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Wanda Traczyk-Stawska (94) bei einem Pro-EU-Protest im Oktober in Warschau.
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Teilt gegen Rechtsextreme aus: Wanda Traczyk-Stawska (94) bei einem Pro-EU-Protest im Oktober in Warschau.

Polen

Antifa-Oma (94) tituliert Neonazis: „Halt die Klappe, du Idiot!“

  • Tim Vincent Dicke
    VonTim Vincent Dicke
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Wanda Traczyk-Stawska (94) kämpft gegen rechtsradikale Kräfte – und für ein liberales Polen. Früher war sie im Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Warschau – Vor 80 Jahren kämpfte sie im polnischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten, heute setzt sie sich für einen Verbleib Polens in der EU, die Demokratie und Flüchtende ein: Wanda Traczyk-Stawska scheut keine Auseinandersetzung, auch mit 94 Jahren nicht. Rechtsextremen Kräften stellt sie sich mutig und wortgewaltig entgegen.

Bei einer Pro-EU-Demonstration im Oktober rief Traczyk-Stawska zu störenden Rechtsradikalen ins Mikrofon: „Halt die Klappe, du Idiot! Dreckiger Tyrann.“ Bei dem Protest gingen Zehntausende auf die Straße, nachdem das polnische Verfassungsgericht den Vorrang des EU-Rechts vor nationalem Recht in Frage gestellt hatte. Ganz vorn mit dabei: die zierliche 94-Jährige, mit Militärbarett auf dem Kopf und der Armbinde der einstigen Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Nach ihrem Auftritt erhielt Traczyk-Stawska anonyme Morddrohungen.

Polen: Wanda Traczyk-Stawska (94) hat keine Angst vor Rechtsextremen

Doch Wanda Traczyk-Stawska lässt sich nicht einschüchtern. „Ich bin Soldatin, ich nehme kein Blatt vor dem Mund“, sagt sie später im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP in ihrem Haus am Stadtrand von Warschau. Vor dem Eingang wehen eine polnische und eine EU-Flagge. Traczyk-Stawska war zwölf Jahre alt, als die Wehrmacht in Polen einmarschierte. Als Pfadfinderin schloss sie sich dem Widerstand an und beteiligte sich an Sabotageakten.

Auch beim Warschauer Aufstand im August 1944 war sie dabei, als eine der 50.000 Widerstandskämpfer:innen, die gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht aufbegehrte. Traczyk-Stawska trug sogar ein Maschinengewehr – eine große Ausnahme damals für Mädchen. In den 63 Tagen des Aufstandes starben fast 200.000 Zivilpersonen und Kämpfer:innen, die ganze Stadt lag in Trümmern.

Die Nazis hielten Traczyk-Stawska gefangen, bis sie 1945 von polnischen Truppen aus dem Lager Oberlangen befreit wurde. Nach dem Krieg arbeitete sie als Lehrerin in einem Zentrum für behinderte Kinder.

94-Jährige kämpft gegen Nationalismus in Polen: „Ich bedaure, dass ich so alt und gebrechlich bin“

Obwohl Traczyk-Stawska langsam auf die 100 Jahre zugeht, kämpft sie weiterhin für ihre Ideale. Heute stellt sie sich den Euroskeptiker:innen der nationalistischen Regierung in Polen entgegen. Der Verbleib in der EU „ist eine Frage der nationalen Sicherheit“, sagt sie. „Was würde passieren, wenn wir die EU verlassen? Wir haben bereits die Erfahrung von 1939 gemacht“, als Polen auf der einen Seite Hitler-Deutschland, auf der anderen der Sowjetunion allein gegenüberstand. „Das ist die schlimmste Gefahr für uns, wir wären wie eine Fliege vor einem Elefanten“, warnt Traczyk-Stawska im AFP-Interview.

Der Deutschen Welle sagt Traczyk-Stawska: „Dieser Patriotismus der Nationalisten hat nichts mit echtem Patriotismus zu tun. Ein echter Patriot versteht, was gut ist für sein Land.“ Doch nicht nur der zunehmende Nationalismus, sondern auch der Umgang mit Flüchtenden an der Grenze zwischen Polen und Belarus bereitet Traczyk-Stawska Sorgen. Tausende Menschen irren seit Tagen bei eisiger Kälte im Grenzgebiet umher. Mindestens zehn Personen kamen bereits ums Leben, Medienberichten zufolge sieben davon auf polnischer Seite.

„Die Art und Weise, wie Kinder an der Grenze behandelt werden, ist beschämend“, sagt Traczyk-Stawska und denkt zurück an ihre eigene Kindheit, als sie mitansehen musste, wie Nazis „Spaß daran hatten, Babys zu erschießen“. Am liebsten würde sich die einstige Widerstandskämpferin auch heute dem unmenschlichen Vorgehen entgegenstellen. „Aber wir haben nicht mehr die Kraft, uns dagegen zu wehren“, sagt die 94-Jährige AFP. „Ich bedaure, dass ich so alt und gebrechlich bin.“

Wanda Traczyk-Stawska in ihrem Haus am Stadtrand von Warschau

Antifa-Oma (94) setzt sich für Flüchtende ein: Krise zwischen Polen und Belarus

Die EU wirft dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vor, Flüchtende absichtlich an die Grenze zu schleusen, um sich für die EU-Sanktionen zu rächen, die wegen seines brutalen Vorgehens gegen die Opposition verhängt wurden. Tausende polnische Streitkräfte sind an der Grenze stationiert und drängen die Migrant:innen, auch Frauen und Kinder, wieder nach Belarus zurück.

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Nach Angaben Lukaschenkos bemüht sich Belarus mittlerweile um die Rückführung von Flüchtenden an der belarussisch-polnischen Grenze in ihre Heimatländer. „Es wird aktiv daran gearbeitet, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie bitte nach Hause zurückkehren sollen. Aber niemand will zurückkehren“, sagte der Staatspräsident, der als „letzter Diktator Europas“ gilt, am Montag (15.11.2021) der staatlichen Nachrichtenagentur Belta zufolge. (tvd/AFP)

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