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Magdalena Adamowicz mit ihrer Tochter.

Interview

„Politik und Medien in Polen sind voll mit Hate Speech“

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Magdalena Adamowicz über den Mord an ihrem Mann und ihr Engagement gegen rechts.

Frau Adamowicz, vor neun Monaten wurde Ihr Ehemann ermordet. Wie geht es Ihnen heute?
Das war eine fürchterliche Tragödie für mich und unsere zwei Kinder. Am Anfang war ich in einem Schockzustand. Aber ich musste mich zusammennehmen, mich um meine Kinder kümmern und irgendwie so etwas wie einen Alltag schaffen. Ich konnte und wollte nicht zu Hause sitzen und nur weinen. Irgendwann einmal war mir klar: Ich muss etwas gegen Hate Speech unternehmen. Wie sagt man dazu auf Deutsch?

Es gibt keine eindeutige Übersetzung. Vielleicht trifft es Hassrede.
Dann bleiben wir bei Hate Speech. Jedenfalls habe ich kurz nach dem Mord an meinem Mann mit dieser Kampagne begonnen, dann wurde ich ins Europaparlament gewählt, musste mich in Brüssel organisieren. Und jetzt stelle ich fest, dass mich wieder die Trauer packt. Ich weine wieder mehr. Ich habe das Gefühl, dass es mir heute schlechter geht als kurz nach dem Attentat. Die Leute sagen, dass die Zeit Wunden heilt. Na ja? Wir werden sehen.

Sie sagen, dass Hate Speech verantwortlich war für den Mord an Ihrem Mann. Wie definieren Sie Hate Speech?
Eine klare Definition gibt es nicht. Schon alleine deswegen, weil es eine unscharfe Grenze gibt zwischen Hate Speech und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber jemandes Würde zu verletzen, das ist keine freie Meinungsäußerung mehr.

Sollten Internet-Konzerne mehr tun?
Ich finde, die Verantwortung muss auf beiden Seiten liegen. Die Nutzer von Internet-Plattformen sollten juristisch dafür gerade stehen, was sie in den sozialen Medien posten. Das gilt aber auch für die Betreiber von Plattformen. Die können sich nicht einfach zurücklehnen und behaupten, sie stellten nur die Oberfläche zur Verfügung, hätten aber mit den Inhalten wenig zu tun.

War der Mord an Ihrem Mann politisch motiviert?
Ich will niemanden direkt beschuldigen. Ich glaube nicht, dass der Mörder meines Mannes im Auftrag von irgendjemandem handelte. Das wäre eine Verschwörungstheorie, die ich ablehne. Aber die Politik und die Medien in Polen sind voll mit Hate Speech und Fake News. Eine unabhängige Kommission hat herausgefunden, dass alleine im öffentlichen Fernsehen in Polen im vergangenen Jahr mehr als 100 Sendungen über meinen Mann liefen, die ihn als Dieb, Mafioso und unehrlichen Menschen darstellten. Ich war auch Inhalt dieser Berichte, und meine Kinder waren es auch und unsere Eltern. Wenn solche Desinformationskampagnen gemacht werden, dann hat das sicher auch Einfluss auf den Täter gehabt. Mein Mann war einer der lautesten Kritiker der regierenden Partei in Polen. Das hat ihn umgebracht.

Was denken Sie über den Täter?
Ich hasse den Mann nicht. Er ist jetzt in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Und vielleicht muss er irgendwann einmal vor Gericht.

Das klingt, als zweifelten Sie?
Ich habe Zweifel, ob die polnischen Strafverfolgungsbehörden ihre Arbeit so machen wie sie eigentlich müssten. Vor dem Mord an meinem Mann ist der Täter aus der Haft entlassen. Und selbst Warnungen seiner Mutter, dass ihr Sohn gefährlich ist und jemanden umbringen könnte, haben daran nichts geändert.

Jetzt ist Brüssel Ihre Heimat geworden. Hätten Sie Angst, wieder in Danzig zu leben?
Nicht direkt Angst, aber unsere ältere Tochter, die eine sehr enge Beziehung zu meinem Mann hatte, konnte es sich nicht mehr vorstellen, an ihre alte Schule in Danzig zurückzukehren. Aber jetzt ist Wahlkampf in Polen, und schon alleine deswegen bin ich öfter wieder dort. Ich will meine Wählerinnen und Wähler unterstützen, damit die regierende Partei am 13. Oktober möglichst wenige Stimmen bekommt.

Was ist das Vermächtnis Ihres Mannes?
Er liebte die Menschen. Er ging durch die Straßen der Stadt, sprach mit jedem, notierte sich deren Sorgen und ließ seine Beamten am nächsten Morgen die Sachen abarbeiten. Er hat Danzig als offene, multikulturelle Stadt wahrgenommen, in der alle einen Platz finden – egal, woher sie kommen, egal, wie sie aussehen, egal, wen sie lieben. So viele Städte dieser Art gibt es nicht in Polen.

Interview: Damir Fras

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