Am 17. Juni 1953 trägt ein Arbeiter ein Schild-Fragment zur Demonstration.
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Am 17. Juni 1953 trägt ein Arbeiter ein Schild-Fragment zur Demonstration.

Der Tag des Aufstands

Die plötzliche Wende im Leben des Brigadiers

Zimmermann Heinz Homuth gehört zu den Streikführern - und flieht nach Repressalien bald darauf in den Westen.

Von Jörg Schindler

Der Tag, der sein Leben aus den Fugen brachte, begann für Heinz Homuth wie jeder andere. Er war früh aufgestanden, hatte sich Karohemd und Zimmerer-Wams übergestreift, den Bauarbeiterhut auf den schmalen Schädel gestülpt, eine Kippe in den Mundwinkel gesteckt und war aus dem Küchenfenster geklettert. Da stand er nun, wie jeden Tag, auf einem Baugerüst im Hinterhof des Blocks E-Süd und wartete, bis seine Arbeitskollegen aus dem Umland in der Frankfurter Allee eintröpfelten, die jetzt Stalinallee hieß.

Anfang des Jahres war Homuth mit seiner Frau in den künftigen Vorzeigebau der Deutschen Demokratischen Republik eingezogen. Ein Traum vom Wohnen: Fahrstuhl, Bad, Zentralheizung, mehrere geräumige Zimmer, ein Beton gewordenes Aufbruchsignal inmitten einer kriegsvernarbten Stadtlandschaft, in der sich noch immer Trümmer türmten. Homuth war kein Parteigänger der SED, aber ein Bauarbeiter, ein verdammt guter, deswegen durfte er trotzdem einziehen in die Allee, auch wenn Block E-Süd noch nicht vollendet war, die Fassade schon, wie so oft in der DDR, aber nicht die Rückseite. Sie fertig zu stellen war der Auftrag von Zimmerer-Brigadier Heinz Homuth und seiner Kolonne. An diesem Morgen jedoch rührte keiner seiner Kollegen Säge oder Spatel an. Die Männer hatten anderes zu tun. Besseres. Es war der 16. Juni 1953.

Es hatte seit Wochen bereits unter den Bauarbeitern gegrummelt. 1,75 Mark Stundenlohn bei 48 Wochenstunden: Wer da auf einen grünen Zweig kommen wollte, der musste, so oft es ging, die Norm überschreiten und einen Quadratmeter Wand eben in einer halben statt in einer Stunde einschalen. Das gab Zusatzmünzen. Damit war auszukommen. Als nun aber die Parteiführung eine Normerhöhung verkündete, hieß das: rund 40 Mark weniger im Monat. "40 Mark", ruft Homuth und saugt an einer Selbstgedrehten, "das war damals der Mietdurchschnitt, dagegen hatten wir was." Wie viel die Bauarbeiter dagegen hatten, sollte sich schneller zeigen, als es den Technokraten an der Staatsspitze lieb sein konnte.

Am 15. nachmittags wandte sich ein Putzer aus Block E-Süd an Brigadier Homuth: "Heinz, wir wollen morgen protestieren, macht ihr mit?" Es gibt ein Bild von Heinz Homuth aus dieser Zeit - die Augen: zwei verwegene Balken im Halbschatten, die geballten Fäuste am Revers, die Fluppe wie bei Lucky Luke zwischen die Lippen geklemmt. Es ist ein Bild wie aus einem Halbstarken-Film, bevor die Clique loszieht, den Gegner zu vermöbeln. Entschlossener kann man nicht wirken. Verwegener auch nicht. Natürlich machte Homuth mit. Tonangeber, der er war, marschierte er noch am selben Tag zu den anderen Brigaden auf der Allee, zu den Maurern, Steinmetzen, Malern und schwor sie auf den Protesttag ein. Morgen Früh, bei Dienstbeginn, Block 40. 50 Jahre ist das her.

"Nein", sagt Heinz Homuth, "ick seh' nich, dass ich damals 'n Fehler jemacht hab." Er ist 75 heute, ein hoch gewachsener, hagerer Mann, der seinen Lebensabend zwischen furnierter Eiche und gusseisernen Schiffsreliefs in Neukölln verbringt, auf der anderen, der westlichen Seite Berlins. Er kann kaum noch laufen, der Krebs hat seinen Oberschenkel-Knochen zerfressen, seine Frau hat ihn nach 40 Jahren verlassen, die vier Kinder sind längst aus dem Haus. Aber Heinz Homuth wirkt nach wie vor wie ein Mensch, der Zweifel mit einer kurzen Wischbewegung seiner knorrigen Hände zur Seite schiebt. Seine Nase hat sich mit dem Alter, wie es scheint, noch ein wenig weiter hervorgewagt. Er raucht noch immer wie ein Schlot. Widerspruch, Zwischenfragen empfindet er auch heute noch als eher lästig.

Nein, sagt also der Rentner Homuth, er würde, käme es drauf an, noch einmal alles so machen wie damals. Auch wenn es wieder hieße, seine Freunde zu verlieren und seine Heimat und seine Traumwohnung und noch einmal von ganz unten anzufangen, nur weil man einmal - am falschen Ort, zur falschen Zeit - seinen Mund aufgemacht hat, um nach Gerechtigkeit zu rufen und nach Fairness. "Wenn man den Leuten heute das zumuten würde, was sie uns damals zugemutet haben", sagt der alte Mann, "dann würden se ooch alle streiken."

Es waren einige Dutzend Bauarbeiter, die sich am frühen Morgen des 16. Juni 1953 an Block 40 der Stalinallee einfanden. Was genau dort passieren würde, wusste keiner so recht. Man wartete. Darauf, dass ein Vertreter vom "Freien Deutschen Gemüsebund", so Homuth, vorbeikäme und eine Ansprache hielte. Das konnten sie ja gut, diese feinen Gewerkschafter. Allein: So lange die Männer auch warteten, es kam keiner, um zu reden. Stattdessen stießen irgendwann, atemlos, zwei Kollegen von der Baustelle am Krankenhaus Friedrichshain zur Gruppe und berichteten gehetzt, die Klinik sei von Polizisten umstellt, keiner werde durchgelassen, um auf der Allee zu demonstrieren. Darauf nun hatten die Bauarbeiter gewartet, da hörte sich alles auf, das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Einer rief: "Wir holen unsere Jungs raus." Und alle setzten sich in Bewegung. "So", sagt Homuth, "begann der Marsch der Bauarbeiter von der Stalinallee."

Auf dem Weg Richtung Osten passierte dann das, was Heinz Homuth noch heute ein Lächeln auf die harten Züge zaubert: Wo immer die Handwerker vorbeikamen, schlossen sich ihnen Menschen an, folgten dem Ruf "Berliner reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein". Aus dem Häuflein Demonstranten wurde ein Haufen, später eine Masse, und als das Krankenhaus Friedrichshain erreicht war, sahen sich die Volkspolizisten mehreren tausend entschlossenen Mitbürgern gegenüber. Also wich die Staatsmacht zur Seite. Zum ersten Mal in diesen denkwürdigen Tagen im Juni.

Vom Krankenhaus ging es weiter, zum Haus der Ministerien, wo schließlich zehntausende Berliner nach Ulbricht riefen und nach Grotewohl. Die aber kamen nicht. Hatten sich längst abgesetzt. Wollten den Arbeitern und Bauern, deren Staat sie in den Sand setzten, nicht gegenübertreten. Stattdessen kam Selbmann, Fritz Selbmann, subalterner Minister und der Einzige von der Führungsriege, der die Stirn besaß, sich dem Volk zu stellen. Und Selbmann hatte Erstaunliches zu berichten. "Kollegen, die Normerhöhung ist zurückgenommen", rief er. "Unser erster Sieg", sagt Brigadier Homuth. Nur: Der Masse, die sich im Machtzentrum Ostberlins versammelt hatte, ging es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nur um die Normerhöhung. Es ging ihnen um Lebensmittel und Lebensstandard, darum, ähnliche Freiheiten zu haben wie die Berliner drüben im Westen, darum, nicht länger von einer offensichtlich unfähigen Politclique am Gängelband geführt zu werden. Also reichte ihnen Selbmanns Zugeständnis nicht. Also wollten sie ihren Zorn so schnell nicht verrauchen lassen. Also riefen sie, für den 17. Juni, zum Generalstreik auf. Was einmal gut geht, so die Hoffnung, geht auch ein zweites Mal gut. So kann man sich täuschen.

Am Morgen des 17. hatte Heinz Homuth, der wieder ganz vorne mitmarschierte, für einen kurzen Moment das Gefühl, auch dieser Tag könnte ein Tag des Volkes werden. Die demonstrierenden Massen hatten gerade den Straußberger Platz, das imposante Einfallstor der Stalinallee, erreicht, als sie auf eine massive Polizeikette stießen. Aber auch diesmal blieb eine Eskalation aus. "Die haben wir einfach auseinander geschoben", sagt Homuth, "sie haben sich nicht gewehrt." Ein weiterer Sieg, allerdings der letzte für lange Zeit.

Denn als die Demonstranten zur Schlossbrücke kamen, waren es nicht mehr deutsche Polizisten, die ihnen hilflos gegenüberstanden. Diesmal kamen Panzer, russische Panzer. Die Besatzungsmacht hatte beschlossen, den Ostberlinern ihre Grenzen aufzuzeigen. "Da kam eener nachm andern angekullert" , erinnert sich Homuth. Als die Menschen trotzdem weiter Richtung Potsdamer Platz marschierten, fielen schließlich die ersten Schüsse, irgendwann brannte das Kolumbushaus, die Panzer rollten kreuz und quer und suchten sich wahllos Ziele, Menschen sackten zu Boden, ob tot oder verletzt, weiß Homuth nicht mehr zu sagen. "Damals hat jeder gesehen, dass er seine Knochen heil da rausbekommt."

Homuth wird vage, wenn er über diese Stunden des 17. Juni spricht, er erinnert sich nicht gerne daran, wie seine Hoffnung und die von zehntausenden Ostberlinern in Stücke geschossen wurde. Er redet lieber über Siege. Niederlagen kann er nur schwer ertragen. Der 17. Juni aber war die vermutlich größte Niederlage im Leben des Heinz Homuth. Zumal er eine Kette von Ereignissen auslöste, an deren Ende er sich plötzlich als Entwurzelter in Westberlin wiederfand.

Die ersten Zeichen fand er noch am Abend des 17. in seinem Briefkasten. Hausbewohner, die anders als er treue Parteihörige waren, hatten ihm dort kurze, anonyme Botschaften hinterlassen. Was er sich einbilde, seine Arbeit stehen und liegen zu lassen; was für ein Schwein er sei, gegen diesen großartigen Staat aufzubegehren; ob er vom Westen bezahlt worden sei für diese Sauerei. Homuth arbeitete nicht mehr an diesem Tag und auch am nächsten nicht. "Wer weiß: Wenn da ein Stein vom Gerüst geflogen wäre, hätten sie vielleicht gesagt, wir greifen die Russen an." Erst am 19. Juni erschienen der Brigadier und seine Kolonne wieder im Hinterhof von Block E-Süd und versuchten ihr Bestes, einen normalen Arbeitsalltag herzustellen. Aber normal wurde es nicht mehr.

Wenige Tage später meldete sich, zum ersten Mal seit dem 17., wieder die Angst bei Heinz Homuth. Seine "Straßen-Vertrauensmännin" hatte ihm, dem Haus-Vertrauensmann, gesteckt, dass sie seine Wohnung nicht mehr betreten dürfe. "Das war für mich ein Warnschuss", sagt der Zimmermann. Jetzt wusste er, dass sein Engagement als Streikführer weder unbemerkt geblieben war noch ungesühnt bleiben sollte. Aber Gefängnis? "Nie wieder", sagt Homuth. Das hatte er bereits hinter sich, fast drei Jahre lang, als Kriegsgefangener bei den Amerikanern, den Russen, den Tschechen. Das reichte ihm fürs Erste.

Also beschloss Heinz Homuth im Sommer 1953, seinem alten Leben den Rücken zu kehren, packte hastig eine Aktentasche mit seinen wichtigsten Unterlagen und machte via U-Bahn "rüber in den Westen". Dort landete er mit seiner Frau in einer winzigen schäbigen Wohnung, die Toilette eine halbe Treppe tiefer, fand irgendwann wieder Arbeit, legte allerhand zur Seite, und baute sich schließlich im Neuköllner Stadtteil Rudow, viele Kilometer entfernt von der einstigen Stalinallee, sein eigenes kleines Heim.

Er hat ein abwechslungsreiches Leben seither geführt. Er war beruflich in Nigeria und in Libyen, er hat Kinder großgezogen, er wurde "ein paar Mal deutscher Meister im Kegeln". Er hat, später, auch alte Kollegen wiedergetroffen, nach 1989 hatten sie angerufen, Mensch, Heinz, dich gibt's ja auch noch. Er hat sich dem Arbeitskreis 17. Juni angeschlossen und steht seither bereitwillig, wenn auch kurz angebunden, Rede und Antwort, sobald Zeitzeugen von damals gesucht werden. Sehr viele gibt es nicht mehr, sie sterben allmählich aus. Erst letztes Jahr, sagt Homuth, habe er seinen besten Freund beerdigt. Ein Brigadier auch er.

Nur eines hat der renitente Bauarbeiter lange Zeit vermieden: an den Ort des Geschehens zurückzukehren. "Ich hatte kein Verlangen danach", sagt Homuth. Er ist kein Mann für Sentimentales. Erst im vergangenen Jahr hat er doch noch einmal Block E-Süd betreten, das Fernsehen hatte ihn eingeladen, da wollte er nicht Nein sagen. Ja, sagt er, "war schon ein etwas merkwürdiges Gefühl", an diesem Ort zu stehen, wo er freiwillig an einer gewaltigen Demonstration teilnahm. Zum ersten Mal in seinem Leben. Und zum letzten Mal.

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