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Europas größter jüdischer Friedhof. In Warschau. Ignoriert, vernachlässigt und überwuchert seit 1945.

Polen

Vergiftete Debatte über das jüdische und nichtjüdische Polen in Geschichte und Gegenwart

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Die Polen streiten darüber, wie viele polnische Juden im Zweiten Weltkrieg durch die Hände ihrer Landsleute ums Leben kamen. Und vor allem, warum das geschah.

Ostpolen, Kazimierz Dolny. Was die Kleinstadt einst ausmachte, ist verschwunden: jüdisches Leben. Bis zu zwei Drittel aller Einwohner des Städtchens, des Schtetls, wie es im Jiddischen heißt, waren Juden. Die Erinnerung an sie wird in der restaurierten Synagoge wachgehalten. Fast alle der rund 2500 jüdischen Vorkriegsbewohner wurden während des Holocaust ermordet, nur einer entkam aus dem Kazimierzer Ghetto.

„Meine Großmutter erzählte mir, wie die Deutschen hier einst eine junge Jüdin fingen, sie vergewaltigten und auf dem jüdischen Friedhof ermordeten“, erzählt Dariusz Machnicz. Der 45-Jährige wohnt seit seiner Kindheit in Kazimierz. Über dem Eingang seines Häuschens hängt ein kleines Gemälde, das einen Juden zeigt, vor dem Münzen und die Bibel ausgebreitet liegen – „ein Symbol dafür, dass mir der Jude helfen soll, Geld zu verdienen“, sagt der Familienvater und lacht. Und die Erinnerung an die Juden heute? „Die Polen haben die Synagoge wieder aufgebaut, dort war lange Jahre ein Kino. Dann kamen die Juden und übernahmen das Gebäude. Ich sage: Wenn das eures war, liebe Juden, dann gebt uns zumindest das zurück, was die polnische Nation darin investiert hat.“

Viele Ursachen für die scharfe Auseinandersetzung in Polen

Faszination, Traumata, Vorurteile, Angst: Das sind die Zutaten, die eine derzeit in Polen geführte Debatte speisen, eine heftige Diskussion über das jüdische und nichtjüdische Polen in Geschichte und Gegenwart. Es gibt viele Ursachen für die scharfe Auseinandersetzung. Im Vordergrund stehen Vorwürfe wichtiger israelischer Politiker vom Februar gegenüber Warschau: Die Polen hätten „den Antisemitismus mit der Mutterbrust aufgesogen“, wie Israels damaliger Außenminister Israel Kac äußerte. Dies waren Nachbeben eines 2018 geplanten, letztlich gescheiterten Gesetzes der polnischen Regierung der rechtskonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS), die jedem mit Gefängnishaft drohen wollte, der den Polen eine Mitschuld am Holocaust zuzuschreiben versuche.

Hinzu kommen Fälle wie jene aus dem ostpolnischen Dorf Pruchnik, wo im April ein alter „Brauch“ plötzlich internationale Aufmerksamkeit erregte: Bei dem wird eine Puppe mit „jüdischen Zügen“ – zumindest, was antisemitische Klischees angeht – verdroschen als symbolische Erinnerung an die Judas-Verurteilung. Am 11. Mai demonstrierten mehrere Tausend Menschen, mobilisiert von rechten Agitatoren, dafür, dass die PiS-Regierung etwaigen Konsequenzen aus dem Gesetz 447 (JUST Act) in den USA einen rechtlichen Riegel vorschiebt. Gesetz 447 soll bislang nicht entschädigten jüdischen Opfern des Zweiten Weltkrieges weltweit zu ihrem Recht verhelfen. „Wenn ihr Entschädigung wollt, dann wendet euch an Berlin“, riefen die Demonstranten.

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Die fundamentalen Ursachen all dieser Ereignisse scheinen indes tiefer zu liegen. Bereits im Jahr 2000 hatte der polnischstämmige US-Historiker Jan Gross mit seinem Buch „Nachbarn“ eine Debatte über polnische Täter angestoßen, die unter der deutschen Besatzung polnische Juden ermordeten. Seither sind etliche Publikationen zu dem Thema erschienen – und es wurde auch einiges an Aufklärungsarbeit geleistet. Zuletzt aber weisen historische Forschungen auf eine womöglich größere polnische Beteiligung an der Ermordung Zehntausender Juden während des Holocaust hin als bislang angenommen. Zuletzt stößt vor allem eine Zahl bei rechtskonservativen und nationalistischen Parteien, Medien und Aktivisten übel auf: 200 000. So viele polnische Juden könnten – so eine vorsichtige Schätzung von Jan Grabowski, Leiter des Warschauer Zentrums zur Erforschung der Vernichtung der Juden – unter polnischer Beteiligung umgekommen sein – direkt, als Mittäter, durch Denunziation oder auch durch bewusste Unterlassung von jedweder Hilfe.

Grabowski stützt seine Schätzung unter anderem auf eine jüngst von seinem Team als Buch herausgegebene, umfassende Untersuchung unter dem Titel „Weiter ist Nacht“, die detailliert über das Schicksal von Juden in neun ausgewählten Landkreisen zwischen 1939 und 1945 berichtet. Vor allem die Phase während und nach der Liquidierung aller Ghettos im nazistischen „Generalgouvernement“ (Mittel- und Südpolen sowie die westliche Ukraine), als 200.000 bis 300.000 polnische Juden aus diesen entkommen konnten, wird darin beleuchtet. Polnische Hilfspolizisten der Deutschen etwa hätten häufig „aus eigener Initiative und ohne Befehl vor allem in kleinen Orten und in dörflichen Gegenden Juden gesucht und ermordet“, heißt es in dem Buch. In den untersuchten Landkreisen hätten rund 30 Prozent der etwa 12 000 aus den Ghettos Entkommenen überlebt – auch durch Hilfe polnischer Bürger. 60 Prozent aber nicht.

„Aus unseren Forschungen geht eindeutig hervor, dass (…) eine klare Mehrheit der Juden, die sich zu retten versuchten, durch polnische Hände ums Leben kam oder aber unter Beteiligung von Polen ermordet wurde.“ Neben den Erkenntnissen des eigenen Teams aus jenen neun Landkreisen kann Grabowski auch frühere Untersuchungen und Schätzungen anderer Forscher für jene Zahl 200.000 anführen.

Es geht um den polnischen Antisemitismus vor, während und nach dem Nationalsozialismus

Die Reaktionen auf solche Forschungsergebnisse ließen nicht lange auf sich warten. „Die Zahlen sind aus den Fingern gesaugt. Heute versucht man mit verschiedenen Methoden – die häufig nichts mit redlichen historischen Forschungen zu tun haben – den Polen die Beteiligung an der Ermordung einer möglichst hohen Zahl von Juden zuzuschreiben“, wütet der Historiker und Publizist Piotr Gontarczyk, der für das staatliche Institut für Nationales Gedenken (IPN) arbeitet. Das IPN selbst hat zu dem zweibändigen Werk eine umfassende, kritische Antwort verfasst.

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Doch die Debatte dreht sich nicht bloß um das Ausmaß der Beteiligung oder diese oder jene Zahl von Ermordeten – es geht eigentlich um etwas viel tiefer Sitzendes – den polnischen Antisemitismus vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Von PiS-Politikern und regierungsnahen Medien hagelt es geradezu Kritik, weil ihre propagierte Vorstellungswelt von einer reinen polnischen Opfernation, in der Antisemitismus und Denunziation höchstens Ausnahmen waren, durch die Forschungen infrage gestellt wird. Nach dem zurückgezogenen Holocaust-Gesetz – die Regierungen und Organisationen aus Israel und die USA hatten heftig protestiert – versucht die PiS, das Thema zu ihren Gunsten zu wenden, indem sie polnische „Gerechte unter den Völkern“ aufwertet. Für diese in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gewürdigten Personen, die Juden vor den Nazis retteten, gibt es in Polen seit 2018 einen nationalen Gedenktag und ein Museum zu ihren Ehren im ostpolnischen Dorf Markowa wird immer wieder medienwirksam von PiS-Politikern besucht.

Dabei belegt das Beispiel der Familie Ulmer, deren Namen das Museum in Markowa trägt, indirekt die Ergebnisse der Forschungen des Zentrums für Holocaustforschung: Die acht Ulmers, die in ihrem Haus acht Juden versteckten, wurden von einem Angehörigen der polnischen Polizei im Generalgouvernement (besser bekannt als „Blaue Polizei“) denunziert und dann von den Deutschen ermordet. Dass so etwas kein Einzelfall blieb, zeigen auch die in „Weiter ist Nacht“ versammelten Forschungen. In den dort untersuchten Landkreisen wurden etwa 100 Polen wegen ihrer Hilfe für Juden ermordet.

Polen stellen in Yad Vashem die größte nationale Gruppe

Unter den in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrten „Gerechten unter den Völkern“ stellen Polen mit knapp 6900 Personen die größte nationale Gruppe. Wie es in „Weiter ist Nacht“ heißt, dürfte es im Kontrast dazu deutlich mehr polnische Juden-Helfer gegeben haben, deren Identitäten aus vielerlei Gründen heute nicht mehr bekannt sind. Die, die den Juden aber halfen, „mussten dabei gegen damals vorherrschende Normen handeln, sie wurden von ihren polnischen Nachbarn in der Regel als Verräter behandelt“, sagt etwa Tomasz Zukowski, Autor des Buches „Die Große Retusche. Wie wir vergaßen, dass Polen Juden töteten“.

„Gerechte“ seien eben die Ausnahme gewesen, dies belegten viele Forschungen. Zu diesen Ausnahmen habe auch der Historiker und spätere Außenminister Wladyslaw Bartoszewski gezählt, der die Rettung von Juden mitorganisierte. Aber gerade in Polen und im Ausland geschätzte Autoritäten wie Bartoszewski hätten zu „einem Mythos beigetragen, gemäß dem die gesamte polnische Gesellschaft – vom Bauern über die Handwerker und Arbeiter bis zu den Intellektuellen – den Opfern des Holocaust geholfen habe“, kritisiert der Literaturhistoriker Zukowski. In dieser Sicht seien nicht die „Gerechten“, sondern die polnischen Mittäter jene „Schufte, die als Prügelknabe gelten und nicht zu unserer nationalen Gemeinschaft gehören – diese, so das Narrativ, gebe es überall, sie hätten jedoch nichts mit den geltenden kulturellen Normen Polens zu tun.“

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Solche Ansichten, so Zukowski, würden von einem Großteil der heutigen Polinnen und Polen geteilt. Die entscheidende Frage sei daher heute nicht die Zahl der Mittäter. „Das Problem liegt in dem einstigen kollektiven Handeln gegenüber Juden – denn bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Polen einen heftigen Antisemitismus. Die deutsche Besatzung und die Judenverfolgung verstärkte in großen Teilen der polnischen Bevölkerung das Bewusstsein: Jetzt kann man die Juden loswerden und ihr Eigentum übernehmen – wir können es dann einfach auf die Deutschen schieben.“

Argumente wie diese sind es, die die Debatte im Land befeuern – und Rechte jedweder Couleur in Rage bringen. Bei den jüngsten EU-Wahlen traten mit Kukiz’15 und der nationalistischen Konföderation gleich zwei Gruppen an, die antisemitische Ressentiments direkt bedienen. Dagegen nährt die regierende PiS eher unterschwellig antijüdische Einstellungen, indem sie versucht, die Geschichte zu einer starken, heroischen Nation Polen umzuschreiben, wo etwa Untergrundkämpfer gegen die NS-Okkupanten völlig lupenreine Lichtgestalten werden – selbst wenn sie erwiesenermaßen auch mitunter Juden mordeten.

Doch die vergiftete Debatte könnte tatsächlich etwas Positives zeitigen. Denn die historischen Untersuchungen bringen womöglich nicht die eine Wahrheit ans Licht – sondern viele komplexe Wahrheiten, die nun aber verstärkt erzählt werden.

Transparenzhinweis: In der ersten Fassung dieses Textes hat sich ein gravierender Fehler eingeschlichen. In der Passage zu den 6900 Gerechten konnte der Eindruck entstehen, dass deutlich mehr als 6900 polnische Menschen den Nazis geholfen hätten. Das ist falsch. Natürlich haben deutlich mehr als 6900 Polen ihren jüdischen Mitbürgern geholfen.  

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