John Magufuli glaubt, das Virus bannen zu können.
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John Magufuli glaubt, das Virus bannen zu können.

Afrika

Planierraupe und Paranoia

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Tansanias Präsident erklärt die Pandemie in seinem Land für beendet. Weil angeblich Gott eingegriffen hat und die Gebete der rechtgläubigen Tansanier erhört hat. Jetzt ist Party angesagt.

Der Spitzname von Tansanias Präsident John Magufuli kommt nicht von ungefähr: „der Bulldozer“. Als er noch Transportminister war, plante er eine breite Teerstraße durch die Serengeti, eines der schönsten Wildreservate der Welt. Seit er 2015 zum Präsidenten avancierte, setzt er seine Planierraupenpolitik fort, sperrt Journalisten ein, schurigelt Nichtregierungsorganisation und lässt schwangere Mädchen von der Schule werfen. Und auch im Kampf gegen Corona walzt Magufuli alle Warnungen nieder, die Fachleute aufstellen.

Als Mitte März die ersten Fälle im Land gemeldet wurden, rief der 60-Jährige erstmal die 55 Millionen Tansanier zu einem dreitägigen Gebetsmarathon auf. Distanz wahren? Seine Kritiker belehrte Magufuli, das Virus könne „im Leib Christi nicht überleben“, es werde nämlich „unverzüglich verbrannt“. „Wahre Heilung“ böten also allein die Kirchen. Dort werde allen Rechtgläubigen der „Corona-Dämon“ ausgetrieben.

Auch Desinfektionsmittel hält der Ex-Mathematik- und Chemielehrer für „Blödsinn“. Die könnten höchstens „Moskitos, Flöhe oder Kakerlaken“ töten.

Noch schlimmer: „Was, wenn die aus dem Ausland importierte Lösung selbst das Corona-Virus enthält?“ Seine Furcht vor einer Welt voll Feinden geht so weit, dass er den Geheimdienst anwies, das Blut von Ziegen, Papaya-Saft und Motorenöl als menschliche Blutproben in das einzige Labor des Landes zu schicken, das Corona nachweisen kann. Dort wurden dann angeblich Ziegenblut wie Papaya-Saft positiv getestet. Magufuli tobte: Entweder seien die ausländischen Test-Kits fehlerhaft oder die Labortechniker Saboteure. Plötzlich wusste er auch, dass manche Gesundheitsbeamten „auf der Gehaltsliste der Imperialisten“ stünden.

„Dreht die Musik auf!“

Dass seitdem nicht mehr getestet wird, ist der Planierraupe nur recht: Tests lösten ja bloß Panik aus – und das, wo „die Wirtschaft doch wesentlich wichtiger ist als der Corona-Virus“. Als Mitte April die Zahl bestätigter Fälle um 60 Prozent in die Höhe schnellte, stellte Tansania die Meldung von Neuinfektionen an die WHO ein: Seitdem heißt es kontiniuierlich: 509 Ansteckungen, 21 Tote. Da hatte man gerade mal 652 Tansanier getestet.

Im Netz machen Videos nächtlicher Beerdigungen die Runde, die Trauergäste in Schutzanzügen. Wer die offiziellen Fallzahlen offen in Frage stellt, wird festgenommen. Innerhalb von elf Tagen im Mai starben aber allein drei Abgeordnete – Todesursache offiziell nicht bekannt. Die oppositionelle Chadema-Partei will nun dem Parlament fernbleiben. Magufuli schimpfte, Chadema sei von „Imperialisten“ gekauft und bekäme im Falle ihrer Abwesenheit auch kein Gehalt mehr.

Und so reagieren die Nachbarländer barsch auf die Tansanier. An den Grenzen wurden zahlreiche Bus- oder Lastwagenfahrer gestoppt und getestet. Kenias Grenzer fanden mehr als 100 Infizierte, die in Uganda 15. Sambia lässt überhaupt keine Tansanier mehr herein. Die US-Botschaft in Tansania veröffentlichte Anfang des Monats eine Reisewarnung.

Der Präsident aber frohlockt wieder. Die Zahl der Covid-19-Kranken in Daressalam sei von 228 auf 18 gesunken, die Pandemie sei also besiegt, behauptet er: „Gott hat unsere Gebete erhört“. Paul Makonda, Verwaltungschef der Sechs-Millionen-Stadt Daressalam, rief die Bevölkerung daraufhin zum Feiern auf. „Dreht die Musik auf, seid fröhlich!“

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