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Kein Platz am Stammtisch, kein Mandat?

Frauen in Parlamenten

„Die politische Kultur muss sich ändern“

  • Nadja Erb
    vonNadja Erb
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Kein Platz am Stammtisch, kein Mandat? Grünen-Politikerin Mariella Kessler über Männerbünde in den Kommunen und wie ihre Partei die Frauen stärkt.

Frauen sind in deutschen Parlamenten in der Minderheit, vor allem auf kommunaler Ebene. Haben sie einfach keine Lust auf Lokalpolitik?

Mariella Kessler , 23, ist Referentin für Frauenförderung bei Bündnis 90/ Die Grünen in München.

Natürlich nicht, das hat strukturelle Gründe. Gerade auf kommunaler Ebene spielen informelle Netzwerke eine große Rolle, die vor allem männlich dominiert sind. Da wird viel am Stammtisch ausgeklüngelt oder von Vereinen wie der Freiwilligen Feuerwehr aus. In diese Männernetzwerke einen Einstieg zu finden, ist für Frauen oft schwierig.

Müssen sich die Frauen also erst ihren Platz am Stammtisch erkämpfen und dann ihr Mandat?

Es kann nicht darum gehen, sich die patriarchale Ellenbogenkultur anzueignen. Wir wollen die Strukturen verändern. Dafür müssen wir eigene, feministische Netzwerke knüpfen, die auf Gleichberechtigung und Solidarität basieren. Häufig sind es ja ohnehin die Frauen, die in Vereinen, in Kirchen, in Umweltinitiativen aktiv sind und soziale Netzwerke aufgebaut haben. Daran lässt sich für die politische Arbeit anknüpfen. Wir von den Grünen bieten deshalb gezielt Veranstaltungen an, wo Frauen zusammenkommen, sich fortbilden, sich gegenseitig bestärken können.

Aber warum ist gerade Kommunalpolitik so unattraktiv, die ist doch nah an den Menschen?

Aber genau das ist vielen gar nicht klar. Sie haben eine Vorstellung von viel Bürokratie, aber keinen Einblick darin, dass in den Kommunalparlamenten wichtige Dinge entschieden werden, die ihre eigene Lebenswirklichkeit betreffen. Vor allem Frauen erscheint im Vergleich dazu ein Engagement etwa im Elternbeirat viel konkreter. Aber das ist kein Versäumnis der Frauen, sondern eines der politischen AkteurInnen, denen es nicht ausreichend gelingt, die Bedeutung von Kommunalpolitik zu vermitteln.

Man muss also nur die Themen klarer machen, um Frauen für die Politik zu gewinnen?

Frauen sind genauso politisch interessiert. Sie interessieren sich aber weniger für Parteipolitik und mehr für zivile Formate von politischem Aktivismus wie Demonstrationen oder Petitionen. Ich glaube, das liegt auch daran, dass weibliche Vorbilder in der Politik fehlen. Und dass es – vermeintlich – mehr um Macht- als um Sachfragen geht.

In die Lebenswelt vieler Frauen passt eine Online-Unterschriftenaktion auch zeitlich besser als Stadtrats- oder Ausschusssitzungen bis spät in die Nacht. Muss die Gremienarbeit also neu organisiert werden?

Die gesamte politische Kultur muss sich ändern. Dass Sitzungen nicht mehr mit offenem Ende angesetzt werden, gehört genauso dazu wie der Umgang miteinander. Da gibt es keine richtige Sitzungsführung, man wird unterbrochen, kommt nicht zu Wort – all das wirkt abschreckend auf Frauen. Es gibt häufig auch wenig Rückhalt aus dem Umfeld. „Muss das jetzt auch noch sein, kommt da nicht die Familie zu kurz?“, heißt es dann. Männliche Politiker werden das nicht gefragt. Wer gestaltet mit? Und wer übernimmt die Sorgearbeit zu Hause? Darum geht es. Kinderbetreuung auf Parteiveranstaltungen anzubieten ist wichtig, aber es muss klar sein, dass sie auch von Vätern genutzt werden kann. Sonst werden nur alte Rollenmuster zementiert.

Offenbar ist es besonders schwierig, Frauen für politische Ämter zu gewinnen. Trauen sie sich das nicht zu?

Frauen haben tatsächlich häufiger Selbstzweifel, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Dahinter steckt die Sozialisation in traditionellen Geschlechterrollen. Mädchen werden immer noch dazu erzogen, auf andere zu achten, sich zurückzunehmen, während Jungs früh lernen, dass Durchsetzungsfähigkeit und Profilierung belohnt wird. Das sind ganz tiefliegende Strukturen, die wir aufbrechen müssen. Denn sie sind auch ein Grund dafür, dass Frauen sich seltener zutrauen, öffentlich sichtbar zu sein, eine Rede zu halten oder ein Interview zu geben.

Was tun die Grünen konkret, um diese Hürden abzubauen?

Zunächst einmal haben wir mit unserer 50plus-Quote für alle Parteigremien und Listen ein wichtiges Instrument geschaffen. Uns ist aber bewusst, dass es mehr braucht. Wir machen Schulungen zu Gesprächsführung und Sitzungsleitung, Workshops zu Redetrainings. Da lernen Frauen, wie sie auf Leute reagieren können, die sie nicht ernst nehmen. Bei den Münchner Grünen haben wir zum Beispiel den Fokus darauf gelegt, gezielt Frauen für die Arbeit in den Bezirksausschüssen zu gewinnen. Dafür haben wir ein Mentoring-Programm aufgelegt, das den Austausch mit erfahrenen PolitikerInnen ermöglicht.

Interview: Nadja Erb

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