städtchen Charlottesville um die Welt. Junge Männer laufen mit Fackeln auf ein Denkmal des Konföderierten-Kommandeurs Robert E. Lee zu und rufen antisemitische Slogans in die Nacht. Ihr Aufmarsch am nächsten Tag, bei dem eine Gegendemonstrantin getötet wurde, setzte sich auch für den Erhalt jenes Reiterstandbildes ein. An vielen Orten in den USA wurde damals erneut über den Umgang mit Statuen, Plaketten und Straßennamen diskutiert, die Südstaaten-Zeiten verherrlichen. Bereits der Anschlag eines jungen Rassisten, der im Sommer 2015 in einer Kirche in Charleston in South Carolina neun schwarze Gläubige erschoss, hatte eine Debatte um die Konföderierten-Fahne ausgelöst, mit der er gerne posierte.

Bürgerinitiativen setzen sich schon lange dafür ein, sie genau wie die Denkmäler für die „Rebellen“ aus dem öffentlichen Raum zu verbannen – mit mehr oder weniger Erfolg. Seit den Schüssen in Charleston sind laut der Bürgerrechtsorganisation „Southern Poverty Law Center“ (SPLC) 110 solcher Monumente und Symbole durch kommunale oder bundesstaatliche Entscheidungen entfernt worden. Mitunter haben Aktivisten auch selbst Hand an die Denkmäler gelegt: Zuletzt stürzten vergangene Woche Demonstranten an der Universität North Carolina at Chapel Hill eine Konföderierten-Statue von ihrem Sockel, nachdem monatelang über deren Verbleib auf dem Campus gestritten worden war. „Die Universität gibt viel zu viel Geld aus, um eine Statue zu erhalten, die die Versklavung meiner Vorfahren glorifiziert“, sagte im vergangen Jahr eine Doktorandin dem Sender WTVD-TV.

Auch 2000 Kilometer südwestlich wird über das Thema gestritten. Bryan Register lehrt Philosophie am Community College in Austin. Vor etwa einem Jahr, kurz nach den Ereignissen in Charlottesville, organisierte er eine Demonstration in der texanischen Hauptstadt – zum ersten Mal in seinem Leben. Inzwischen hat er die Gruppe „De-Confederate Austin“ gegründet. „Die Statuen müssen abgebaut werden“, sagt er.

Symbole „moderner weißer Vorherrschaft“

In seiner eher linksliberal geprägten 940.000-Einwohner-Stadt trifft er mit dieser Forderung zumindest teilweise auf Zustimmung. Die Universität von Texas hat in Reaktion auf die Gewalt in Charlottesville bereits Denkmäler vom Campus entfernt und in ein Museum gestellt, sie seien „jetzt mehr denn je“ zu Symbolen „moderner weißer Vorherrschaft und Neonazismus“ geworden, teilte Universitätspräsident Gregory L. Fenves damals mit. Die Stadt Austin hat gerade beschlossen, keine Veteranenfeiern mehr zu unterstützen, an denen auch Konföderierten-Vereinigungen teilnehmen, einen Bericht zu problematischen Denkmälern und Straßennamen veröffentlicht und einige bereits umbenannt.

In dem konservativen Bundesstaat insgesamt dürfte die Stimmung eine andere sein. Die Republikaner sprechen sich in ihrem texanischen Wahlprogramm explizit dafür aus, konföderierte Denkmäler zu erhalten oder sie gar wieder aufzustellen, wo sie schon entfernt wurden. Es gehe um Tradition und „südliche Identität“, ist aus diesem Lager oft zu hören. Wer die Monumente abbaue, wolle die Geschichte auslöschen. Auch Präsident Donald Trump hat sich bereits so geäußert.

Verbrechen der Sklaverei verschwiegen

Dieses Argument findet Philosoph Register zynisch. Es seien vielmehr die Denkmäler, die die Geschichte verfälschten, etwa weil sie das Verbrechen der Sklaverei verschwiegen. „Diese Statuen verdecken die Fakten“, sagt er der Frankfurter Rundschau. „Wir können es uns nicht leisten, unsere Geschichte nicht zu kennen.“ Eine Studie der Organisation SPLC zeigt, dass die meisten Monumente nicht etwa direkt nach dem Krieg errichtet wurden, sondern am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts sowie während der 1950er- und 1960er-Jahre – wie die Plakette im texanischen Kapitol. Die Häufung ist kein Zufall: Ende des 19. Jahrhunderts wurden mit den rassistischen Jim-Crow-Gesetzen Segregation und Diskriminierung in Paragrafen gegossen, 50 Jahre später begann die schwarze Bürgerrechtsbewegung, immer mehr Erfolge zu erkämpfen. Die geschichtsrevisionistischen Statuen müssten also als Machtdemonstration in ihrer Zeit verstanden werden, sagen Historiker. Sie sollten der Dominanz der Weißen eine Aura der Legitimität verleihen.

Wie umkämpft die Deutung der Geschichte ist, zeigen auch die texanischen Schullehrpläne, an denen sich wegen der Größe des Staates viele Schulbuch-Verlage orientieren. Zum Bürgerkrieg heißt es in der derzeit gültigen Version von 2010, die Gründe für den Konflikt seien „Sektionalismus, die Rechte der Staaten und Sklaverei“ gewesen. „Es ist kein Zufall, dass Sklaverei an dritter Stelle genannt wird“, sagt Dan Quinn, Sprecher der progressiven Vereinigung „Texas Freedom Network“, die sich unter anderem gegen den Einfluss religiöser Rechter auf Lehrpläne einsetzt. Vielmehr habe es in dem zuständigen, direkt gewählten Gremium erbitterte Kämpfe darum gegeben.

Lehrpläne werden geändert

Im Ergebnis werde versucht, die Bedeutung der Sklaverei kleinzureden, zudem werde ein Konföderierten-General weiterhin als Vorbild im Lehrplan genannt und historische Forschung ignoriert. Im Herbst steht eine Überarbeitung an. Vielleicht werde Sklaverei künftig zumindest an erster Stelle der Aufzählung genannt, sagt Quinn etwas ernüchtert im Gespräch mit der FR.

Philosophieprofessor Register glaubt, es falle der weißen Mehrheitsgesellschaft aus mehreren Gründen schwer, das Unrecht der Sklaverei anzuerkennen: Wer über Sklaverei rede, könne der Frage nach den Folgen, die daraus bis heute erwachsen, nicht aus dem Weg gehen. Dann könnte schnell die Forderung nach Reparationen im Raum stehen – und für weiße Amerikaner die unangenehme Frage, wie die eigene Familie von der Sklavenwirtschaft profitiert habe. „Es ist zwingend, dass alle die gesamte Geschichte weißer Vorherrschaft verstehen, sonst können wir die Gegenwart nicht verstehen“, sagt Register. „Wenn man nicht versteht, dass die Hälfte des Landes bereit war, in den Krieg zu ziehen, um die Sklaverei zu verteidigen, wie soll man da den viel diffuseren, systemischen Rassismus heute verstehen?“

Für die Entfernung zumindest der Plakette aus dem Kapitol macht sich außer Abgeordneten der Demokraten inzwischen auch der republikanische Sprecher des texanischen Repräsentantenhauses, Joe Straus, stark. Er tritt nicht zur Wiederwahl an und die große Mehrheit der konservativen Abgeordneten will sich zu dem Thema in Wahlkampfzeiten lieber nicht äußern – nur vier von 101 unterstützen ihren eigenen Sprecher in der Sache laut einer Umfrage der Zeitung „Austin American-Statesman“ öffentlich. Und die Plakette hängt weiter an der Wand des Kapitols.

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