+
„Der US-Präsident macht aus seiner Einschätzung keinen Hehl, dass er in Deutschland trotz aller Verbundenheit einen Mitbewerber sieht.“

Interview

„Europa weiß nicht, für welche Werte es eigentlich steht“

  • schließen

Der Politikwissenschaftler Ian Bremmer spricht über den drohenden Bedeutungsverlust der EU und den Modernisierungsbedarf der Nato.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas bemüht sich in diesen Tagen in Washington und New York um einen engeren Draht zur Trump-Administration. Wie schätzen Sie seine Chancen ein?
Keine leichte Aufgabe. Der US-Präsident macht aus seiner Einschätzung keinen Hehl, dass er in Deutschland trotz aller Verbundenheit einen Mitbewerber sieht. Trump wünscht sich von Frankreich, die EU zu führen, und er hält einen harten Brexit für eine gute Idee. Wir sollten aber nicht vergessen, dass es in Washington schon oftmals unterschiedliche Ansichten darüber gab, ob ein starkes oder ein schwaches Europa im Interesse der USA liegt.

Zurzeit gibt die Europäische Union ja sicherlich kein allzu starkes Bild ab. Spielt diese Entwicklung Trump in die Hände?
Fest steht, dass Europa von sich aus in die falsche Richtung abdriftet. Schauen Sie nach Davos: Der französische Präsident ist abwesend, ebenso die britische Premierministerin. Die EU zeigt wenig Interesse, enger zusammenzurücken. Im Gegenteil. Wenn ich fünf oder auch nur drei Jahre zurückblicke: Europa ist der Teil in der Welt, der sich schlecht entwickelt hat. Es ist weniger relevant, zeigt sich zerstritten und weiß nicht so recht, für welche Werte es eigentlich steht.

Von einer gespaltenen Gesellschaft lässt sich leider auch in den Vereinigten Staaten sprechen. Eine vergleichbare Entwicklung?
Sicherlich nehmen die innerpolitischen Auseinandersetzungen zu. Aber im technologischen Bereich stürmt Amerika nach vorn, es ist mittlerweile der größte Ölproduzent, und die gesamte Volkswirtschaft boomt. Erfolgsgeschichten lassen sich im Übrigen auch in den anderen Machtzentren beobachten: China erlebt trotz der jüngsten Turbulenzen einen steilen Aufstieg und stärkt seinen weltweiten Einfluss, auch Russland ist als ein starker Spieler auf die Weltbühne zurückgekehrt.

Gerade in diesen Umbruchzeiten würde eine Stärkung der transatlantischen Beziehungen Sinn ergeben. Warum zeigt sich die Trump-Administration so verhalten?
Es ist hart zu sagen, aber sind diese Beziehungen im weltweiten Maßstab für die USA wirklich noch so relevant? Und das liegt nicht allein an Donald Trump. Ohnehin ist bei vielen US-Bürgern die Skepsis gegenüber der Globalisierung gewachsen. Die steigende Ungleichheit lastet schwer auf der Gesellschaft. Viele fragen sich zudem, warum die USA für die Verteidigung so viel ausgeben müssen, starke Volkswirtschaften wie Deutschland aber so wenig?

Ian Bremmer

Von Beginn an zeigte Donald Trump ein großes Interesse an den Beziehungen zu China. Führt der Präsident damit letztlich eine Strategie fort, die sein Vorgänger Barack Obama einschlug?
Natürlich wollen die Amerikaner in der Weltwirtschaft dort präsent sein, wo die Musik spielt. Auf lange Sicht wird sich das Interesse sicherlich dorthin verlagern. Der Technologiebereich in Südostasien ist spannender als in Europa, zugleich liegen dort die großen strategischen Herausforderungen. Wenn die Europäer diese Entwicklung beeinflussen wollen, müssen sie enger zusammenrücken, um überhaupt gehört zu werden. Bisher zeichnet sich die EU vor allem dadurch aus, dass sie eine regulatorische Supermacht ist.

Mit Blick auf die Wirtschaftsdaten ergibt sich ein differenziertes Bild. Auch wenn sich die Prognosen verschlechtern, boomt die Wirtschaft in Deutschland, der transatlantische Warenaustausch war nie größer als heute, während sich Washington und Peking einen Handelskonflikt leisten. Sehen Sie die Lage für Europa nicht zu düster?
Wir erleben gegenwärtig gewaltige Verschiebungen. China geht sehr strategisch vor und plant über lange Zeiträume. Um seinen Einfluss dauerhaft zu erweitern, schreibt Peking große Schecks und entwickelt sich in vielen Regionen der Welt zum entscheidenden Kreditgeber für Infrastrukturprojekte. Damit werden Schritt für Schritt Abhängigkeiten geschaffen. China ist für viele Staaten längst von größerer Bedeutung als der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank.

Trotz aller ruppigen Äußerungen im Weißen Haus gibt es die Nato, die ja die Basis der transatlantischen Beziehungen bildet. Bleibt das Bündnis eine Gewähr für die enge Kooperation zwischen Amerika und Europa?
Sicherlich ist die Nato sehr präsent. Aber es mangelt nicht an Herausforderungen: Werfen Sie einen Blick auf die Türkei. Das Land lässt sich zurzeit kaum als echter Verbündeter bezeichnen. Ankara entwickelt autoritäre Züge, kauft Waffen von den Russen, bedroht die Partner der US-Militärs in Syrien. Und abgesehen davon ergibt die Nato-Mission im Jahr 2019 ohnehin wenig Sinn: Die größten Bedrohungen gehen heute von Cyberattacken aus. Und darauf ist die Nato schlecht vorbereitet. Für die transatlantischen Beziehungen wäre es gut, wenn das Bündnis zügig modernisiert würde.

Zur Person: Ian Bremmer ist New Yorker Professor und Präsident der von ihm gegründeten Denkfabrik Eurasia. Er gibt jährlich einen Bericht über geostrategische Risiken heraus. Seine Prognose: Sollte Europa nicht enger zusammenrücken, sinkt auf Dauer das Interesse der USA an den transatlantischen Beziehungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion