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DER GASTBEITRAG

Plan trifft Wirklichkeit

Fehler in komplexer Strategie haben komplexe Folgen

Von Otfried Nassauer

Wie wird der kommende Krieg gegen Irak wirklich aussehen? Was plant Washington, um das Regime in Bagdad binnen weniger Tage oder Wochen entscheidend zu besiegen? Die Antwort auf diese Fragen gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen des US-Militärs am Golf. In den "Opplan", die Operationsplanung für "Iraqi Freedom", lässt sich der für die Region zuständige kommandierende General Tommy Franks nicht hineinschauen. Mehr als zwei Jahre reichen die militärischen Vorbereitungen zurück. Auf ausdrücklichen Wunsch des Pentagons wurden schon bald nach dem Amtsantritt Donald Rumsfelds als Verteidigungsminister ganze Lehrgänge von Offizieren an der Generalstabsakademie in Fort Leavenworth an Szenarien für einen neuen Golf-Krieg geschult. Sie begannen, neue Operationspläne zu entwerfen.

Der Krieg wird keine Wiederholung des Golf-Kriegs von 1991. Mehrfach veranlasste Donald Rumsfeld seine Generäle zur Überarbeitung ihre Pläne, weil diese ihn zu stark an eine Neuauflage des vergangenen Krieges erinnerten. Er forderte, den Krieg mit Hochtechnologie, Schockwirkung und Geschwindigkeit, nicht aber durch schiere Masse zu gewinnen. Rumsfeld hat seine eigenen Vorstellungen, wie dieser Krieg zu führen sei. Seinen auf Vorsicht und alle Eventualitäten bedachten Militärs fuhr er wiederholt in die Parade und forderte sie auf, mit kleineren Kräften schneller auf Sieg zu planen. Sein Ziel ist es, das Regime und das Militär Bagdads per Schockwirkung zu paralysieren, ein schneller Sieg mit möglichst wenig Krieg.

Binnen kürzester Zeit - so sickert aus den Kommandoständen in Katar - sollen bis zu 3000 von Schiffen und Flugzeugen aus abgefeuerte Präzisionswaffen, Marschflugkörper, gelenkte Bomben und Spezialwaffen zur Zerstörung von Bunkern, wichtigen zivilen wie militärischen Infrastrukturanlagen sowie Regierungseinrichtungen Irak treffen. Die irakische Luftabwehr - oder was von ihr nach den monatelangen Bombardements in den Flugverbotszonen noch funktionsfähig ist - soll ausgeschaltet werden. Luftlandeeinheiten und Spezialeinheiten sollen Stützpunkte tief innerhalb Iraks aufbauen und möglicherweise wichtige zivile und zivil-militärische Einrichtungen besetzen. Sie sollen sicherstellen, dass Saddam Hussein keine Möglichkeit hat, Israel mit reichweitengesteigerten Scud-Raketen zu bedrohen, falls er solche Waffen noch besitzt. Sie sollen verhindern, dass Iraks Ölfelder in Brand gesteckt werden. Sie sollen von Süden her schnell bis in den kurdischen Norden vordringen, um auch dort amerikanische Präsenz sicherzustellen und zu verhindern, dass ein autonomer Kurdenstaat ausgerufen wird.

Der Aufbau einer zweiten Invasionsfront in der Türkei war bislang nicht realisierbar. Schon in einer sehr frühen Phase des Krieges sollen gepanzerte Verbände von Kuwait aus in Irak eindringen. Ein Teil dieser Kräfte soll verhindern, dass irakische Kräfte gegen Ziele in Kuwait vorgehen können, ein anderer Basra und die südlichen Ölfelder einnehmen. Gepanzerte, logistisch sehr autonome Einheiten vor allem der Marineinfanterie sollen mit hoher Geschwindigkeit entlang von Euphrat und Tigris in Richtung Bagdad vorstoßen.

Die geballte Kraft all dieser Schläge und deren Schockwirkung, so hoffen die US-Militärs, wird sehr bald zu einem Zusammenbruch der irakischen Streitkräfte führen, deren Mehrzahl Wehrpflichtige sind. Einheiten, die kapitulieren, soll das Angebot unterbreitet werden, ihre schweren Waffen abzugeben und mit ihren Handfeuerwaffen in die Kasernen zurückzukehren. Und schon wäre man die mühsame Fürsorge für zehntausende Kriegsgefangene los - so das Gedankenspiel. Der Vormarsch könnte ungehindert weitergehen. Irak soll enthauptet, Saddam Hussein und seinen Getreuen die Möglichkeit genommen werden, effektiv Führung auszuüben - fast so, wie es bei einem Putsch von innen her wäre. Das Regime soll implodieren. Dann, so die Hoffnung, wäre der Krieg in wenigen Tagen, vielleicht auch wenigen Wochen vorüber.

Washington kann heute in der Tat viel stärker auf so genannte intelligente Abstandswaffen, auf computergestützte und vernetzte Angriffsplanungen, auf elektronisch erworbenes und aufbereitetes Wissen bauen. Und doch ist keineswegs sicher, dass sich die Hoffnung auf einen solchen schnellen Sieg auch wirklich bewahrheitet.

Dafür gibt es zu viele Unwägbarkeiten. Schnelle, weiträumige Militärkampagnen dieser Art erfordern eine exzellente, in dieser Form noch in keinem Krieg erprobte Logistik über große Entfernungen. Was aber, wenn der Nachschub für tief im irakischen Hinterland abgesetzte Einheiten zu lange auf sich warten lässt? Was, wenn die irakischen Streitkräfte nicht oder nicht so schnell kollabieren? Was, wenn zum Beispiel witterungsbedingte Unbill und damit Mr. Murphy auf den Plan tritt, so dass trotz umfassender Planung und elektronischer Intelligenz "schief geht, was schief gehen kann"? Die Hoffnung auf einen schnellen Sieg in einer so hoch komplexen Aktion könnte sich genauso schnell zerschlagen. Nicht, weil die irakischen Streitkräfte so viel stärker wären als erwartet, sondern schlicht, weil Fehler in komplexen Systemen oft auch komplexe Wirkungen nach sich ziehen.

Otfried Nassauer ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit.

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