Politische Anstalt

20. März 1968 Die Uraufführung von Peter Weiss' Stück wird zur Demonstration

Von ANITA STRECKER

Es ist das Stück mit dem längsten Titel der Welt. Und so spektakulär ist auch das Spektakel selbst, das an diesem 20. März 1968 im Frankfurter Schauspiel Uraufführung feiert: Schriftsteller Peter Weiss, international bekannter Protagonist des politischen Theaters, hat in dem Stück die gesamte Geschichte Vietnams, den andauernden Kampf gegen Unterdrückung aufgerollt und Belege geliefert, warum gerade dieses Land Ziel US-amerikanischer Machtintervention wurde. Hochpolitischer Debattenstoff. Wie immer bei Weiss, der spätestens seit den Stücken "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats" und "Die Ermittlung", die er unter dem Eindruck der Frankfurter Auschwitz-Prozesse geschrieben hat, im Fokus der Studenten steht.

Sie saugen auch den neuen Stoff auf. Vietnam-Diskurs: Event des Frankfurter Theaterjahres 1968. Die Stimmung ist emotional hochgepeitscht. Neben dem üblichen Publikum in Anzug und Abendkleid strömen junge Leute in Scharen ins Schauspiel. Das Haus könnte zehnmal größer sein an diesem Abend, wird sich Karlheinz Braun, damals Lektor im Suhrkamp-Verlag und späterer Mitbegründer des Verlags der Autoren, 40 Jahre später erinnern.

Theater im Brechtschen Sinne

Generalintendant Harry Buckwitz führt Regie. Wer sonst. Er, der es nicht nur gegen alle Widerstände der CDU im Stadtparlament, sondern es als nahezu einziger Regisseur in Deutschland wagt, seit 1951 Brecht auf die Bühne zu bringen. Brecht, der Verfemte - spätestens seit dem Berliner Mauerbau. Nur nicht bei Buckwitz, der Theater im besten Brechtschen Sinne und beeinflusst von Erwin Piscator als politische Anstalt versteht.

Als gesellschaftskritische Institution, die mit künstlerischen Mitteln Stellung bezieht, Debatten schürt, Gesellschaft formt. Seit Beginn seiner Intendantenzeit 1951 konfrontiert Buckwitz Publikum samt Stadtregierung mit Brecht. Nicht nur. Auch mit Frischs "Andorra", Dürrenmatts "Biedermann und die Brandstifter". Und mit Weiss. Buckwitz und Weiss. Gleichfalls ein erprobtes Team. Eines, das mit dem Vietnam-Diskurs einmal mehr Diskussionen auf der Straße und in den internationalen Feuilletons auslösen wird.

Alle wollen bei der Uraufführung in Frankfurt dabei sein. Doch längst nicht alle finden Einlass, sehen die Bühne, die Gunilla Palmstierna, die Ehefrau von Peter Weiss, aus luftigen Fahnen gestaltet hat. Eine umwerfende Ästhetik. Zu schön für die politischen Inhalte des Stückes, die von der duftigen Anmut der Kulisse nachgerade geschluckt werden, heißt es später. Wird zum Riesendiskurs. Wie könnte es anders sein.

Zumal in Frankfurt, Frontstadt der 68er Bewegung mit Adorno, Horkheimer, der Frankfurter Rundschau. Frontstadt auch des politischen Theaters, der Avantgarde, auf die die ganze Republik schaut - und eine junge Protestbewegung, die die Bühne auf die Straße holt. "Da hat sich das eigentlich große Theater abgespielt", sagt Braun. "Mit Lust, Einfallsreichtum, Fantasie."

Spontane Demos gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze oder die schleppende Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit enden vorm Schauspiel. Fast jede Aufführung des Vietnam-Diskurses wird gestürmt. Studenten skandieren Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh im Zuschauerraum, erzwingen Diskussionen, nutzen die Bühne als Plattform. "Das bürgerliche Publikum war erbost", sagt Braun - aber auch einiges gewohnt. Während im Fernsehen die Hesselbachs laufen und Heile-Welt-Musik-Filmchen mit Peter Alexander, wird im Schauspiel Politik gemacht. Für Braun war das Theater sogar der Vorreiter der neuen linken Gesellschaftskritik und aufklärerischen Emanzipationsbewegung.

Erst mit Weiss' "Die Ermittlung", sagt Braun, wird die Aufarbeitung des Holocaust zum Thema, an dem auch das bürgerliche Publikum nicht vorbeikommt. Ein Publikum, das er rückblickend "bürgerlich im besten Sinne" nennt: "Anders als in München oder in Wien ging man in Frankfurt nie wegen der Schauspieler ins Theater. Nach Frankfurt kam man wegen der Inhalte."

Die Studenten geben im Schauspiel allerdings nur Gastspiele. Ihre künstlerische Heimat ist das TAT. Das Theater am Turm im Volksbildungsheim unter Oberspielleiter Claus Peymann und Regisseuren wie Wolfgang Wiens. Hier spielt die Avantgarde. Hier wird Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" mit Handgreiflichkeiten und Bühnensturm uraufgeführt. Hier läuft seit 1966 die Experimenta: die Wochen des experimentellen Theaters unter Leitung von FR-Redakteur Peter Iden und Suhrkamp-Lektor Karlheinz Braun. Hier, im TAT, werden Volksversammlungen abgehalten oder Kurse in Marxismus und Tai-Chi.

Gegen Allmacht des Intendanten

Stücke wie Weiss' Vietnam-Diskurs politisieren auch das bürgerliche Theater. Nachhaltig. Auch nach innen: 1970 führen die Städtischen Bühnen das Mitbestimmungsmodell für alle Beschäftigten ein, das die Allmacht des Intendanten bricht. Der Diskurs wird Methode - und unvergessenes Schauspiel. Der volle Titel sollte es auch sein: "Diskurs über die Vorgeschichte und den Verlauf des lang andauernden Befreiungskrieges in Vietnam als Beispiel für die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker sowie über die Versuche der Vereinigten Staaten von Amerika, die Grundlagen der Revolution zu vernichten."

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