Nebenwirkung

Pillen für Frankreich

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Die Französinnen sollen auch in der Krise „frei über ihren Körper verfügen“ können, findet die Regierung – und lockert die Bestimmungen für die Anti-Baby-Pille.

Zugegeben, die Meldung machte in Frankreich keine großen Schlagzeilen. Doch sind es nicht gerade die kleinen Dinge, die die Stimmung unter den Menschen verbessern? Die französische Frauenministerin Marlène Schiappa hat bekanntgegeben, dass die Verhütungspille ab sofort frei verfügbar ist. Frauen brauchen bloß ein altes ärztliches Rezept vorzuweisen, das sie während der in Frankreich gültigen Ausgangssperre nicht erneuern können. „Keine Frau“, hält Schiappa in einem Kommuniqué fest, „darf während der aktuellen Gesundheitskrise daran gehindert werden, frei über ihren Körper zu verfügen. Die Regierung wacht darüber.“

Die Behörden wachen allerdings auch über anderes – darunter die Einhaltung der Ausgangssperre. In Muret in Südfrankreich erwischte die Polizei ein Liebespaar in flagranti in einem Auto. Die beiden, die offensichtlich auch die öffentliche Abstandsregel von zwei Metern missachtet hatten, bekamen von den Gendarmen ein Bußgeld in Höhe von je 135 Euro aufgebrummt. Der auf frischer Tat Ertappte soll seinem Ärger mit der unpatriotischen Feststellung Luft gemacht haben, das sei doch ein „pays de merde“ (zu Deutsch: Sch...land).

Der Vorwurf ist ungerecht. Denn die französische Staatsführung wacht auch darüber, dass die Bürgerinnen und Bürger in ihrer häuslichen Quarantäne ein Mindestmaß an (digitaler) Ablenkung behalten. Das wurde nicht durch ein Kommuniqué bekannt, sondern dank des Wochenmagazins „Le Canard Enchaîné“, das einen vertraulichen Ministerdialog über den Messengerdienst Telegram enthüllte. Die fünf eher jüngeren Minister von Präsident Macron diskutierten die Frage, ob man nicht den Datenfluss von Streaming-Anbietern wie Netflix, Apple, Amazon und Youporn deckeln müsse, um einen Internet-Crash zu vermeiden. Schiappa hält eine Limitierung der Pornowebseite für zumutbar. „Man kann sich ja immer noch mit Amateurinhalten behelfen“, argumentiert sie. „Netflix ist dagegen etwas für die Familien.“ Wirtschafts-Staatssekretärin Agnès Pannier-Runacher frotzelt daraufhin über die Frauenministerin, die in ihrem früheren Leben auch mal erotische Bücher verfasst hatte: „Du wirst bedeutend zahmer, Marlène.“ Einzelne französische Medien wundern sich über den leichtfertigen Tonfall des Dialogs, der ein doch ernsthaftes Thema in schwierigen Zeiten betrifft. Andere finden, Minister seien auch nur Menschen und hätten ihrerseits Anspruch auf etwas Unterhaltung.

Von Stefan Brändle

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