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Günther Beckstein
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Günther Beckstein

Das Leben der Ex-Politiker

Plötzlich machtlos

Spitzenpolitiker tun sich meist schwer mit dem Abschied von ihren Ämtern, von Bedeutung und Aufmerksamkeit. Günther Beckstein, Heide Simonis und Hans Eichel erzählen vom neuen Leben zwischen Handarbeit, Ehrenamt und Spaziergängen ohne Bodyguards.

Von Steven Geyer und Jörg Schindler

Als man Heide Simonis die Macht genommen hatte, begann sie zu singen und zu tanzen. Hans Eichel zerlegte sein halbes Haus. Günther Beckstein floh nach Tibet. Plötzlich hatten sie eine Freiheit, die sich keiner von ihnen ausgesucht hatte. Sie leiden darunter noch heute.

Ihre Politik-Kollegen Ole von Beust und Roland Koch haben sich in diesem Jahr selbst entmachtet. Ende August ist für beide Schluss. Der eine will jetzt häufiger auf seine Lieblingsinsel Sylt und danach ein bisschen als Anwalt jobben. Der andere macht erst mal Urlaub, Ratschläge will er sich künftig verkneifen. Beide sagen, sie freuen sich auf ihre Zukunft. Simonis, Eichel und Beckstein sagen: Die werden sich noch wundern.

Auf dem Klingelschild in Kiel steht „Siemonis“. Mit E. Sie findet das witzig. Sie hat es nicht ändern lassen. Es ist ein Fortschritt gegenüber dem Tarnnamen „Hesius“ an ihrer vorigen Wohnung. Das U stand für ihren Mann Udo, der Rest für sie. „Siemonis“ kommt den Tatsachen näher. Sie ist jetzt fast schon bei sich selbst angekommen.

Heide Simonis empfängt den Besucher in ihrem Wohnzimmer. Sie trägt eine lila Bluse und eine lilageränderte Brille, ein Vanilleduft begleitet sie. Ihr neues Leben liegt in Fetzen vor ihr. Es sind Hunderte Stoffquadrate, in allen möglichen Farben und Mustern, sie hat sie über den Teppich verteilt. Sie muss sie nur noch vernähen, dann hat sie ihren nächsten Quilt fertig. „Da brauche ich ein ganzes Jahr für“, sagt Simonis. „Ich hab’ ja jetzt viel Zeit.“ Sie hat jetzt sehr viel Zeit. Deswegen hat sie gerade wieder ein Buch geschrieben. Es heißt „Verzockt!“ und ist ein ziemlich wütendes Pamphlet gegen die Versager vom Finanzmarkt und in der Politik. Ein Krimi ist in Arbeit. Die Heldin ist eine Frau. Und nachher um vier muss das Gespräch leider beendet sein. Da hat sie Gesangsunterricht. „An tollen Tagen“, sagt Simonis, „kriege ich sogar das Hohe C gestemmt.“

Simonis ist jetzt 67 und scheint nicht mehr allzu gut zu Fuß zu sein, selbst in ihrer Wohnung setzt sie vorsichtig und etwas unstet Schritt vor Schritt. Aber es sieht nicht so aus, als wolle sie zur Ruhe kommen.

Fünf Jahre ist es jetzt her. „Die Schlachtbank-Geschichte“, wie sie es selber nennt. Vier Mal hatte sie sich an jenem 17. März 2005 im Kieler Landtag zur Wahl gestellt. Vier Mal wurde sie nicht gewählt. Bis dahin war sie immer eine der Ersten gewesen. Älteste von drei Schwestern. Mit 33 in den Bundestag. Erste Ministerpräsidentin eines Landes. Und nun plötzlich auch: erste gewesene Ministerpräsidentin. Ein Jahr habe sie gebraucht, bis ihr Leben wieder „so richtig eingerüttelt“ war. Die „emotionale Wut“ aber spürt sie bis heute. Der Genosse, der sie damals nicht wählte, er ist auch fünf Jahre später „ein Arschloch“. Sie würde viel darum geben, wüsste sie, wer es war.

Sie hatte doch einen Plan. Noch einmal Regierungschefin, dann nach zwei Jahren die Stabübergabe, der geordnete Rückzug. Pattex-Heide? Über das alte Klischee lacht sie. „Blödsinn.“ Macht habe sie gewollt, um etwas zu machen. Deshalb wäre ihr nie eingefallen, einfach so zu gehen. Um etwa mehr Zeit für das Leben auf einer Insel zu haben. Oder weil es Anderes im Leben gebe. Oder weil sie, wie Horst Köhler, den nötigen Respekt für das Amt vermisste. „Männer!“, sagt Simonis. Und: „Die sagen nicht die Wahrheit!“

Simonis wundert sich über eine so ungenierte Pflichtvergessenheit. Als 2003 bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wurde, da ließ sie sich samstags operieren, und dienstags drauf verlieh sie Gerhard Stoltenberg die Ehrenbürgerwürde. So mache man das. Da sei sie wie ihr Vater, der „verdammte Preuße“.

Aber gut, jetzt sei es eben vorbei. Nach 30 Jahren Politik. Sie hat nicht geweint, „das hätte noch gefehlt“. Aber sie hat gelitten. Und sie ist sicher: „Koch und Beust werden auch leiden – da können die sagen, was sie wollen.“ Man wird nicht mehr eingeladen. Man sitzt nicht mehr ganz vorne. Man kann nicht mehr mit jedem reden. – Und auch nicht mehr mitbestimmen? „Ja, ja, das kommt noch dazu.“ Man war mal was. Und ist plötzlich nichts mehr.

Was sie seither anpackte, ging merkwürdig schief. Als Unicef-Chefin musste sie 2008 abdanken, obwohl sie den Spendenskandal doch aufklären wollte. Durch „Let’s dance“, die RTL-Show, wurde sie zu „Hoppel-Heide“. Im Frühjahr gab sie fürs ZDF die „Promi-Paukerin“ – hat auch nicht so geklappt. Sie ist jetzt oft zu Hause und sammelt Sachen für ihre Wohnung. Die mutet schon jetzt wie ein Großraum-Museum an, mit Regalen voller Art-Deco-Vasen, Puppen, Lock-Enten und einer Galionsfigur, die sie von ihren Ministern zum Sechzigsten geschenkt bekam. Manchmal ruft sie Genossen an, manchmal, eher selten, wird sie angerufen, manchmal zeigt sie sich für gute Zwecke. Seit einem Vierteljahr ist sie außerdem wieder Präsidentin. Vom Sängerbund Schleswig-Holstein. Der hat mehr Chöre als die SPD Ortsvereine. „Tja“, sagt Simonis, „irgendein Amt hab’ ich immer.“

Günther Beckstein fährt im Ford Fiesta vor. Der gehört seiner Tochter. Den BMW braucht heute die Gattin. Er hat das kleine Bezirksbüro der CSU in Nürnberg als Treffpunkt vorgeschlagen, einen abgewetzten Nachkriegsbau. Er trägt einen beigen Pullover, keine Krawatte, kein Jackett, aber seit einem stressbedingten Hörsturz im Jahr 2004 ein Hörgerät. Er könnte es abnehmen, „dann hätten Sie gar nichts gemerkt“, sagt der 66-Jährige. „Aber warum sollten Sie nicht?“ Was könnte es ihm noch schaden?

Als sich der große Traum von Günther Beckstein doch noch erfüllt hatte, fuhr er als Erstes zum Papst. Das war am 26. Oktober 2007. Beckstein hatte gut zwei Wochen zuvor endlich seinen langjährigen Chef Edmund Stoiber als Ministerpräsident von Bayern beerbt. Papst Benedikt kannte er schon, als der noch Joseph Ratzinger hieß. Plötzlich standen sie sich gegenüber als Herrscher zweier religiöser Kleinstaaten, die beide so lange ihrem Vorgänger zugearbeitet hatten, bis sie ziemlich alt geworden waren.

Nur: Ratzinger glaubte daran, dass er nun Gottes Stellvertreter ist – Beckstein war sich nicht so sicher, für wen er wirklich sprach und wer dabei wirklich hinter ihm stand. Als die CSU ein Jahr später bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit verlor, wurde der Druck der alten Stoiberianer zu groß. „Sie drohten, mich im Landtag zur Simonis zu machen.“ Also ging er. „Nicht ganz so freiwillig wie Roland Koch“, sagt er heute und kichert. Ist das noch Günther Beckstein? Der Mann, der 14 Jahre lang einer der mächtigsten Innenminister Deutschlands war? Der seinen Ruf als Scharfmacher pflegte wie andere ihren Kleingarten? Er kichert oft in diesem Gespräch. Er muss jetzt kein harter Hund mehr sein. Er scheint das zu genießen.

Den Abschied von der Macht aber – Beckstein selbst spricht von seinem „Verzicht“ – wertet er noch heute als „eine der bittersten Erfahrungen meines Lebens“. Elf Monate lang war das Herrscheramt genau so, wie er es sich als Kronprinz erträumt hatte. Vom breiten Aufgabenfeld schwärmt er noch immer, von der „Resonanz auf Bundesebene“, den Abstimmungsrunden mit der Kanzlerin. „Wir trafen die wichtigsten Entscheidungen zur Wirtschafts- und Finanzkrise, Gesetz zur Stabilisierung des Finanzwesens, 480 Milliarden Euro. Da spürt man, dass man in der ersten Garnitur angekommen ist.“

Wer in die Politik gehe, sagt er, strebe genau diese „Gestaltungsmacht“ an. Gerade Koch, den Beckstein für „den schlausten Analytiker der deutschen Politik“ hält, werde diesen Verlust noch schmerzhaft spüren. Genauso wie Edmund Stoiber ihn seinerzeit gespürt hat. Beckstein war mal sein Freund. Er selbst empfand den Amtswechsel als verabredeten Rückzug, Stoiber als Putsch. Immerhin: „Wir reden inzwischen wieder miteinander“, sagt Beckstein.

Im Umfeld der beiden heißt es, Beckstein komme mit dem Machtverlust besser klar. Er hat auch mehr Erfahrung damit. 1987 verlor er mal die Oberbürgermeisterwahl in Nürnberg. Ein Jahr lang, sagt seine Frau Marga, sei er danach unausstehlich gewesen. „Dieses Mal habe ich mir die ersten 14 Tage keinerlei Gefühle erlaubt“, sagt Günther Beckstein. „Und Tag für Tag erkannte ich mehr Vorteile.“ Keine 16-Stunden-Tage mehr. Am Wochenende Skifahren, ohne noch im Hotel Faxe beantworten zu müssen. Drei Wochen Tibet ohne Medien. Bei Abendterminen nicht nur das Grußwort sprechen und weiterhetzen.

Kurz überlegte er, auch sein Landtagsmandat niederzulegen. „Aber mich haben so viele Leute hier gewählt. Ich muss für sie da sein.“ Freilich sei es unangenehm, von der Hinter- auf die Regierungsbank zu schauen. „Aber ich sehe das auch als Abklingbecken.“ Man könnte es auch sanfter Entzug nennen.

Am Sonntag darauf sitzt Günther Beckstein doch wieder im Rampenlicht. ZDF-Mann Peter Hahne hat ihn eingeladen. Es geht um Sicherungsverwahrung, darum, wie Bürger vor Schwerverbrechern zu schützen seien. Hahne begrüßt ihn als „Deutschlands bekanntesten Innenminister“, der „als harter Hund gilt“. Beckstein nickt. Er kichert kein einziges Mal. Er trägt Anzug und Krawatte. Aber kein Hörgerät.

Hans Eichels Haus liegt wenige Minuten zu Fuß entfernt vom ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Das Aufregendste auf dem Weg ist ein Warnschild am Bach: „Bei Hochwasser Lebensgefahr“. Dann kommt das Seniorenheim. Dann das eher schlichte Haus, in dem der Ex-Sparminister mit seiner Frau lebt. Über den Schwiegereltern. Das Dachgeschoss hat er selbst ausgebaut. „Das war das Erste, womit ich mich abgelenkt habe“, sagt Eichel. „Mein Traumberuf war Architekt.“ Der „eiserne Hans“ macht jetzt sein Ding.

Er ist 68 Jahre alt. Aber er sieht noch genauso aus wie vor elf Jahren, als er nach Lafontaines Rücktritt zuerst Finanzminister und dann „Retter des fast gekenterten Tankers Rotgrün“ (FTD) wurde. Drei Jahre lang war er täglich in der Zeitung, Dauergast bei Christiansen, konnte nur noch mit Leibwächtern über den Kasseler Wochenmarkt schlendern. Als am 11. September 2001 eine Panik an den Finanzmärkten verhindert werden musste, telefonierte er mit seinen G-20-Kollegen. Hans Eichel half, die Welt zu retten. Im Ruhestand behilft er sich mit Dübeln.

Als Eichel die Macht entglitt, ließ er einfach nicht los. 2002 hatten SPD und Grüne ganz knapp noch mal die Wahl gewonnen. Danach wollte Eichel weiter sparen. Aber SPD-Fraktionschef Müntefering und Kanzler Schröder bremsten ihn aus. So wurde der Finanzjongleur erst zum Erbsenzähler, dann zum Buhmann. Aber er blieb. Auch, als Schröder sich 2005 in Neuwahlen flüchtete und klar war, dass Eichel nicht mehr im Kabinett sein würde. Warum? „In dieser Lage konnten die SPD-Leute der ersten Reihe nicht einfach abtauchen“, findet er bis heute. Es ging ums Prinzip, sagt Eichel. Es ging um einen Posten, egal welchen, schrieben viele. Dass die Kasseler SPD ihm auch noch einen Gegenkandidaten für das Direktmandat vorsetzte, war eine zusätzliche Demütigung. „Andererseits weckte es den Kampfgeist.“ Er zog in den Straßenwahlkampf, verteilte Handzettel, redete in Fußgängerzonen. Er schaffte es noch einmal in den Bundestag. 2009 aber war endgültig Schluss. Heute arbeitet er für die Friedrich-Ebert-Stiftung, leitet den Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzing, schreibt Gastbeiträge. Und wenn Anne Will anruft, opfert er sogar seinen Sonntagabend. Sie tut es selten.

Ole von Beust hat soeben in einem Interview gesagt, er gehe nicht als jemand, der von der Politik enttäuscht ist, „aber ich will nicht als Berufspolitiker pensioniert werden“. Man kann sagen, dass es bei Eichel andersherum ist. Die Politik hat ihn oft enttäuscht. Aber wer einfach so aus einem politischen Spitzenamt in die Wirtschaft wechsele, der degradiere Politik „zu einem Job wie jeden anderen“, sagt Eichel.

Der Hans im Unglück hat sich daran gewöhnt, nicht mehr gefragt zu werden. Nicht mal um Rat. Er habe ja auch nie seinen Vorgänger gefragt. „Ein Fehler“, findet er heute. „Die Amerikaner setzen ihre ehemaligen Präsidenten zum Beispiel in Sondermissionen ein. Man hat ja weltweite Kontakte, Erfahrung, sieht die langfristige Entwicklung.“

Eichel hat noch immer seine alte Minister-Adresse im Internet. Dort steht: „Oberbürgermeister a.D., Ministerpräsident a.D., Bundesfinanzminister a.D., Mitglied des Deutschen Bundestages a.D.“. Mails gehen an „hans.eichel@t-online.de“. Wer weiß, vielleicht meldet sich ja mal einer mit einer Mission. Hans Eichel wäre bereit.

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