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Ein Plädoyer für den EU-Austritt

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Von: Sebastian Borger

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Über 50 und weiß: Die typischen Brexit-Befürworter bei der Filmpremiere von Brexit: The Movie auf dem roten Teppich.
Über 50 und weiß: Die typischen Brexit-Befürworter bei der Filmpremiere von Brexit: The Movie auf dem roten Teppich. © imago/ZUMA Press

„Brexit - The Movie“ ist der längste Wahlwerbespot Großbritanniens. Er handelt von einer ganz knapp bevorstehenden Katastrophe: dem Ende des Vereinigten Königreiches.

Londons Leicester Square hat schon viele Filmpremieren erlebt, Stars wie Helen Mirren oder Angelina Jolie sorgen stets für Scharen von Fotografen und Hunderte Schaulustiger. Gute Stimmung herrschte vor dem Odeon kürzlich auch ohne glamouröse Schauspieler, über den roten Teppich schritten ehrwürdige Ökonomen und abgehalfterte Politiker. Huldvoll winkte Nigel Farage, selbsternannter Retter der kleinen Leute, vom Balkon, ehe er zum Champagner-Empfang zurückkehrte.

Die gute Stimmung lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass die versammelte Fanschar den Anlass ihrer Feier noch nicht gesehen hatte. Denn das 71-minütige Machwerk „Brexit – the Movie“ handelt von einer ganz knapp bevorstehenden Katastrophe: dem Ende Großbritanniens. „Wir werden drangsaliert und beschwatzt, unsere Demokratie und unsere Freiheit aufzugeben“, verkündet dramatisch eine Stimme aus dem Off – später wird deutlich, dass sie dem Filmemacher Martin Durkin gehört. „Wir müssen kämpfen.“

Männer in der Mehrheit

Aber worum? Szenen britischer Idylle geben die Antwort. Eine Siedlung von Reihenhäusern im Grünen; Boote auf der Themse vor dem Palast von Westminster; die Statue des Lordprotektors Oliver Cromwell auf der anderen Seite des Parlaments; schließlich auch Big Ben. Und kein Regentropfen in Sicht. Hingegen der Kontinent: eine Kalamität. Die EU stellt eine ökonomische Katastrophenzone dar, vor allem hat sie die britische Fischerei zerstört. Dann marschieren griechische Faschisten durchs Bild.

Wer es noch nicht verstanden hat, wird nun von einer Reihe von Sprechern aufgeklärt. Fast alle haben eines gemeinsam: Sie sind weiß und über 50 Jahre alt, teilweise im Pensionistenalter. Einige Frauen kommen zu Wort, aber die Männer stellen die deutliche Mehrheit. Die meisten kennt man aus der Lektüre der rechten Intellektuellen-Postille Spectator, deren Chefredakteur einst Brexit-Vordenker Boris Johnson war. James Delingpole ist so einer. Es gehe um nichts weniger als um „die wichtigste Entscheidung, die wir zu unseren Lebzeiten zu treffen haben“, erläutert der Kolumnist. Bei Unterhauswahlen mache die Entscheidung keinen echten Unterschied, schließlich könne man „nach vier Jahren“ seine Meinung ändern. Womit bewiesen wäre, dass Delingpole gar nicht so viel weiß über das von ihm angeblich so geschätzte hohe Haus: Dessen Wahlen sind seit einem Gesetz von 2011 auf eine fünfjährige Periode festgelegt.

„Brüssel bedeutet Diktatur“

„Brüssel bedeutet Diktatur“, sagt der Ehren-Ausländer des Films, ein Weißer über 50, der Weltwoche-Verleger und Schweizer Parlamentsabgeordnete Roger Köppel. „Die EU verwandelt sich in eine Diktatur“, sagt der Journalist. Und das sei keine Übertreibung, fügt er noch hinzu. Übrigens hat die Schweiz ihren hohen Lebensstandard, ihre blühende Exportwirtschaft, kurz ihren Wohlstand, einem ganz bestimmten Grund zu verdanken. „Der Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz ist, dass sie kein EU-Mitglied ist.“ Und das ist keine Übertreibung.

Dass die Schweiz einen Teil ihres Wohlstands auch ihrer Weltoffenheit, ihren Gastarbeitern und Immigranten verdankt, dass der Ausländeranteil zwischen Genf und St. Gallen deutlich höher liegt als auf der Insel, kommt im Film nicht zur Sprache. Ohnehin ist von Immigration nicht die Rede. Das ist insofern ein wenig verwunderlich, als die EU-Feinde in der öffentlichen Debatte stets die osteuropäischen und türkischen Horden beschwören. Hingegen im Film: kein Schwarzer, kein Brauner, kein Kopftuch, kein Turban, das England der 1950er Jahre. Ganz zum Schluss sitzt eine schwarze Frau im Publikum einer Brexit-Veranstaltung. Die anderen klatschen, die Frau nicht. Und das ist keine Übertreibung.

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