Corona-Virus

Pflegebranche in großer Sorge

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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Verbände befürchten mangelnde Ausstattung mit Schutzausrüstung.

Die Pflegebranche und Seniorenorganisationen haben eindringlich an Bund und Länder appelliert, Pflegeheime und -dienste mit ausreichend Schutzausrüstung zu versorgen. „Der immense zusätzliche Bedarf führt absehbar zu der Situation, dass die Gefährdung den Einsatz der Pflegekräfte ohne die notwendige Schutzausrüstung nicht mehr erlaubt“, warnte der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), Bernd Meurer.

Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, Landesministerien und Gesundheitsämter hätten ihre Aufgabe erledigt, wenn sie die Pflegeeinrichtungen regelmäßig darüber informierten, welche insbesondere hygienischen Anforderungen zu beachten seien. Schließlich seien Schutzausrüstungen gar nicht mehr über die üblichen Lieferwege zu beschaffen, betonte der Verbandschef.

Der Verband hat ausgerechnet, welche Mengen an Schutzausrüstungen die gesamte Pflegebranche in Deutschland benötigt. Dabei wurde eine relativ optimistische Entwicklung beim Krankheitsgeschehen unterstellt: Angenommen wird, dass ein Prozent der insgesamt 3,7 Millionen Pflegebedürftigen infiziert ist und bei fünf Prozent ein Corona-Verdacht besteht.

Dann braucht die Pflegebranche den Berechnungen zufolge pro Tag 534 000 OP-Masken, 70 000 FFP2-Masken, 525 000 Schutzkittel, 50 000 Schutzbrillen und fast 2,5 Millionen Einmalhandschuhe. Die Zahlen seien lediglich die Untergrenzen des tatsächlichen Bedarfs, betonte Meurer. Und er fügte hinzu: „Entscheidend ist, dass der Bedarf heftig steigt, wenn die Zahl der Verdachtsfälle oder der Infizierten steigt.“

Unbekannt ist, wie viel Schutzausrüstung in den Pflegeeinrichtungen vorhanden ist. Allerdings gab es in den vergangenen Tagen immer wieder Berichte darüber, dass zwar Kliniken und Ärzte mit frischen Lieferungen versorgt wurden, nicht jedoch die Pflegeeinrichtungen. In der Branche hieß es, besonders angespannt sei die Lage derzeit in Rheinland-Pfalz, in Brandenburg und Niedersachsen.

Kritik am Besuchsverbot

Auch Seniorenorganisationen fordern mehr Anstrengungen zum Schutz älterer Menschen. Überall wo Menschen pflegerisch versorgt würden, würden dringend genug Atemschutzmasken und Schutzkleidung gebraucht, erklärte die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso). Die bekanntgewordenen Infektionsfälle mit vielen Todesfällen in Pflegeheimen wie Wolfsburg und Würzburg zeigten, dass auch die Altenpflege nur unzureichend auf die Epidemie vorbereitet sei. Auch die eingeschränkten Kontakte zwischen Bewohnern von Pflegeeinrichtungen und ihren Angehörigen könnten zu gesundheitlichen Risiken führen, warnte der Verband.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, forderte Lösungen vor Ort, um trotz der Corona-Krise die Rechte der Pflegebedürftigen zu wahren. „Es darf bei der Diskussion über den notwendigen Schutz vor Infektionen in Pflegeeinrichtungen nicht vergessen werden, dass die Menschen in den stationären Einrichtungen wohnen, dort leben und eben nicht ‚verwahrt‘ werden“, sagte Westerfellhaus dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

„Und erst recht muss ihre Menschenwürde geachtet werden, wenn es um den Sterbensprozess geht“, sagte Westerfellhaus. „Wir können in unserer Gesellschaft keine pauschalen Besuchsverbote akzeptieren, die dazu führen, dass Mütter oder Väter alleine sterben müssen und Kinder sich nicht verabschieden können, nur weil die Eltern in einer Pflegeeinrichtung leben“, sagte er.

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