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Interview mit Reinhard Mey

Plötzlich Franzose

Reinhard Mey über sein Leben in Paris und Berlin, Vollkornbrot und Baguette, die deutsch-französische Freundschaft – und wie er sich das erste Treffen zwischen François Hollande und Angela Merkel vorstellt.

Seine Sprechstimme klingt kantiger, energischer als seine samtweiche Singstimme, die so oft von der grenzenlosen Freiheit „Über den Wolken“ gekündet hat. Aber Reinhard Mey muss heute einfach lauter reden. Im ersten Stock eines Cafés am Brandenburger Tor, in dessen Erdgeschoss immer mehr Touristen hereinströmen, schafft es der Liedermacher irgendwie, das anschwellende Gemurmel zu durchdringen, ohne seine Gesprächspartner deshalb anschreien zu müssen. Wer wie er seit mehr als 40 Jahren vor großen Zuschauermengen auftritt, lässt sich von solchen Geräuschkulissen eben nicht beeindrucken. Allein im vergangenen Jahr hatte er 62 ausverkaufte Konzerte gegeben. Die Höhepunkte hat er jetzt auf der Live-CD „Gib mir Musik“ dokumentiert. Dass Reinhard Mey im Dezember 70 wird, sieht man ihm nicht an, dass er regelmäßig joggt dagegen schon. Ganz in Schwarz gekleidet, sitzt da ein sehr entspannter Berliner, der nicht viel Aufhebens darum macht, Berliner zu sein. Was wohl auch damit zu tun hat, dass er viele Jahre in Paris lebte. Einer Stadt, die für ihn ein Sehnsuchtsort geblieben ist.

Herr Mey, wir würden mit Ihnen gerne über den Pionier der deutsch-französischen Freundschaft reden, der Sie mal waren.

Oh Gott, ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen?

Ihre Eltern schickten Sie nach Ende des Krieges zu einer befreundeten französischen Familie, in den 60ern lebten Sie in Paris, waren mit einer Französin verheiratet, Sie sangen auf Französisch, wurden dort unter dem Pseudonym Frédérik Mey ein Star unter den Chansonniers, noch bevor Sie in Deutschland Erfolg hatten. Da kommt doch einiges zusammen.

Das stimmt, ist aber schon alles lange her.

Wir möchten mit einem Assoziationsspiel versuchen, dieses Leben zwischen zwei Kulturen zu erfassen. Wir nennen Ihnen je eine deutsche und eine französische Eigenschaft – Sie müssen sich für eine entscheiden.

Machen Sie mal.

Baguette oder Vollkornbrot?

Vollkornbrot. Da spricht der Jogger oder der ernährungsbewusste Deutsche aus mir. Ich weiß, wie schädlich das Weißbrot für den Organismus ist. Was mich allerdings nicht daran hindert, es hin und wieder zu essen. Es kommt drauf an, was man draufschmiert. Wenn ich einen wunderbaren, gereiften Camembert habe, schmeckt der eigentlich nur auf einem Baguette.

Triumphbogen oder Brandenburger Tor?

Triumphbogen, der Platz ist noch lebendiger als das Gelände am Brandenburger Tor. Und mir gefällt es, dass es unter dem Triumphbogen eine Flamme für die unbekannten Soldaten gibt. Eine schöne Geste, die geht mir ans Herz. Wobei ich nie vergessen werde, wie schön es war, am 24. Dezember 1989 endlich wieder durch das Brandenburger Tor gehen zu dürfen. Trotzdem wähle ich den Triumphbogen.

Louvre oder Museumsinsel?

Louvre. Das Museum ist nicht zu überbieten. Es zu erfassen, ist fast schon eine Lebensaufgabe. Und das sagt Ihnen jemand, der schon sehr oft dort war. Dennoch habe ich vielleicht erst ein Drittel dessen gesehen, was im Louvre ausgestellt ist. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich immer wieder zu denselben Bildern gehe.

Albert Camus oder Günter Grass?

Camus. Ohne zu überlegen. Abgesehen von der jüngsten Debatte um sein kontroverses Israel-Gedicht, ist es mir schon immer sehr, sehr schwer gefallen, Günter Grass zu lesen. Ich hab es dennoch immer wieder mal versucht, zuletzt „Das Treffen in Telgte“. Aber es ging nicht. Ich konnte das einfach nicht lesen, mich nicht da durchkämpfen. Ich habe das Buch irgendwann zugeklappt, das war mein Abschied von Grass. Camus dagegen ist für mich immer noch frisch, auch wenn ich ihn heute lese.

Audrey Tautou oder Franka Potente?
Audrey Tautou. Ich habe mir sogar diese Schweinelampe gekauft, die in ihrem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ auf dem Nachttisch steht. Die steht jetzt auch bei mir zu Hause. Ich liebe diesen Film.

Fußball-Länderspiel, Frankreich gegen Deutschland, welche Mannschaft feuern Sie an?

Deutschland, einfach deshalb, weil ich die Mannschaft zurzeit besser kenne als das französische Team. Ich bin auch kein großer Fußball-Experte.

Französischer Wein oder deutscher Wein?

Französischer. Obwohl ich den deutschen, beispielsweise den Riesling, auch sehr mag. Aber da ich am liebsten Rotwein trinke, bin ich beim Wein eher in Frankreich zu Hause, genauer: im Bordeaux.

Atlantikküste oder Sylt?

Das ist schwer. Ich würde sagen: 14 Tage hier, 14 Tage dort, da kann ich mich nicht entscheiden. Mein Lieblingsort an der französischen Atlantikküste ist Mimizan, 70 Kilometer nördlich von Arcachon gelegen. In jungen Jahren bin ich mal von Berlin aus mit dem Moped dort hingefahren – erst nach Paris, dann weiter nach Biarritz, dann nach Arcachon.

Ein ganz schön weiter Ritt.

Ich hatte bereits Erfahrung. Meine erste Reise nach Paris hatte ich auch mit dem Moped gemacht. Ich habe drei, vier Tage dafür gebraucht und war eigentlich nur auf gut Glück losgefahren. Ich hatte nichts gebucht. Ich hatte einen Jugendherbergsausweis. Und die Adresse einer Gastfamilie, wo ich Unterschlupf fand. Ich habe auch unter einer Brücke an der Seine geschlafen, einfach, weil ich das mal machen wollte.

Benjamin Biolay oder Clueso?

Clueso. Unter den neueren französischen Chansonniers habe ich den großen Knaller noch nicht entdeckt, was aber daran liegt, dass ich mich in der Szene nicht mehr so gut auskenne. Meine letzte große Entdeckung im französischen Chanson war Jean-Jacques Goldman.

Louis de Funès oder Otto?

Louis de Funès. Ganz klar. Ich hatte de Funès, lange bevor er als Filmstar berühmt wurde, mal in einem Theaterstück in Paris gesehen. Er spielte in dem Stück „Oscar“, das er später auch für die Leinwand adaptiert hat. Ich war begeistert von dieser brillanten, schnellen Boulevard-Komödie. Ich habe gebrüllt vor Lachen.

Sie haben sich sechs Mal eindeutig für Frankreich, drei Mal für Deutschland entschieden.

Tatsächlich? Na ja, das geht schon in Ordnung. Ich war mit einer Französin acht Jahre verheiratet, das war eine wunderbare Zeit deutsch-französischer Verständigung. Ich hatte eine tolle Schwiegereltern-Familie, mit der ich auch lange nach unserer Trennung Kontakt hatte. Ich habe von Frankreich das Beste abgekriegt. Wirklich. Neid und Häme beispielsweise habe ich in Frankreich nie erlebt.

Herr Mey, Ihre Eltern waren mit einem französischen Paar befreundet und hatten sich vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs versprochen: Wenn der Krieg vorbei wäre, würde man diese Freundschaft wieder aufleben lassen. Wie war das, als Sie nach dem Krieg das erste Mal die französische Familie besuchten? Schlug Ihnen da zunächst eine feindselige Stimmung entgegen?

Nein, bei allen meinen Frankreich-Reisen, von der ersten bis zur letzten, habe ich selbst nie ein antideutsches Ressentiment gespürt.

Sie sind nie als „boche“ beschimpft worden?

Nie! Die Familie lebte in einem Dorf in der Ardèche, das auch unter den deutschen Besatzern gelitten hatte. Und dennoch habe ich dort nie das Wort „boche“ gehört – außer, wenn ich selbst nach dem Krieg gefragt habe. Aber auf mich ist das Wort nie angewandt worden, von keinem der Dorfbewohner. Und ich bin viel unterwegs gewesen, habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Deutscher bin. Das kam ja anfangs sofort über die Sprache raus. Später, als der Akzent sich ein wenig verwischte, ging ich als Kanadier, Belgier oder Schweizer durch, bis ich am Ende als Franzose galt. In anderen Ländern, in den Niederlanden oder Belgien beispielsweise, kam das dagegen schon mal vor. Wenn ich mit meinem VW Käfer mit dem Berliner Kennzeichen irgendwo stand, gab es mal abfällige Bemerkungen. Aber nie eine wirkliche Aggression. In Frankreich habe ich das nie gespürt.

Später haben Sie nicht nur in Frankreich gewohnt, Sie haben auch auf Französisch gesungen und Lieder geschrieben. Wie hat diese Zeit Sie geprägt?

Ich habe mich in der Sprache zu Hause gefühlt und auch in der Mentalität. Das war sehr intensiv, ich habe gerne dort gelebt, bin immer wieder gern dorthin gefahren. In Frankreich war ich zu Hause, auch in der Sprache. Wenn ich über den Rhein fuhr, hat sich automatisch ein Schalter im Gehirn umgelegt, der auf Französisch geschaltet hat.

Plötzlich Franzose?

So ungefähr. Von diesem Moment an änderten sich auch meine Fahrweise und andere Verhaltensweisen, die ich sofort angenommen habe, wenn ich wieder in Frankreich war, in einer ebenfalls vertrauten Atmosphäre.

Herr Mey, auf politischer Ebene ist zumindest die Zeit der deutsch-französischen Freundschaft zwischen Merkel und Sarkozy vorbei. In dieser Woche kommt der neue Staatspräsident François Hollande zum Antrittsbesuch nach Berlin – zu einer Kanzlerin, die sich im Wahlkampf eindeutig gegen ihn ausgesprochen hatte. Was erwarten Sie?

Merkel ist Politik-Profi genug, um sich auch mit Hollande zu verständigen.

Merkollande statt Merkozy?

Hollande und Sarkozy sind letzten Endes gar nicht so extrem weit voneinander entfernt, wie es jetzt immer dargestellt wird. Die Franzosen sind immer noch ein ganz klein bisschen Royalisten. Nach jeder Wahl glauben und hoffen sie, dass ein neuer König das Land anders, besser regiert. Ich entsinne mich noch genau an den Tag, an dem François Mitterrand Präsident wurde. Da ging ein unglaublicher Jubel los bei allen Leuten, die ich kannte. Und ich dachte: Ihr stellt euch jetzt vor, alles wird gut, es gibt Champagner für alle – und es wird ganz anders kommen. Es wird einfach nur ein weiterer Präsident sein, der sich mit den Schwierigkeiten in diesem Land auseinanderzusetzen hat, und nicht alle eure Wünsche werden sich erfüllen. Das wird man auch nach dieser Wahl erkennen. Monsieur Hollande wird den Franzosen auch nicht all das schenken können, was sie sich wünschen, genauso wenig wie Sarkozy das konnte. Wo wir gerade über ihn reden, fällt mir ein, dass Sarkozy mich immer wieder an Louis de Funès erinnerte.

Wie kommen Sie darauf?

Louis de Funès war für mich der bessere Sarkozy. Sie müssen sich nur mal anschauen, wie Sarkozy immer die Augenbrauen so hochzog, dass sie wie Dächer aussahen. Das hatte er sich von de Funès abgeguckt. Aber er war bei Weitem nicht so überzeugend.

Das Gespräch führten Carmen Böker und Martin Scholz.

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