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Pipeline-Lecks: Russland verdächtigt die USA

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Von: Stefan Scholl

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Moskau will den Anschluss der ukrainischen Gebiete am Freitag mit Feierlichkeiten begehen.
Moskau will den Anschluss der ukrainischen Gebiete am Freitag mit Feierlichkeiten begehen. © AFP

Die Schäden an den Leitungen habe der Westen zu verantworten, behaupten viele im Land. Kremlchef Putin will schon jetzt vier ostukrainische Regionen als russisch anerkennen.

Der russische Telegram-Kanal Gas-Batjuschka veranstaltete unter seinen Leser:innen eine Umfrage: Wer steckt hinter den Sabotageakten gegen die Nord-Stream-Rohrleitungen? Von über 11 000 Teilnehmer:innen nannten 36 Prozent die USA, 21 Prozent die Ukraine, 11 Prozent die Nato, neun Prozent Marsmännchen und nur fünf Prozent Russland.

Am gleichen Tag hatte die schwedische Küstenwache ein weiteres Leck an der Nord-Stream-2-Pipeline entdeckt. Auch in Russland geht man davon aus, dass die insgesamt vier Risse in der Ostseeleitungen Nord Stream 1 und 2 Folgen gezielter Sabotageakte sind. Nach Berechnungen der Consulting-Gesellschaft BKS Mir Investizii gehen durch die Rohrschäden etwa 600 Millionen Kubikmeter technisches Gas mit einem Marktwert von 100 Millionen Dollar verloren. Und sollten die Pipelines nicht mehr repariert werden können, müssten Gazprom und seine europäischen Projektpartner 16,9 Milliarden Euro abschreiben. Die Schuld dafür sucht die russische Öffentlichkeit vor allem bei den USA.

Das Propagandaportal politikus.info schreibt, ein Geschwader der US-Kriegsmarine habe nach den Sabotageakten die Ostsee verlassen. Und die Staatszeitung Komsomolskaja Prawda zitiert Berichte aus dem „Internet“, britische Seeleute seien für „wichtige Maßnahmen in internationalen Gewässern“ ausgezeichnet worden. Wenn sich die Täterschaft der US- und Nato-Spezialeinheiten bestätige, bedeute das direkte Kriegshandlungen des Westens gegen Russland, so das Blatt. „Die Uhr, die die Zeit bis zum Jüngsten Gericht misst, zeigt nur noch Sekunden.“

Auch viele Fachleute in Russland verdächtigen die USA. „Der Krieg, den wir erleben, ist vor allem ein Krieg der USA gegen Deutschland“, sagte Iwan Rodionow, Wirtschaftsexperte der Moskauer Hochschule für Wirtschaft unserer Zeitung.

„Deutschland hat jetzt beide Nord Streams verloren. Und die Chance, russisches Gas für 220 bis 250 Euro für tausend Kubikmeter zu kaufen, es muss jetzt amerikanisches Flüssiggas für 1600 Dollar importieren“, so Rodionow. Die USA werde Deutschland damit erpressen, dass Asien bereit ist, mehr zu zahlen.

Wie Kremlsprecher Dmitri Peskow verweisen jetzt viele russische Beobachter:innen auf eine Aussage Joe Bidens kurz vor Beginn des russischen Feldzugs gegen die Ukraine, wenn russische Truppen in die Ukraine eindrängen, werde es keine „Nord Stream 2“ geben. Die Rohrleitung wurde in der Tat auf Entscheidung der deutschen Behörden nie in Betrieb genommen.

Auf Moskaus Tagesordnung ist Nord Stream auch schon wieder in den Hintergrund gedrängt worden. Heute will Wladimir Putin mit vier ostukrainischen Separatistenführern Beitrittsverträge der von Russland besetzten Gebiete unterzeichnen – parallel will Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Sitzung des Rates für nationale Sicherheit und Verteidigung einberufen, hieß es am Donnerstagnachmittag.

Der Anschluss der von russischen Truppen nur zum Teil kontrollierten Regionen Donezk, Lugansk, Saporischschja und Cherson soll nach einer Zeremonie im Kreml von einer „umfangreichen“ Rede des russischen Staatschefs Putin gekrönt werden. Allerdings hätte Russlands Parlamentskammer nach ihrer eigenen Gesetzen vorher die staatliche Souveränität der Regionen Cherson und Saporischschja anerkennen müssen. Lugansk und Donezk wurden von Russland bereits im Februar anerkannt.

In den militärisch allesamt noch umkämpften Regionen endeten am Dienstag fünftägige und völkerrechtlich fragwürdige Volksabstimmungen, bei denen angeblich zwischen 87 und 99 Prozent der Menschen für den Anschluss der Regionen an Russland stimmten. mit dpa

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