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Teure Pillen: Jedes Jahr werden in Deutschland Arzneien im Wert von einer Milliarde Euro vernichtet, schätzt die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände.
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Teure Pillen: Jedes Jahr werden in Deutschland Arzneien im Wert von einer Milliarde Euro vernichtet, schätzt die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände.

Medikamente

Das Pillenproblem

Überzählige Arzneien dürfen in Deutschland nicht recycelt und erneut vergeben werden, selbst wenn sie original verpackt und noch lange haltbar sind: Sie landen im Sondermüll. Eine Exkursion ins Gesundheitssystem.

Von Paula Scheidt

Wenn die Trauer um einen geliebten Menschen die Welt aus den Angeln zu heben droht, sind es manchmal banale Aufgaben, die etwas Halt geben. Für Familie Keber ist es ein Berg von Medikamenten. Als Frau Keber nach langer Krebskrankheit stirbt, steigen ihr Mann und ihr Sohn hinunter in den Keller des Einfamilienhauses in der Nähe von Frankfurt am Main und erschrecken über das, was sich dort während der letzten anderthalb Jahre angesammelt hat: Kisten voller Arzneien, eingeschweißt und noch lange haltbar. Außerdem Kartons mit künstlicher Nährflüssigkeit, sterilisierte Spritzen, Kanülen, Pumpen, alles neu und unbenutzt.

Wie konnte sich das alles ansammeln? Viele Monate lang war Frau Keber zu Hause künstlich ernährt worden, täglich bekam sie bis zu neun verschiedene Medikamente. Ihr Gesundheitszustand schwankte in den letzten Monaten stark, es kam zu bedenklichen Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten, die Behandlung musste mehrfach umgestellt werden.

Immer wieder wurden neue Mittel verschrieben, meist in großen Packungen. Nun wird nichts davon mehr gebraucht. Im Keller lagerten Medikamente im Wert von mehreren Tausend Euro. „Wir hätten einen Lieferwagen benötigt, um das alles abzutransportieren“, sagt Herr Keber.

Er fragt noch am selben Tag auf der Onkologiestation des Pflegezentrums nach, in dem seine Frau behandelt worden war, ob er die Packungen vorbeibringen könne. Viele Patienten dort leiden an den gleichen Krebssymptomen. Aber die Ärzte und das Pflegepersonal lehnen ab. Man könne nicht dafür einstehen, dass die Arzneien unversehrt seien, lautet die Begründung. In der Apotheke ist die Antwort die gleiche.

Was, wenn die Medikamente zu lange im Kofferraum in der prallen Sonne gelegen haben? Oder wenn sie feucht geworden sind? Oder noch schlimmer: Wenn jemand die Präparate manipuliert hat? Selbst wenn Ärzte und Apotheker wollten, eine Rücknahme von einmal abgegebenen Medikamenten ist gesetzlich verboten. Manche Apotheker machen Ausnahmen, etwa wenn das Präparat am selben Tag zurückgegeben wird, oder wenn sie die Kunden gut kennen.

Ein Gesetz aus den Siebzigern

Das Arzneimittelgesetz, das die Vernichtung von einmal verkauften Medikamenten vorschreibt, stammt aus den Siebzigerjahren, und viele Experten halten es für veraltet. Damals wurden Medikamente oft noch in Fläschchen und Röhren abgefüllt, und die Bedenken, Arzneien zurückzunehmen, waren berechtigt.

Denn bei angebrochenen Behältnissen lassen sich Hygiene- und Sicherheitsstandards tatsächlich nicht garantieren. Heute hingegen werden die meisten Arzneien als Tabletten und Kapseln verkauft, sind einzeln eingeschweißt und resistent gegen Umwelteinflüsse. Minustemperaturen können ihnen genauso wenig anhaben wie tropisch-feuchtes Klima.

Trotzdem wird die Rechtslage nur langsam angepasst. Zu fest ist das Sicherheitsargument in den Köpfen verankert, und zu gut verdienen viele am Verkauf von Arzneien – Hersteller, Apotheken, Krankenkassen. Bis 2007 mussten sogar in Pflegeheimen und Krankenhäusern alle Arzneimittelpackungen eines Patienten nach seinem Tod weggeworfen werden, auch wenn sie noch verschlossen waren und unter Aufsicht gelagert wurden. Nun dürfen sie immerhin innerhalb der Einrichtung an andere Patienten weitergegeben werden. Eine Änderung, für die Ärztevertreter lange gekämpft haben.

Müll im Wert von einer Milliarde Euro

Jedes Jahr werden in Deutschland Arzneien im Wert von einer Milliarde Euro vernichtet, schätzt die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände. Andere Experten gehen von bis zu sechs Milliarden Euro aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, da bei Apotheken und sonstigen Rückgabestellen nicht überprüft wird, wie groß der Anteil noch brauchbarer Arzneien ist. Abgegebene Packungen werden als Sondermüll deklariert und vernichtet.

Ebenfalls keine Zahlen gibt es zu den Arzneien, die nicht gesondert entsorgt werden, sondern im Hausmüll oder in der Toilette landen. Einen Großteil dieser Kosten tragen die gesetzlichen Krankenkassen. Im Fall von Frau Keber lag die Zuzahlungsgrenze, die anhand ihres Vermögens berechnet wurde, bei 354?Euro. Alle Rechnungen, die diese Grenze überstiegen, übernahm die gesetzliche Krankenkasse, bei ihr kamen mehrere Tausend Euro in einem Jahr zusammen.

Im Jahr 2009 gaben die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland 34,2 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, gegenüber 2004 war das eine Steigerung um ein Drittel. Umso unverständlicher für die Familie, dass es nicht möglich sein sollte, die Medikamente von Frau Keber in den Kreislauf zurückzuführen.

Jemand, der das Rücknahmeverbot genauso unsinnig findet, ist der Hausarzt Bertel Berendes. Der 68-Jährige arbeitet seit 41 Jahren als Arzt und führt eine große Landarztpraxis im Landkreis Lippe in Ostwestfalen. Seit Jahrzehnten nimmt er ungebrauchte Medikamente von seinen Patienten zurück und gibt sie an andere weiter. Natürlich nur, wenn die Packungen verschweißt sind und das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. „Ich wusste lange Zeit gar nicht, dass ich etwas Illegales tue“, sagt er.

Als im Jahr 2000 die damalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer dazu aufruft, Kosten im Gesundheitswesen zu sparen, berichtet die lokale Zeitung über Berendes’ Weg des Arznei-Recyclings. Daraufhin zieht er sich den Zorn der Apotheker zu. Patienten, die recycelte Medikamente von ihm bekommen, fehlen den Apotheken als Kunden. Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe und die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs verklagen ihn. Der Vorwurf: Er behindere den Wettbewerb.

„Das ist absurd, ich verdiene ja nichts daran“, sagt Berendes. Die Klage wird abgewiesen, die Kläger gehen in Berufung. Zwei Jahre lang dauert der juristische Kampf. Krankenkassenvertreter erklären sich solidarisch mit ihm, Patienten reisen in Fanbussen zu den Prozessen, um ihn zu unterstützen. Viele Ärzte sympathisieren mit ihm und seiner Strategie der Kostendämpfung.

Berendes wird verurteilt, geht in die nächste Instanz und wird schließlich vom Oberlandesgericht Hamm freigesprochen, aus Mangel an Beweisen. Es kann ihm nicht nachgewiesen werden, wann er welchem Patienten welches Medikament gegeben hat.

Bis zum heutigen Tag gibt Bertel Berendes recycelte Arzneimittel an seine Patienten weiter – obwohl er damit gegen Gesetze verstößt. Er kennt Ärzte, die seinem Beispiel folgen, andere sind abgeschreckt. „Einige meiner Kollegen nehmen keine Medikamente mehr zurück, weil sie Angst vor den juristischen Folgen haben“, sagt Berendes.

Noch nie hat einer seiner Patienten ein recyceltes Präparat aus Sicherheitsbedenken abgelehnt. Viele freuen sich, dass sie die Zuzahlung sparen können. Vor allem aber senkt der Arzt Kosten, die sonst die gesetzliche Krankenkasse tragen würde. „Wir wissen alle, dass unser System nicht zu halten ist, wenn wir nicht aufhören mit dieser sinnlosen Verschwendung“, sagt er.

Robin Hood des Gesundheitswesens

Wöchentlich treffen bei ihm Arzneipakete aus ganz Deutschland ein, nachdem er als Robin Hood des Gesundheitswesens eine gewissen Berühmtheit erlangt hat. Als er kürzlich einem Patienten ein Krebspräparat verschrieben hat, das dieser nicht vertrug, brachte ihm der Betroffene die Packung nach wenigen Tagen zurück, es fehlten nur zwei von fünfzig Tabletten, der Preis der Originalpackung liegt bei 5400?Euro.

Berendes hat Patienten, die das Mittel gebrauchen können. Die einzig legale Alternative zur Vernichtung von überzähligen Medikamenten ist, sie zu spenden. Auslandsspenden sind in Deutschland erlaubt. Sicherheitsbedenken gelten offenbar nur für Kunden deutscher Apotheken, nicht für Patienten in Entwicklungsländern.

Aber das Spenden ist kein effizienter Weg der Weiterverwendung. Der Sohn von Frau Keber, der sich auf die Suche nach einer geeigneten Spendenorganisation macht, stößt auf verschiedene Hürden. Als im vorigen Sommer der Bürgerkrieg in Libyen tobt, werden dort dringend Medikamente benötigt. Er ruft bei Ärzte ohne Grenzen an, beim Roten Kreuz, bei verschiedenen anderen Organisationen, die Antwort ist überall die gleiche: Das können wir nicht gebrauchen. Die Gründe sind verschieden.

Bei Action Medeor heißt es: „Wir haben festgestellt, dass die gespendeten Medikamente nicht dem Bedarf entsprechen.“ In Deutschland würden zum Beispiel Medikamente gegen Herzkreislauferkrankungen gespendet, in den Entwicklungsländern jedoch vor allem Mittel gegen Malaria oder Wurmerkrankungen benötigt. Zudem seien die Packungsbeilagen oft in deutscher Sprache verfasst und vor Ort nicht verständlich.

Bei der Spendenorganisation Solidaritätsdienst-international erachtet man den logistischen Aufwand als zu groß: „Wir müssten die Haltbarkeit überprüfen, die richtige Lagerung garantieren.“ Außerdem hätten viele Länder strenge Einfuhrbestimmungen für Medikamente.

Eingeschweißt und noch mindestens ein halbes Jahr lang haltbar

Nach langer Suche findet Familie Keber in einer Internet-Datenbank für Sachspenden die Jenny-de-la- Torre-Stiftung in Berlin. Die Ärztin Jenny de la Torre betreibt ein Gesundheitszentrum im Stadtbezirk Mitte, wo Obdachlose kostenlos medizinisch betreut werden. Wunden werden versorgt, Infekte behandelt, aber auch Krebspatienten betreut.

Für Medikamentenspenden ist Jenny de la Torre dankbar. Die einzige Bedingung: Sie müssen eingeschweißt und noch mindestens ein halbes Jahr lang haltbar sein. „Davon profitieren Menschen, die oft kein Geld haben und nicht krankenversichert sind“, sagt Jenny de la Torre. Viele Medikamente finden aber auch hier keine Verwendung, da sie zu spezifisch sind oder ihr Verwendbarkeitsdatum abläuft, bevor ein Patient sie benötigt.

Nach mehreren Wochen ist Familie Keber endlich alle Medikamente los. „Es ist ein gesundheitspolitischer Irrsinn, ich habe zwischenzeitlich überlegt, die Kisten dem Gesundheitsminister persönlich vorbei zu bringen“, sagt Herr Keber. Er macht sich keine Illusionen darüber, dass wohl nur wenige so viel Ausdauer aufbringen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Menschen die Medikamente aus Frust einfach in die Toilette oder in den Hausmüll werfen.“

Übriggeblieben ist nur der neue Spezialrucksack für die künstliche Ernährung. Was damit passiert, ist noch unklar. Vielleicht wird Herr Keber ihn zum Wandern benutzen.

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