Saubere Luft über Polen: Eines der Ziele der Energiewende.
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Saubere Luft über Polen: Eines der Ziele der Energiewende.

Großer Wandel im Kleinen

Energiewende in Polen: Wie das Land jetzt zum Vorbild für Europa werden könnte

  • Ulrich Krökel
    vonUlrich Krökel
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Die Energiewende ist in Polen so populär wie sonst nirgends in Europa. Könnte die ehemalige Dreckschleuder nun zum Vorbild werden?

  • Polen: Von der Dreckschleuder zum Vorbild - in Polen ist die Energiewende besonders beliebt.
  • Bislang war das Thema in Polen kaum von Bedeutung.
  • Wie geht die Politik jetzt mit dem Thema um?

Warschau/Polen - Polen könnte vor einer großen Wende stehen und der größte Wandel beginnt oft im Kleinen. So zum Beispiel im Stadtteil Praga in Warschau, der Hauptstadt von Polen. Dort ziehen sich sechs Spuren der Ulica Grochowska über zehn Kilometer wie ein Bandwurm hin, bevor sie in einen Schnellstraßenknoten münden. Dazwischen waren jahrzehntelang die Gleise einer Tramtrasse einbetoniert. So ergab sich ein Bild von Asphalt, Stein und immer mehr Autoblech.

Seit wenigen Wochen lässt sich in Praga in Warschau ein kleines grünes Wunder bestaunen. Die Stadt nutzte die überfällige Sanierung der Schienen für eine Klimaoffensive und ließ das Gleisbett mit Sedum bepflanzen. Die schillernden Dickblattgewächse binden CO2 ähnlich gut wie Moos.

Energiewende in Polen: Die Umwelt war in Polen bislang eher zweitrangig - auch bei der Energie

Eine halbe Million Euro haben die Verkehrsbetriebe dafür in die Hand genommen. Zunächst reichte das Geld nur für das erste Drittel der Grochowska-Straße, denn die Drainage ist aufwendig. „Im gesamten Stadtgebiet haben wir aber bereits 25 Kilometer grüne Gleise“, sagt Sprecher Wojciech Bartelski und kündigt an: „Wir machen weiter.“

Eine Selbstverständlichkeit ist das keineswegs. Zwar hat die Wirtschaft des Landes seit dem EU-Beitritt 2004 einen Dauerboom erlebt. Doch die meisten Infrastrukturmittel flossen in den Ausbau des Straßennetzes. Für Umweltbelange interessierten sich die wechselnden Regierungen weniger als für den Verkehrs- und Warenfluss. Das brachte Polen den Ruf des „Klimasünders Nummer eins“ in Europa ein.

Energiewende: Aus Deutschland kommt mehr CO2 als aus Polen

Die Zahlen geben das jedoch nicht her. Deutschland etwa, das nach außen mit einem ganz anderen Anspruch auftritt, erzeugt pro Kopf mehr CO2 als Polen. Aber völlig falsch ist das Bild auch nicht. Denn noch immer bezieht Polen drei Viertel seiner Primärenergie aus klimaschädlicher Kohle und die rechtskonservative PiS-Regierung will dies bestenfalls langfristig ändern.

Das Ziel der EU-Kommission, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen, lehnt sie ab. Damit jedoch scheint sich die PiS immer weiter von den Bedürfnissen der Bevölkerung zu entfernen, wie eine aktuelle Studie zum „Grünen Potenzial“ in Polen belegt. Wichtigstes Ergebnis: Eine überwältigende Mehrheit will die Ökowende.

Auch im Detail förderte die Untersuchung Verblüffendes zutage. So antworteten vier von fünf Befragten, der Einsatz erneuerbarer Energien sei die beste Möglichkeit, die Umwelt und das Klima zu schützen. Im europaweiten Vergleich ist das der Spitzenwert. Litauen und Deutschland rangieren mit 70 und 63 Prozent dahinter. Und während etwa im grünen Vorzeigeland Deutschland nur jeder Dritte die E-Mobilität für einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz hält, sind es jenseits der Oder doppelt so viele Menschen. Die meisten Polen haben auch keinen Zweifel, dass der menschengemachte Klimawandel eine wissenschaftliche Tatsache ist (80 Prozent).

Polen: Inzwischen steht bessere Luftqualität hoch auf der Agenda

Wie passt das zusammen mit dem Bild von der Dreckschleuder des Kontinents? „Die Probleme sind einfach da und belasten die Menschen“, sagt Patryk Bialas, der als einziger grüner Politiker im Stadtrat von Katowice sitzt, dem Zentrum des oberschlesischen Kohlereviers. Die schlechte Luft erhöhe den Veränderungsdruck enorm. Tatsächlich liegen 33 der 50 schmutzigsten Städte Europas in Polen. Jahr für Jahr sterben rund 40 000 Menschen wegen der hohen Schadstoffbelastung vorzeitig. Daher sind in den vergangenen Jahren auf lokaler Ebene zahllose Bürgerinitiativen entstanden, die sich die Verbesserung der Luftqualität zum Ziel gesetzt haben. Seit 2015 gibt es mit der Organisation „Polnischer Smogalarm“ einen Dachverband.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Grünen in Polen bei Wahlen bislang chancenlos waren. Im Sejm sitzen zwar drei Abgeordnete der Partei. Das gelang aber nur, weil die Grünen bei der Parlamentswahl 2019 auf der Liste der liberalkonservativen Bürgerkoalition kandidierten. Die Partei selbst kam auf 0,58 Prozent. Politikwissenschaftler erklären dies meist mit einer Ablehnung westlich geprägter Vorbilder im Osten Europas. Der ehemalige PiS-Außenminister Witold Waszczykowski brachte es einmal auf die Formel: „Wir wollen hier keine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit polnischen Werten nichts zu tun.“

In Polen spielt sich dank Energiewende ein grünes Wunder ab

Doch genau eine solche Welt scheinen immer mehr Menschen in Polen herbeizusehnen. Zumal zu polnischen Traditionen Naturnähe zählt: das Beeren- und Pilzsammeln in den Masuren oder das Wandern in den Karpaten. Zu Beginn der Pandemie sorgte keine Schutzvorschrift für so viel Protest im Land, wie das Verbot, die Wälder zu betreten. Politisch könnte sich aus dieser Gemengelage ein Umbruch entwickeln. Treibende Kräfte sind der Oberbürgermeister von Warschau, Rafal Trzaskowski, der bei der Präsidentenwahl im Juli nur knapp gegen Amtsinhaber Andrzej Duda (PiS) verlor, sowie der Drittplatzierte Szymon Holownia.

HauptstadtWarschau
Vorwahl+48
WährungZłoty
Präsident Andrzej Duda
Bevölkerung37,97 Millionen (2019)

Der parteilose TV-Moderator Holownia wird meist als linkskatholisch oder gemäßigt-konservativ beschrieben. Bei der Wahl trat er jedoch mit einem stark grün gefärbten Programm an und forderte Klimaneutralität bis 2050. Nun will er im Stil des französischen Präsidenten Emmanuel Macron eine Bewegung gründen statt eine klassische Partei. Trzaskowski hat ähnliche Gedanken geäußert. Tun sich die beiden zusammen, könnte in Polen eine bürgerliche, grün-liberale Kraft entstehen, die für die PiS nur schwer zu schlagen sein dürfte. (Ulrich Krökel)

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