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Der Überläufer: Masud Naraghi.

Der Physiker der Mullahs

Masud Naraghi, der erste Programmleiter des iranischen Nuklearprogramms, hat den USA viele Informationen gegeben.

Von Egmont R. Koch

Im vornehmen Dom-Hotel steigt ein Gast aus Teheran ab: Dr. Masud Naraghi ist Chef eines streng geheimen Projekts der iranischen Atomenergiekommission. Der Physiker der Mullahs will 1985 in Deutschland einkaufen, notfalls auch auf dem Schwarzmarkt. Technik und Know-how made in Germany sollen sein Land befähigen, Uran anzureichern und Kernwaffen zu entwickeln.

Masud Naraghi, Jahrgang 1934, ein in den USA ausgebildeter Laser- und Plasma-Physiker, der noch unter dem Schah in sein Heimatland zurückgekehrt war, ist Projektleiter des iranischen Atom-Programms. "Er war nach unserer Einschätzung zwar nicht der eigentliche Urananreicherungsexperte", sagt Olli Heinonen, Chef-Ermittler und stellvertretender Generaldirektor der Wiener Atomenergiebehöre IAEO, "sondern mehr der Mann, der die Fäden in der Hand und die Verbindungen zum Ausland hielt, um dort die notwendige Technik zu akquirieren".

Naraghi pflegte seit Jahren engen Umgang insbesondere mit dem deutschen Unternehmen Leybold-Heraeus (LH) in Köln und in Hanau, das allerlei Nukleartechnik im Sortiment führt und ganze Anlagen im Bereich der Kerntechnik erstellen kann. Leybold-Heraeus war damals Naraghis wichtigste Anlaufstation. "Er kam nach Köln, um einzukaufen: Vakuumpumpen, Messgeräte, Analysengeräte", erzählt der damalige LH-Exportmanager Dr. Otto Heilingbrunner. Die beiden kannten sich seit langem, Heilingbrunner hatte ihn mehrfach in Teheran besucht, und wann immer Naraghi in Deutschland weilte, kam er gerne auf einen Plausch in Heilingbrunners Haus.

Nach mehreren Besuchen bei LH im Jahre 1985 ließ sich Naraghi jeweils Angebote in Hotels nach Köln oder Frankfurt faxen, um dann zu bestellen, was er für sein Geheimprojekt benötigte. Über seine wahren Absichten habe sein iranischer Geschäftsfreund nichts erzählt, glaubt Heilingbrunner sich zu erinnern, allerdings habe er damals Andeutungen gemacht, dass er sehr an Urananreicherung interessiert sei.

Bei seinen Besuchen bei Leybold-Heraeus traf der Physiker der Mullahs nach eigenem Bekenntnis auch mit Gotthard Lerch zusammen, der damals (mit Heilingbrunner) gerade einen höchst anrüchigen Deal seiner Firma abwickelte. Mit Hilfe fingierter Auftraggeber, gefälschter Schreiben, Tarnadressen in Dubai und Lieferungen auf verschlungenen Wegen wollte das Unternehmen dem Chef des pakistanischen Atomprojekts, Abdul Qadeer Khan, eine komplette Atomanlage für die Erweiterung seiner Bombenfabrik liefern. Die ursprünglichen Pläne stammten vom europäischen Konsortium Urenco, das Uran für Kernkraftwerke anreichert und zu den wichtigsten Kunden von Leybold-Heraeus zählte. Lerch hatte Khan, der seit zehn Jahren an der ersten "islamischen Bombe" bastelte, die vertraulichen Blaupausen zukommen lassen, und der hat sie, eigenen Bedürfnisse entsprechend, modifiziert.

Weil das umfassende Paket für Pakistan gerade geschnürt worden war, stellte sich Lerch offenbar die Frage, ob nicht eventuell auch der Iran an einer Lieferung interessiert sei. Es sei bis heute nicht klar, ob die Initiative für den ersten Atomdeal mit dem Iran eher von Masud Naraghi ausging oder von Lerch und seinem pakistanischen Geschäftspartner Abdul Qadeer Khan, sagt Olli Heinonen, "jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen".

Ende 1985 schied Gotthard Lerch bei Leybold-Heraeus aus und machte sich mit einer Beratungsfirma in der Schweiz selbstständig, organisierte fortan seine zwielichtigen Geschäfte zwischen Buchs und dem verschwiegenen Fürstentum Liechtenstein.

Bei einem Treffen am Flughafen Zürich-Kloten erhielt Masud Naraghi wahrscheinlich Anfang 1987 ein "einseitig beschriebenes, handschriftliches Angebot" des Netzwerkes. Olli Heinonen durfte das Papier zwar bei einem Besuch in Teheran in Augenschein nehmen, eine Kopie wurde dem Chef-Inspektor der Wiener Atomenergiebehörde jedoch verweigert. Womöglich stammt es aus der Feder von Lerch oder einem seiner Mitarbeiter. Bei einem weiteren Gespräch im Scheichtum Dubai, zu dem Naraghi mit zwei Vertrauten anreiste, wurde der erste Atomdeal mit dem Iran im selben Jahr unter Dach und Fach gebracht. "Die Iraner bekamen Spezifikationen, Unterlagen und Herstellungsanleitungen für eine Technik, von der sie wußten: sie funktioniert!", sagt Olli Heinonen. "Alles, was sie tun mußten, war, diese Technik nachzubauen." Etwa acht Millionen Dollar zahlte Teheran auf geheime Konten des Khan-Netzwerkes in Dubai, der größte Anteil, so hat der Iran eingeräumt, sei an Gotthard Lerch gegangen. Lerch und seine Anwälte geben zu diesem Vorwurf keine Stellungnahme ab.

Doch die iranischen Fachleute taten sich schwer mit der hochkomplizierten Technik der Urananreicherung in Gas-Zentrifugen. Naraghi steuerte das Geheimprojekt offenbar in eine Sackgasse. Vielleicht fiel der Physiker der Mullahs deshalb in Ungnade, er verlor jedenfalls die Verantwortung für das iranische Atomprogramm. Im Juni 1992 besuchte er noch einmal seinen inzwischen pensionierten Kollegen und vormaligen Geschäftsfreund Heilingbrunner in Bergisch-Gladbach. Über Geschäftliches habe man mit keinem Wort gesprochen, behauptet der frühere Exportmanager von Leybold-Heraeus, ausschließlich über private Dinge: "Er fragte mich, ob er die 30 Jahre jüngere Nanny seiner Kinder heiraten solle, er fühle sich seit dem Tod seiner Frau sehr einsam." Heilingbrunner riet zu, "was kann einem Endfünfziger Besseres passieren?". Irgendwann in den Monaten danach, auf einer Reise in der Schweiz, setzte sich Naraghi mit seiner jungen Ehefrau ab, in die US-Botschaft in Bern. Beide wurden in die USA ausgeflogen. Der Physiker der Mullahs lebt seitdem in der amerikanischen Provinz, in einem schmucken Haus direkt am Ufer des Hudson River. Mit der Flucht hätte das Ende des iranischen Atomprogramms eingeläutet werden können. Doch es kam anders.

Der prominente Überläufer wurde offenbar intensiv von den Proliferations-Experten der CIA befragt - das war der Preis für seine Rückkehr, selbst wenn er aus der Zeit seines Studiums in den sechziger Jahren über eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung verfügte. "Natürlich wird die CIA ihm Schutz zugesagt haben, denn eine so hochrangige Quelle schwebt natürlich in Lebensgefahr", meint David Albright, ehemaliger UN-Waffeninspekteur und Berater des US-Kongresses. Anfang 1993 warnte der US-Geheimdienst die neue Clinton-Administration eindringlich vor den iranischen Bombengelüsten: "Irans Atomprogramm: Aufbau einer Waffen-Kapazität", lautete der Titel einer CIA-Analyse, die offensichtlich auf Naraghis Informationen basierte. Und bei der Anhörung des designierten CIA-Chefs James Woolsey im US-Senat bekannte dieser, dass die ausländische Unterstützung des iranischen Atomprogramms Anlass zu erheblicher Sorge gebe. Offenbar hatte Naraghi nicht nur über Ziele und Absichten der Mullahs geplaudert, sondern auch über den ersten Atomdeal mit Khan und Konsorten, der von ihm eingefädelt worden war.

Doch die Clinton-Regierung nahm die Sache offenbar auf die leichte Schulter. Wäre damals die Atomenergiebehörde in Wien über die neuen Erkenntnisse informiert worden, natürlich ohne deren Herkunft preiszugeben, wäre der Durchbruch des Iran auf dem langen Weg zur Bombe noch zu verhindern gewesen und das iranische Atomprogramm wahrscheinlich in den Kinderschuhen stecken geblieben.

Der Durchbruch für den Iran kam irgendwann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, nachdem sich die Mullahs erneut an den Pakistani Khan und an sein kriminelles Netzwerk gewandt hatten. "Sie versuchten offenbar zunächst, allein klarzukommen, sahen dann aber ein, dass sie ohne neuerliche Hilfe von außen scheitern würden", ist Olli Heinonen von der IAEO überzeugt. Wieder traf man sich in Dubai, diesmal in einer Suite des Hotels Al Khaleej Holiday, direkt gegenüber von Khans luxuriösem Appartement, das der seit etlichen Jahren dort besaß. Das spricht dafür, dass der Boss diesmal persönlich an den Verhandlungen teilnahm. Er verpflichtete sich, dem Iran vier Container mit Hardware zu liefern, Teile für 500 Zentrifugen vom Typ P1, die er in seiner eigenen Bombenfabrik ausgemustert hatte. Wieder flossen Dollar-Millionen, diesmal wohl nur an Khan und seine Mitarbeiter.

Ein Großteil der pakistanischen Urananreicherungs-Maschinen wurde in Natans installiert, getestet und im letzten Jahr schließlich in Dauerbetrieb genommen. Es war der zweite Atomdeal mit Khan und seiner Atom-Gang, der dem Iran den Weg zu Kernwaffen eröffnete. Die Amerikaner ließen Khan und dessen Netzwerk noch bis Ende 2003 gewähren. Inzwischen lieferte das Netzwerk auch nach Libyen, dabei soll wiederum Gotthard Lerch eine herausragende Rolle gespielt haben. Er muss sich deshalb demnächst wieder vor dem Landgericht Mannheim verantworten. Der erste Atomdeal mit dem Iran dagegen ist längst verjährt.

Der 72-jährige Naraghi genießt derweil den Lebensabend am Hudson River. Er leitet eine kleine Firma, die Hightech und Vakuumpumpen repariert, produziert und vertreibt - auch für die Atomforschung. Ansonsten gibt er sich zugeknöpft. Zweimal ist Olli Heinonen zu ihm gereist, um mehr über die Anfänge des iranischen Atomprogramms zu erfahren - und mit leeren Händen zurückgekehrt. "Wenn ich in die ganzen Einzelheiten gehe über die damalige Geschichte", begründet Naraghi sein Schweigen, "bekomme ich Probleme." Es wären inzwischen wohl eher Probleme mit Washington als mit Teheran. Denn der Iran hat inzwischen gegenüber der IAEO eingeräumt, welche Bedeutung Masud Naraghi für die Anfänge des iranischen Atomprogramms besaß.

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