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Podcast-Serie gegen historische Ignoranz

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Von: Daniel Roßbach

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Der Geschichts-Podcast  „Revolutions“.
Der Geschichts-Podcast „Revolutions“. © Mike Duncan

Mike Duncan steigt in Ereignisse ein, die die Welt bis heute prägen.

An den Weihnachtsfeiertagen ist die 342. und letzte Folge des Podcasts „Revolutions“ erschienen – nach neun Jahren, 1,5 Millionen Wörtern und knapp acht ununterbrochenen Tagen Abspielzeit. Das Projekt ist damit sehr viel umfangreicher geworden, als es Mike Duncan, der Autor des Podcasts, selbst ursprünglich geplant hatte.

Doch das angedachte, recht enge Format wurde schnell gesprengt vom Material von zehn Revolutionen in Großbritannien, den USA, Frankreich, Haiti, Südamerika, Mitteleuropa, Mexiko und Russland, deren Geschichte der Podcast erzählt. Aber nicht nur von diesem Stoff, sondern auch vom Stil des US-amerikanischen Historikers, den Hörer:innen schon von seinem ersten, 2007 gestarteten Podcast „The History of Rome“ kennen konnten. Diesen Stil prägt Interesse an den relevanten Details der betrachteten historischen Prozesse ebenso sehr wie Witz und Nahbarkeit in deren Präsentation. Dass Duncan dieser Sichtweise in „Revolutions“ so viel Platz gibt, wie die Geschichten es erfordern, lässt ihn ein sehr viel vollständigeres und dadurch absolut nicht weniger unterhaltsames Bild seines Gegenstands zeichnen.

Aber was an diesem Geschichts-Podcast ist überhaupt so politisch, dass er Thema dieser Kolumne sein sollte? Nun, einiges. Zum einen wirken die in „Revolutions“ besprochenen Revolutionen natürlich in den politischen Verhältnissen, mit denen wir es aktuell zu tun haben, noch immer nach. Und die Konflikte und Streitpunkte, an denen sich die besprochenen Revolutionen entzünden, und die Strukturen, die sich in ihrem Verlauf zeigen, sind zumindest zum Teil auch in heutigen Gesellschaften zu finden – auch in solchen, in denen sich keine revolutionäre Situation abzeichnet.

Aus Duncans Art, Geschichte zu schreiben, folgt dabei, dass er keine allgemeingültigen Theorien davon konstruiert, wann und warum Revolutionen geschehen. Vor allem nicht, wenn dafür die einzelnen Beobachtungen verbogen werden müssten. Stattdessen legt er dar, wie Frustration über ausbleibende Reformen oder Widerstand gegen unpopuläre Neuerungen zum Ausgangspunkt revolutionärer Bewegungen werden können – aber eben nicht müssen. „Revolutions“ liefert auch kein Fazit, ob Revolutionen grundsätzlich wegen ihres Potenzials zu Erneuerung gefeiert oder wegen der einhergehenden Zerstörung verdammt werden sollten.

Stattdessen beschreibt die Podcast-Serie Situationen, in denen die etablierten Regimes mit solchen Spannungen nicht umgehen können, und beleuchtet dabei strukturelle Faktoren, Fehler der „great idiots“ in Machtpositionen und historische Zufälle, die dazu beitragen, dass es gerade in diesen Gesellschaften Revolutionen geben konnte und in anderen nicht. Und er zeichnet nach, welche Konflikte unter den Revolutionären auftreten, sobald das jeweilige Ancien Régime gestürzt ist. Denn Konflikte zwischen Moderaten und Radikalen in Zielen und Praktiken folgen unweigerlich auf den Sturz der alten Ordnung – manchmal brechen sie sofort auf, manchmal dauert es einige Stunden.

Über diese inhaltliche Ebene hinaus gibt aber auch die thematische Schwerpunktsetzung von „Revolutions“ unserer Sichtweise auf historisches und aktuelles Geschehen einen interessanten Impuls. Beispielhaft dafür ist der prominente Platz, der der Haitianischen Revolution zur Befreiung von Sklaverei eingeräumt wird, nachdem das im Mainstream „westlicher“ (weißer) Geschichtsschreibung lange nicht der Fall war. In „Revolutions“ bekommt Toussaint Louverture, die Führungsfigur dieser Revolution, genau so viel Aufmerksamkeit wie Cromwell, Robespierre, Washington und Lenin.

Und schließlich ist da noch das Format selbst: Duncans Podcasts sind Musterbeispiele, wie in diesem Medium unabhängige Kreator:innen eine Stimme und ein Publikum finden können – und den Diskurs bereichern.

„Revolutions“ gibt es auf den üblichen Streaming-Plattformen.

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