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Und sonntags in die Kirche: Theresa May mit ihrem Mann Philip.

Brexit

Theresa May arbeitet pflichtversessen und unverrückbar

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Die britische Premierministerin Theresa May macht ihren Job schlecht, aber niemand könnte ihn besser machen – ein Porträt.

Großbritannien im März 2019: Des Englischen mächtige Außerirdische müssen bei der Lektüre der Londoner Medien glauben, die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, ein Land mit Atomwaffen und einem permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat, stehe kurz vor dem Untergang. Eine „gebrochene Premierministerin“, so der „Economist“, hat „die Kontrolle verloren“, wie der „New Statesman“ meint. Und zwar über den „Brexit-Kollaps“, wie es der „Spectator“ umschreibt. „Eine Nation im Limbo“ titelt die „Financial Times“.

In einer der zentralisiertesten Demokratien der westlichen Welt wird für derlei unbefriedigende Zustände stets die oberste demokratische Macht verantwortlich gemacht, weshalb sich Theresa May, 62, von Leitartiklern und Unterhaus-Abgeordneten auch allerlei Unerfreuliches anhören muss. Es sei natürlich nicht Mays Schuld, dass sie „von Schwachköpfen umgeben“ ist, ätzt „Times“-Kolumnist Matt Chorley. „Aber es ist ihre Schuld, dass sie sich täglich von ihnen überlisten lässt.“ Längst wird die Premierministerin von Freund und Feind mit ihrem Vorvorgänger Gordon Brown (2007-2010) verglichen: „weder geliebt noch gefürchtet“.

Bei den Brexit-Voten geht die letzte Disziplin verloren

Scheinbar unbeeindruckt taumelte die Konservative vergangene Woche von einer Niederlage zur nächsten. Erst lehnte das Unterhaus ein zweites Mal ihr EU-Verhandlungspaket aus Austrittsvertrag und politischer Zukunftserklärung ab. Dann votierte es gegen ihren Willen dafür, die Möglichkeit eines Chaos-Brexit („No Deal“) dauerhaft auszuschließen. Zwar steht der Austrittstermin 29. März im Gesetz, „No Deal“ bleibt also streng juristisch weiterhin möglich. De facto aber muss die Regierungschefin beim EU-Gipfel am Donnerstag um Verlängerung der eigentlich nur zweijährigen Austrittsperiode ersuchen.

Bei den Voten ging die letzte Disziplin von Fraktion und Regierung verloren. Dutzende von Staatssekretären und Ministern stimmten gegen May, verweigerten sich teilweise sogar eindeutig ausgegebenen Vorgaben.

Was sonst die sofortige Entlassung zur Folge hatte, blieb nun ebenso ungeahndet wie seit Monaten der schreiende Dilettantismus von Kabinettsmitgliedern wie Chris „Failing“ Grayling (Verkehr) und Liam Fox (Außenhandel). Dass die häufig mit brüchiger Stimme sprechende, von einer Erkältung gebeutelte May zu allem Überfluss auch noch gänzlich die Kontrolle über ihre Sprechwerkzeuge verlor, förderte den Symbolwert der verzweifelten Situation. Sprach- wie machtlos: Ist Theresa May nicht endlich am Ende, wie von Freund und Feind seit Jahr und Tag immer wieder vorgesagt?

Längst ist nicht mehr nur der Brexit das Problem, sondern May selbst

Der frühere Tory-Abgeordnete und brillante „Times“-Kolumnist Matthew Parris hat May als „politisches Schwarzes Loch“ abqualifiziert: „Ideen, Vorschläge, Einwände, Projekte, Zuneigung, Vertrauen, ganze Karrieren wirklicher Männer und Frauen werden in die schreckliche Leere der Downing Street eingesaugt.“ Längst sei nicht mehr nur der Brexit das Problem, sondern die Chefin selbst: Ehe eine Versöhnung von Partei und Land möglich sei, „muss jede Spur ihrer Amtszeit ausgelöscht werden“.

Zur Brutalität, mit der auf der Insel generell über politische Kontrahenten geurteilt wird, gesellt sich in den Kommentaren über May häufig ein Schuss Sexismus. Das Problem ist aber weitgehender: In der Ablehnung der steifen, sozial unbeholfenen, provinziell wirkenden Premierministerin durch die Londoner Politik- und Medienelite äußert sich die Geringschätzung weiter Teile des Landes außerhalb der Metropole, deren Bewohner schnell das Label „little Englander“ weg haben, die also als kleingeistige, allen Fremden misstrauisch gegenüber stehende Empire-Nostalgiker disqualifiziert werden. Mal abgesehen davon, dass „little Englander“ Ende des 19. Jahrhunderts jene bezeichneten, die das Empire skeptisch beäugten – Mays stille, wenig von sich hermachende Pflichterfüllung und Stolz auf die Heimat spiegelt sich in der Einstellung von Millionen, deren Stimmen Westminster nicht erreichen.

Aber außerhalb des Parlamentsviertels stößt man immer wieder auf Briten, die May wenigstens respektieren. „Sie wird sehr schlecht behandelt, von den eigenen Leuten wie von der EU“, glaubt die Londonerin Lucy Silver, 61. Wie die einstige Innenministerin hat Silver nur nach langem Zögern für den EU-Verbleib gestimmt, und als May die Regierung übernahm, freute sich die Pensionärin: „Sie wirkte und wirkt sehr entschlossen, ihre Pflicht zu tun.“ Andererseits neige sie wohl etwas zur Verschlossenheit und zum Einzelgängertum: „Sie ist ihr eigener größter Feind.“

Umfragen: Wenn keiner besser ist, bleibt May die beste Wahl

Umfragen belegen das: Einer aktuellen der Firma YouGov zufolge glauben zwar zwei Drittel der Briten, May mache ihren Job schlecht, zehn Prozent mehr als noch im Dezember. Von Zutrauen in eine andere Tory, gar in den Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn ist aber keine Rede: Nur 20 Prozent glauben, ein anderer Politiker könne einen besseren Brexit-Deal herausholen. Immerhin ein Drittel der Befragten finden, May solle im Amt bleiben.

„Bei normalen Leuten außerhalb des Politikzirkels ist sie populärer“, weiß Andrew Gimson, lange Parlamentskorrespondent und Biograph von Mays Rivale Boris Johnson. „Denen gilt sie als vernünftig und pflichtbewusst.“

Durchsetzen aber muss sich die Politikerin eben doch im Parlament. Am Sonntag appellierte sie im „Sunday Telegraph“ an das Parlament, es sei nun die Zeit für „pragmatische, ehrenvolle Kompromisse“, weshalb sie diese Woche, wohl schon am Dienstag, das Austrittspaket zum dritten Mal zur Abstimmung stellen will. Tatsächlich signalisierten prominente Brexit-Befürworter, sie könnten diesmal ihrer Chefin folgen. Ob May das unmöglich scheinende noch gelingt?

Zweifel sind angeraten. Zu tief sitzt bei Freund wie Feind der Frust über die sture Sprachlosigkeit, mit der die Regierungschefin allen ernsthaften Gesprächsangeboten der Opposition aus dem Weg gegangen ist. Stattdessen reden viele von einem zweiten Referendum oder gar von Neuwahlen. Corbyn fordert sie bei jeder Gelegenheit: Am Sonntag stellte er ein neues Misstrauensvotum in Aussicht für den Fall, dass May das dritte Votum verliert.

Zwei Argumente sprechen gegen Neuwahlen: May hat schon versprochen, die Torys nicht nochmal in einen Wahlkampf zu führen. Aus ihrer Sicht „ist jeder Tag, den sie in der Downing Street verbringt, besser als einer, den sie nicht mehr im Amt ist“, glaubt ein Insider. Und die Neuwahl einer Führungsfigur samt Mitgliederbefragung würde kaum weniger als zwei Monaten in Anspruch nehmen.

Einstweilen also bleibt die Enkelin eines Hausmädchens und Tochter eines anglikanischen Pfarrers im Amt, eingemauert von jenen, deren Brexit-Forderungen immer radikaler werden und jenen. Theresa, die Unverrückbare.

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