Maske an einem Wandbild in Berlin-Kreuzberg.
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Maske an einem Wandbild in Berlin-Kreuzberg.

Corona

Der zweite Test

Die Hoffnung, dass die Pandemie schnell vorbeizieht, ist geplatzt: Wieder stützt die Politik die Wirtschaft, wieder verengen sich persönliche Freiheitsräume. Die Unsicherheit ist zurück im Alltag.

Noch wurde der Höchststand bei den täglichen Neuinfektionen in Deutschland vom 28. März nicht eingeholt. Damals meldete das Robert Koch-Institut (RKI) 6294 neue Fälle einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Aber weit davon entfernt sind die aktuellen Zahlen nicht mehr: Am Mittwochmorgen meldete das RKI mehr als 5000 neue Infektionen – rund 1000 Fälle mehr als am Vortag. So hoch wie aktuell waren die Zahlen zuletzt Mitte April. Allerdings sind die jetzigen Werte nicht mit denen aus dem Frühjahr vergleichbar, weil mittlerweile wesentlich mehr getestet wird – und damit auch mehr Infektionen entdeckt werden.

Das RKI schreibt zur momentanen Situation: „Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten. Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“

Die Zahl der Corona-Patienten auf der Intensivstation stieg zwar in den vergangenen Tagen merklich, ist aber weiterhin vergleichsweise niedrig. So wurden laut Daten des DIVI-Intensivregisters von Dienstag rund 620 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt, eine Woche zuvor waren es noch rund 450. Insgesamt sind demnach in Deutschland aber noch knapp 9000 Intensivbetten frei. Experten gehen generell davon aus, dass sich der Anstieg bei den Neuinfektionen erst einige Zeit später bei der Zahl der Schwerkranken und Toten niederschlägt.

Banges Warten auf die Konsequenzen: In den Niederlanden steigen die Fallzahlen rasant.

Doch RKI-Präsident Lothar Wieler geht momentan davon aus, dass eine massive Weiterverbreitung der Infektionen noch vermeidbar ist. Er gehe davon aus, dass man in Deutschland das exponentielle Wachstum, noch unterdrücken könne, sagte Wieler am Mittwoch. „Aber dafür müssen wir uns auch anstrengen.“ Er halte die derzeitige Situation nicht für gefährlicher als die im Frühjahr. Insgesamt sieht Wieler heute im Vergleich zum März viel mehr Erfahrung und Wissen im Umgang mit dem Virus, etwa um die Maßnahmen geschickter einzusetzen und um bei Ausbrüchen schnell zu reagieren. Sollten die Zahlen jedoch weiter steigen, steige aber die Gefahr, mahnte Wieler. Man müsse versuchen, sie klein zu halten.

Um das zu erreichen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder zu Beratungen nach Berlin gerufen. Auf welche neuen Regeln im Umgang mit der Pandemie sich Bund und Länder genau einigten, war zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht bekannt. Im Laufe des Tages drangen aber bereits erste Forderungen aus dem Kanzleramt. So plädierte der Bund dafür, die Zahl der Teilnehmer bei privaten Feiern sowie bei öffentlichen Veranstaltungen spätestens dann zu beschränken, wenn es 35 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in einer Region innerhalb einer Woche gibt. Wann eine mögliche Sperrstunde und eine verpflichtende Maskenpflicht in der Gastronomie beginnen soll und wie viele Teilnehmer bei Feiern im Familien- und Freundeskreis zugelassen sein sollen, war in dem Entwurf am Mittwochnachmittag noch offen gelassen worden.

Während in Berlin um einheitliche Auflagen gerungen wird, melden die Nachbarn Deutschlands aufgrund steigender Zahlen ebenfalls Verschärfungen der Corona-Regeln. Ein Blick in einige besonders betroffene Länder:

Die Niederlande sind inzwischen ein neues Sorgenkind innerhalb der EU: Die Viruskrise gefährdet zunehmend die allgemeine medizinische Versorgung. In Amsterdam, Rotterdam und Den Haag mussten die Notaufnahmen von Krankenhäusern bereits zeitweilig geschlossen werden, wie der Leiter des Netzwerkes Akute medizinische Versorgung, Ernst Kuipers, am Mittwoch dem Parlament in Den Haag mitteilte. Weil alle Betten belegt waren und zu wenig Personal zur Verfügung stand, mussten Erste-Hilfe-Abteilungen für mehrere Stunden schließen und Krankenwagen Patienten in andere Krankenhäuser oder Städte bringen.

In Krankenhäusern und auf Intensivstationen in den Niederlanden nimmt die Zahl der Covid-19-Patienten schnell zu. Die Regierung verschärfte die Maßnahmen und verhängte einen „Teil-Lockdown“. Trotz der neuen Corona-Regeln rechnen die Krankenhäuser damit, dass bis November im günstigsten Fall 40 Prozent der regulären Versorgung gestrichen werden müsse. Sollten die Maßnahmen nicht greifen, wird im schlimmsten Fall mit einer Reduzierung von 75 Prozent gerechnet. „Dann bleibt neben der Covid-19-Pflege nur noch die Erste Hilfe übrig“, sagte Kuipers.

Die Situation sei im Vergleich zur ersten Welle „düsterer“. Krankenhäuser strichen bereits Hunderte von Operationen und hätten zahlreiche Behandlungen abgesagt. In der vergangenen Woche waren in den Niederlanden fast 44 000 Neuinfektionen registriert worden – 60 Prozent mehr als in der Vorwoche und 252 pro 100 000 Einwohner.

Corona-Entwicklung in Deutschland

Auch in Tschechien gelten seit Mittwoch härtere Maßnahmen. Versammlungen mit mehr als sechs Menschen sind verboten, Restaurants, Bars und Klubs müssen bis auf weiteres schließen. Der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit wird untersagt. Alle Schulen müssen bis Anfang November für knapp drei Wochen zum Fernunterricht übergehen. Die Maskenpflicht gilt nicht mehr nur in Innenräumen, sondern auch an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel. Geschäfte bleiben geöffnet.

„Wir haben nur einen Versuch, der erfolgreich sein muss, damit wir als Nation diese Pandemie beherrschen“, sagte Regierungschef Andrej Babis. Tschechien verzeichnete zuletzt - nach großer Sorglosigkeit in den Sommermonaten – einen frappierend starken Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen. Im Schnitt steckten sich binnen 14 Tagen 493,1 Menschen je 100 000 Einwohner an – der höchste Wert innerhalb der EU.

In Österreich ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ebenfalls auf einen Rekordwert gestiegen. Binnen Tagesfrist wurden nach Angaben vom Mittwoch 1346 neue Fälle gezählt. Unter Berücksichtung der Zahl der Einwohner ist der Wert in etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Die meisten neuen Fälle verzeichneten Wien (402), Oberösterreich (234), Tirol (184), Niederösterreich (139) und Salzburg (134). Auch die Belegung der Betten mit Covid-19-Patienten auf Intensiv- wie Normalstationen in Österreichs Kliniken steigt an. (FR/dpa)

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