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Umkämpfte Gasvorkommen: ein Arbeiter auf einer Offshore-Plattform vor Zypern.

Türkei und Zypern

"Piraten" gegen "Banditen" in der Ägäis

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Die Spannungen zwischen der Türkei und der Republik Zypern wegen Rohstoffen im östlichen Mittelmeer nehmen zu.

Im östlichen Mittelmeer droht eine Eskalation zwischen der Türkei und der Republik Zypern im Konflikt um unterseeische Erdgasvorkommen. Am Montag erreichte das Erkundungsschiff Stena Icemax des US-Energiekonzerns ExxonMobile das Bohrfeld 10 („Block 10“) rund 150 Kilometer südwestlich der geteilten Mittelmeerinsel. Jetzt bereite sich die Mannschaft auf Probebohrungen vor, um die vermuteten Gasvorräte mit Lizenz seiner Regierung zu untersuchen, erklärte der südzyprische Energieminister Giorgos Lakkotrypis kurz darauf. Weitere Bohrungen in den Blöcken 7 und 12 sollen folgen.

Damit beginnt ein risikoreiches Kräftemessen, denn die Türkei hat die Pläne der griechischen Südzyprioten zur alleinigen Ausbeutung der unterseeischen Energievorräte in ihrer 200-Meilen-Zone mehrfach drohend kritisiert. Im Februar hatten türkische Fregatten ein von Zypern lizensiertes Bohrschiff des italienischen Eni-Konzerns blockiert und zum Rückzug gezwungen.

Die bisher gefundenen Vorräte sind Milliarden wert und haben deshalb strategische Begehrlichkeiten in der rohstoffarmen Türkei geweckt. Vor einer Woche bezeichnete Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan „bestimmte ausländische Ölkonzerne“ als „Banditen des Meeres“, ohne Exxon freilich beim Namen zu nennen. Prompt konterte der griechische Verteidigungsminister Panos Kamemnos, dessen Land sich als Schutzmacht des griechisch geprägten EU-Mitglieds Südzypern versteht, in Richtung Ankaras: „Wir alle wissen, wer die Piraten der Ägäis sind.“. Längst sind die Gasvorräte auch ein weiterer Streitpunkt zwischen den beiden konkurrierenden NATO-Staaten Griechenland und Türkei.

Eine entscheidende Rolle in dem Konflikt spielt das ungelöste Zypernproblem. Da die Türkei die Regierung der griechischen Republik Zypern nicht anerkennt, bestreitet sie auch deren Recht zur Vergabe von Bohrlizenzen und fordert die hälftige Teilung der Gasvorkommen mit der nur von Ankara anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“ (KKCT). Hinzu kommt, dass Ankara zwar nicht auf Block 10, aber auf andere Teile der „exklusiven Wirtschaftszone“ Zyperns Ansprüche erhebt. Die südzyprische Regierung erklärt zwar, sie werde sämtliche Erträge zu fairen Bedingungen teilen, aber nur, wenn vorher eine Friedenslösung für die Insel gefunden sei – die nach dem Scheitern der letztjährigen Verhandlungen weiter entfernt ist denn je.

Mit dem Zypernkonflikt hat auch die bisherige Weigerung Ankaras zu tun, die internationalen Seerechtsabkommen zur Ausbeutung unterseeischer Bodenschätze zu unterzeichnen. Stattdessen vertritt sie die willkürliche Auffassung, dass nur Landstaaten das Anrecht auf eine 200-Meilen-Zone besäßen, nicht aber Inseln wie Zypern. Folglich lägen die Gasfundstätten im türkischen Hoheitsgebiet – das sich aber zugleich mit den Wirtschaftszonen Israels, des Libanon und Ägyptens überschneiden, mit denen Südzypern die gemeinsame Ausbeutung plant. Als Reaktion hat die Türkei ihre maritime Aufrüstung forciert. So entstand ein neuer gefährlicher Krisenherd in Europa.

Anfang Oktober trafen sich die Führungen Ägyptens, Griechenlands und Südzyperns, um die Einrichtung von exklusiven Wirtschaftszonen für die Gasförderung nahe der Insel Kreta zu besprechen. Als der damalige griechische Außenminister Nikos Kotzias kurz darauf erklärte, dass Griechenland sein Hoheitsgebiet in der Ionischen See von sechs auf zwölf Seemeilen ausdehnen werde, sah die Türkei darin eine versteckte Vorbereitung zur Ausdehnung der umstrittenen griechischen Territorialgewässer auch in der Ägäis. Dies sei „ein Kriegsgrund“, drohte Ömer Celik, der Sprecher von Erdogans islamischer Regierungspartei AKP.

Nikosia kann sich nicht wehren

Um ihre Ansprüche zu unterstreichen, hatte die Türkei bereits am 18. Oktober das Forschungsschiff „Barbados“ zu seismischen Erkundungen vor die Ägäisküste beordert. Als eine griechische Fregatte versuchte, es daran zu hindern, wurde sie von der türkischen Marine verjagt. „Wir werden keine weiteren Störungen dulden“, erklärte Verteidigungsminister Hulusi Akar und drohte Griechenland unverhohlen mit militärischer Gewalt. Am 31. Oktober startete zudem erstmals ein eigenes türkisches Bohrschiff – die „Fatih“ - zur Exploration 100 Kilometer vor der türkischen Mittelmeerstadt Antalya.

Wie sich schon bei der Blockade des Eni-Bohrschiffs zeigte, besitzt die südzyprische Regierung in Nikosia praktisch keine Mittel, um sich gegen eine türkische Aggression zu wehren. Damals verurteilte die EU die Schiffsblockade zwar, griff aber zu keinen Sanktionen gegen die Türkei. „Wir sind allein“, klagten Zeitungskommentatoren in Nikosia. Wieder rächte es sich, dass die Südzyprioten die Zeit seit dem EU-Beitritt 2004 nicht für eine Wiedervereinigung der Insel unter dem Dach Brüssels genutzt haben.

Statt die Bodenschatzfunde als Instrument zur Versöhnung mit der Türkei zu nutzen, hat Nikosia im Gegenteil durch das Energiebündnis mit Israel und Ägypten sowie die geplante „East-Med“-Pipeline Italien die Isolierung Ankaras und dadurch die Spannungen verschärft. Angesichts des gegenwärtigen Tauwetters zwischen der Türkei und den USA ist es zwar höchst unwahrscheinlich, dass es zwischen den Nato-Partnern zu einer militärischen Konfrontation kommt. Aber der türkische Journalist und Militärexperte Metin Gurcan warnte kürzlich auf der Nahost-Analyseplattform Al-Monitor vor einer unvorhersehbaren Eskalation. Es komme jetzt darauf an, „dass Marinekommandeure aus der Türkei, Griechenland und Zypern angesichts des Risikos eines militärischen Eingreifens die Ruhe behalten“.

Unterdessen versucht der türkisch-zypriotische Präsident Mustafa Akinci, den Blick wieder auf das Kernproblem zu lenken. Am Montag schlug er vor, die Wiedervereinigung Zyperns sofort zu forcieren und damit die gefährliche Sackgasse im Energiestreit zu überwinden. Dann könne die Türkei an der Ausbeutung der Rohstoffe beteiligt und die Pipeline nach Europa durch ihr Territorium geführt werden. „Das ist die billigere, schnellere und logischere Route“, sagte Akinci. Doch vor jeder solchen Lösung müsse es ein Friedensabkommen für Zypern geben. „Dann gewinnen alle.“

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