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In Kiew legte Bundespräsident Steinmeier 2018 einen Kranz am Grab eines unbekannten Soldaten nieder. Nun reist er nach Polen. 

Beginn des Zweiten Weltkriegs

Der lange Schatten des Krieges

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Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen. Nun reisen zahlreiche Staatsoberhäupter zum Gedenken an den Krieg dorthin. 

Stille. Ein fernes Donnern. Dann die Einschläge. Am 1. September 1939 um 4.45 Uhr eröffnet das deutsche Linienschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer. Sein Ziel: Polnische Befestigungen vor der Freien Stadt Danzig. Gleichzeitig bringen deutsche Sturzkampfbomber in der mehr als 400 Kilometer entfernten Stadt Wieluń den Tod. 1200 der 16.000 Einwohner des Städtchens lassen an diesem Tag ihr Leben. Sie sind die ersten Opfer eines Krieges, der in seinem Ausmaß alle dagewesenen Kriege übertraf. Sogar den knapp 20 Jahre zuvor beendeten „Krieg, um alle Kriege zu beenden“.

Polen: Der Opfer des Krieges gedenken   

80 Jahre danach, ebenfalls um 4.45 Uhr, werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der polnische Präsident Andrzej Duda in Wieluń dieses Verbrechens und des Beginns des Zweiten Weltkriegs gedenken. US-Präsident Donald Trump sollte ursprünglich auch vor Ort sein, sagte seine Reise nach Polen jedoch kurzfristig ab. Vor allem soll des Opfers der Polen gedacht werden. Die Bundesregierung wolle etwas „dagegen tun, dass das Wissen um die polnischen Opfer des Krieges in Deutschland oft zu kurz kommt“, wie Außenminister Heiko Maas in Warschau angekündigt hat. Er unterstützt damit die Initiative für einen Gedenkort in Berlin.

Krieg an zwei Fronten

Am 1. September 1939 greift die Wehrmacht die polnischen Streitkräfte an. Die technisch weit überlegene Wehrmacht nutzt ihre Luftwaffe und Panzer. Als am 17. September ein zweiter Gigant - die Sowjetunion - mit all seiner Gewalt in das Land hereinbricht, ist Polen besiegt. Am 27. September kapituliert Warschau - das Dritte Reich feiert seinen „Blitzkrieg“.

Doch die polnische Regierung setzt eher auf Geld als auf eine Gedenkstätte. Die Beziehungspflege gestaltet sich schwierig, wie zuletzt vor allem der Streit um polnische Reparationsforderungen zeigte. So erklärte PiS-Politiker Arkadiusz Mularczyk, man sei bereit, für eine angemessene deutsche Wiedergutmachung „in die Schlacht zu ziehen“. Als ausstehende Summe nannte er rund eine Billion Euro und fügte hinzu, man könne den Deutschen die Rechnung zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen am 1. September überreichen. Während des Besuchs von Maas Anfang August ruderte Mularczyk dann allerdings zurück – „man wolle sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen“, sagte er. Das ändert aber nichts daran, dass das Thema zur Mobilisierung im Wahlkampf dient, der in Polen nach der Sommerpause beginnt. Bei den Gedenkveranstaltungen anlässlich des 75. Jahrestags des Warschauer Aufstands war die gesellschaftliche Spaltung beinahe mit Händen zu greifen. Staatspräsident Andrzej Duda beschwor in seiner Rede den polnischen „Heldenmut bis in den Tod hinein“. Auch Griechenland forderte im Juni weitere Entschädigungszahlungen für Kriegsschäden. Einem griechischen Parlamentsgutachten zufolge handelt es sich dabei um 289 Milliarden Euro. 

Bundesrepublik hält Thema für abgeschlossen 

Deutschland hat seit dem Zweiten Weltkrieg auf der Grundlage unterschiedlicher Gesetze und Abkommen Kriegsopfer im Ausland entschädigt. Die Summe der individuellen Zahlungen wurde in einem Bundestags-Gutachten von 2017 auf 74,5 Milliarden Euro beziffert.

Die Bundesrepublik hält das Thema mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 über die außenpolitischen Folgen der deutschen Einheit für rechtlich abgeschlossen. Auch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags kam zu dem Ergebnis, dass Polen keine Reparationszahlungen mehr zustünden. Einer Umfrage des Meinungsinstituts YouGov zufolge stützen 68 Prozent der Bürger die Position der Bundesregierung, dass das Thema abgeschlossen sei. 

Zahlreiche Staatsmänner werden am Sonntag des Zweiten Weltkriegs gedenken. Erinnerungsorte wie Wieluń laden Menschen ein, sich mit dem Schrecken zu beschäftigen – und sich mit dem Schicksal auszusöhnen. 

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