Frankreich

Pflichtdienst fürs Gemeinwohl

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Macrons teures Vorzeigeprojekt: Französische Schüler sollen in Uniform Bürgerkunde pauken.

Die Tagwache erging nicht mit dem Hahnschrei, sondern mit Fahnenhissen. Punkt 6.30 Uhr wurden die Mittelschüler aufgeweckt, und gegen acht Uhr folgte die erste Bewährungsprobe – das gemeinsame Singen der Marseillaise, der französischen Nationalhymne.

So begann am Montag der „Universaldienst“, den Emmanuel Macron nach einem Versprechen im Präsidentschaftswahlkampf 2017 sehr rasch in die Tat umgesetzt hat. Die ersten 2000 Jungen und Mädchen im Alter von 16 Jahren rückten freiwillig in Studentenwohnheime, Gemeindesäle und andere öffentliche Zentren ein. Dort erhielten sie ihre Uniform – dunkelblaue Hose und Jacke, weißes Polohemd, Basketballmütze.

Die beiden ersten Wochen – die in die langen Sommerferien fallen – werden die Schülerinnen und -schüler in das gesellschaftliche Zusammenleben eingeführt. Sie lernen Erste Hilfe, Verkehrsregeln und Bürgerkunde; ferner werden sie auf sprachliche und gesundheitliche Kriterien geprüft. Zwei weitere Wochen, diesmal während der Schulzeit, gelten dem „Allgemeininteresse“, sei das in der Armee, Krankenhäusern oder gemeinnützigen Vereinen. „Ich hoffe, dass mir dies berufliche Perspektiven vermittelt“, sagte ein Mädchen namens Manon. „Wir werden Selbstverteidigung lernen, zusammen spielen und so tun, als gäbe es eine Naturkatastrophe oder ein Attentat. Und dann werden wir auch die Stadt Tourcoing besichtigen.“

Die Schüler sollen aus ihrem Wohngebiet herauskommen und werden bewusst in entferntere Departements versetzt. In den Schlafsälen sind Mädchen und Jungen getrennt; tagsüber ist das Handy untersagt.

Und vor allem ist der „service national universel“ obligatorisch. Ab nächstem Jahr sollen schon 40 000 Jugendliche einrücken; später sollen sämtliche 800 000 Absolventen eines Jahrgangs an die Reihe kommen. Staatssekretär Gabriel Attal erklärte am Montag sehr kategorisch: „Niemand kann sich ausmustern lassen. Auch das ist mit dem Wort ‚universell‘ gemeint.“

In Wahrheit sind beim Universaldienst jede Menge von medizinischen, sozialen und „persönlichen“ Ausnahmen vorgesehen, konkret etwa Schwangerschaft oder Auslandaufenthalt. So war es in Frankreich schon zu Zeiten der militärischen Dienstpflicht, der vor allem Sprösslinge mit „Beziehungen“ zu entgehen vermochten.

Macron verhehlt allerdings nicht, dass er in erster Linie Jugendliche aus den Einwanderervierteln im Auge hat. Erstes Ziel sei die „Stärkung des nationalen Zusammenhalts“, hatte er im Präsidentschaftswahlkampf erklärt. Die Ablösung der Wehrpflicht durch eine Berufsarmee 1997 sei zwar eine militärischer Notwendigkeit gewesen; der nationale Zusammenhalt sei aber dadurch geschwächt geworden.

Nach Macrons Wahl sträubte sich der Generalstab indessen, eine pseudomilitärische Ausbildung von 800 000 Rekruten zu übernehmen. Die französische Armee ist derzeit im eigenen Land, aber auch in Westafrika mit äußerst aufwendigen und delikaten Missionen zur Terrorbekämpfung betraut; sie will sich dazu nicht auch noch mit Jugendlichen herumschlagen müssen, die zur Landesverteidigung nichts beitragen können. Macron musste sein Projekt deshalb zeitlich und inhaltlich zusammenstreichen. Möglich bleibt zwar im Anschluss an den Universaldienst ein dreimonatiges, fakultatives „Engagement“. Seine genaue Ausrichtung ist aber noch sehr schwammig.

Von der „Erfahrung militärischen Lebens“, die Macron vorschwebte, ist deshalb nicht mehr viel geblieben. Außer hohen Kosten von nahezu 2000 Euro pro Person oder insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Kritiker zur Rechten und Linken meinen deshalb, der finanzielle Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Resultat: Die Landesverteidigung werde nicht gestärkt, und der nationale Zusammenhalt hätte sich auf andere Weise besser fördern lassen.

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