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Wer auf deutschen Straßen als Jude erkennbar ist, muss mit Übergriffen rechnen.

Jüdische Geschichte in Schulbüchern

"Die Pogrome werden meist aus Tätersicht beschrieben"

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Der Lehrer und Wissenschaftler Martin Liepach über Antisemitismus in Schulbüchern und die Darstellung jüdischer Geschichte.

Herr Liepach, Sie sind gerade aus Israel zurückgekommen, wo Sie sich mit Schulbüchern befasst haben. Worum ging es genau?
Ich bin Mitglied der deutsch-israelischen Schulbuchkommission. Wir hatten ein Treffen mit den israelischen Partnern. In der ersten Runde haben wir die Schulbücher für die Fächer Geschichte, Geographie und Politik und deren Darstellung des jeweiligen anderen Landes sowie die Darstellung des Holocaust untersucht und anschließend Empfehlungen ausgesprochen. Das geschah 2015. Für die zweite Runde haben wir die Erstellung von gemeinsamen Unterrichtsmaterialien vereinbart. Das Oberthema ist Migration. Dazu werden auch vier Unterrichtsmodule für das Fach Geschichte entwickelt, die dann online gestellt werden. Eines sind die „Jeckes“, ein Modul, das sowohl in Israel als auch in Deutschland eingesetzt werden kann. Es erzählt die erzwungene Migration deutscher Juden im Nationalsozialismus, aber auch deren Fortsetzung. Bisher steht über das weitere Schicksal in Schulbüchern relativ wenig. Hier soll das Modul anknüpfen und erzählen, wie es den Menschen in Palästina, beziehungsweise dann in Israel ergangen ist. 

Das Novemberpogrom, früher Reichskristallnacht genannt, jährt sich zum 80. Mal. Wie sollte dieses Ereignis im Unterricht behandelt werden?
Das ist natürlich ein ganz zentrales Ereignis für die Geschichte des Nationalsozialismus, aber auch für die Geschichte der Juden in Deutschland. Es sollte erstens einen entsprechenden Stellenwert im Unterricht haben und zweitens sollten bei der Behandlung die verschiedenen Perspektiven mit aufgenommen werden. Da kommen wir schon auf eine häufige Schwachstelle in Schulbüchern. Hier werden die Pogrome meist aus Tätersicht beschrieben, auch aus Zuschauersicht, aber es fehlt häufiger die jüdische Perspektive. Die gehört aber unbedingt dazu und sollte im Unterricht eine Rolle spielen.

Wird jüdische Geschichte in deutschen Schulbüchern angemessen dargestellt?
Nach meinem Dafürhalten nach wie vor zu wenig. Ganz häufig spielt jüdische Geschichte eine Rolle im Mittelalter im Kontext Verfolgung, Pest, Pogrom, mitunter auch Juden in der mittelalterlichen Stadt, und dann tauchen Juden in Schulgeschichtsbüchern erst wieder im Nationalsozialismus auf. Dazwischen ist eine ziemliche Leerstelle. Mitunter findet man noch etwas im Kaiserreich und der Weimarer Republik, das ist ein klein wenig besser geworden. Doch insgesamt ist es ein Problem, dass die jüdische Geschichte nicht angemessen berücksichtigt wird.

Welche Probleme sehen Sie da genau?
Wenn man sich im Nationalsozialismus mit antisemitischen Bildern und Beschreibungen beschäftigt, muss man die dekonstruieren. Das kann nur funktionieren, indem man die jüdische Geschichte heranzieht. Man braucht historische Kenntnisse, um einen Faktencheck zu machen.

Wie verbreitet ist denn Antisemitismus in Schulbüchern?
Die Schulgeschichtsbücher sind nicht antisemitisch. Es kommen antisemitische Texte und Quellen vor, wo es als Thema vorgeschrieben ist, also im 19. Jahrhundert der moderne Antisemitismus und der Nationalsozialismus. Wenn man über die NS-Ideologie spricht, muss man natürlich Originalquellen wie etwa Hitlers „Mein Kampf“ heranziehen. Insbesondere bei Bildquellen bleiben die Arbeitsaufträge häufig auf der Reproduktionsebene, die Analyseebene fehlt. Auch die Bildtexte sind oft unzulänglich. Ein Plakat zur Ausstellung „Der ewige Jude“ von 1937 lediglich als Ausstellungsplakat zu beschreiben, reicht nicht, da müsste man schon „Propagandaplakat“ darunterschreiben, um den Charakter deutlich zu machen.

Welche antisemitischen Stereotype sind besonders häufig?
Das häufigste Stereotyp ist der reiche Jude, Juden und Geld. Das fängt an mit dem jüdischen Geldverleiher im Mittelalter. Häufig heißt es, im Mittelalter wären nur Juden Geldverleiher gewesen, was nicht stimmt. Für das 19. Jahrhundert werden etwa jüdische Bankiers genannt, die zu Reichtum kamen, das zieht sich fort über die NS-Zeit bis heute. Das ist der Klassiker: Man weiß nichts über Juden, aber man glaubt zu wissen, dass sie angeblich reich gewesen sind. 

Gibt es noch die hässlichen, verzerrenden Karikaturen, die man aus dem „Stürmer“ kennt?
In einigen Schulbüchern sind diese Karikaturen abgebildet als illustrativer Teil der NS-Propaganda. Das ist etwas, was in der Schule auf jeden Fall dekonstruiert werden muss. Es funktioniert nicht, auf eine vermeintlich abschreckende Wirkung solcher Bilder zu setzen, denn solche antisemitischen Darstellungen gibt es ja bis heute. 

Wie sollten Lehrer damit umgehen, wenn sie in Schulbüchern auf antisemitische Darstellungen stoßen?
Sie sollten inhaltlich thematisiert werden. Es reicht nicht, solche Bilder zu zeigen und zu glauben, die würden sich von selbst erklären. Die entscheidende Leistung der Lehrkräfte ist hier, genau hinzugucken und nicht auf der Ebene „beschreibe das Bild“ stehen zu bleiben. Die Bildelemente müssen analysiert werden und eingeordnet in die Geschichte des Antisemitismus. Der vermeintliche Reichtum der Juden stellt sich etwas anders dar, wenn man genau auf die Sozialstruktur und die Einkommensverteilung etwa im Kaiserreich schaut.

„Jude“ ist ein gängiges Schimpfwort auf den Schulhöfen. Wie kann Alltags-Antisemitismus sinnvoll im Unterricht thematisiert werden?
Da geben Schulgeschichtsbücher keine Handlungsanweisung. Man muss es thematisieren und aufgreifen, aber es gibt da kein Patentrezept. Gegebenenfalls sollte man sich Hilfe holen, etwa Angebote der Interventionspädagogik nutzen. Auch das Pädagogische Zentrum des Jüdischen Museums Frankfurt und Fritz-Bauer-Instituts ist eine Anlaufstelle oder die Bildungsstätte Anne-Frank in Frankfurt.

Interview: Uta Grossmann

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