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Pflege-Impfpflicht: Pflegeheime führen Corona-Impfpflicht für Beschäftigte selbst ein

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Von: Patrick Guyton

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Altenheime in Süddeutschland kümmern sich selbst um die Corona-Impfpflicht für Pflegekräfte, statt auf den Gesetzgeber zu warten.

Syrgenstein- Im Oktober vergangenen Jahres ließ Kaspar Pfister durchzählen: Wie viele Mitarbeitende seiner Benevit-Gruppe, die bundesweit 26 Pflegeheime betreibt, waren gegen Corona geimpft, während die neue Corona-Welle mit der Delta-Variante anrollte? „Es waren um die 80 Prozent“, erinnert er sich. „Und das war zu wenig, da hätte es uns voll erwischt.“ Gespräche und Informationsangebote führten bei den verbliebenen Impf-Unwilligen nicht weiter. So entschied sich die Geschäftsführung zu einem klaren und im Gesundheitswesen noch ungewöhnlichen Schritt: Wer sich nicht mit den Impfstoffen impfen lässt, darf nicht mehr arbeiten, in den Häusern gilt künftig 2G. Es ist eine Impfpflicht durch die Hintertür.

„Als uns das im November mitgeteilt wurde, habe ich erst mal ziemlich geschluckt“, berichtet Nermin Hodzic. Der 38-Jährige leitet das Benevit-Pflegeheim „Schlossblick“ im bayerisch-schwäbischen Syrgenstein, 50 Kilometer nordöstlich von Ulm. Die meisten Einrichtungen des Trägers sind in Baden-Württemberg und Bayern. Würde sein Personal nun abwandern, wie immer wieder für den Fall einer Impfpflicht im Gesundheitswesen befürchtet wird? Könnten die 56 Bewohner:innen nicht mehr versorgt werden?

Die Impfquote der Belegschaft eines Pflegeheimbetreibers liegt nun bei fast 100 Prozent.
Die Impfquote der Belegschaft eines Pflegeheimbetreibers liegt nun bei fast 100 Prozent. © Ina FASSBENDER/AFP

Quasi-Impfpflicht in der Pflege: Benevit ist ein seltener, aber kein einzelner Fall

„Ach, das war viel weniger schwierig, als ich es mir vorgestellt hatte“, meint er nun. Die allermeisten der Nichtgeimpften ließen sich den Piks geben. In einem Fall bescheinigte der Arzt einer herzkranken Pflegekraft, dass sie die Impfung bekommen kann. Eine jüngere Mitarbeiterin hatte die Falschinformation, einen abstrusen Mythos über das Coronavirus, im Kopf, sie könne nach der Impfung nicht mehr schwanger werden. Auch sie wurde überzeugt. Fazit: Alle Pflegekräfte und alle Bewohner:innen in Syrgenstein sind geimpft. „Wir hatten bisher vier Corona-Infektionen im Haus und glücklicherweise keinen Todesfall“, sagt Hodzic.

Auch die Heimbewohnerin Anne Roth, 84 Jahre alt, ist mit dem Vorgehen sehr zufrieden. „Ich finde das vollkommen richtig“, sagt sie. „Wir sind nun alle geimpft und schützen uns dadurch viel besser.“ Am 10. März kommt der Impfbus, da steht die vierte Dosis an. „Das ist wie Zähneputzen“, meint Roth.

98 Prozent der insgesamt 1 700 Mitarbeitenden und 96 Prozent der Bewohner:innen haben bei Benevit nun den Impfschutz. Es kam zu 18 Trennungen, berichtet der Geschäftsführer Pfister, 32 Kräfte sind freigestellt, darunter fünf aus der Pflege. Sie erhalten Lohnfortzahlung, zumindest bis zum 15. März, wenn die allgemeine Impfpflicht im Gesundheitswesen eingeführt wird.

Corona-Impfpflicht: Pflegeheime führen Corona-Impfpflicht für Beschäftigte selbst ein

Benevit ist ein seltener, aber kein einzelner Fall. Die Klinikgruppe Artemed mit 17 Krankenhäusern in ganz Deutschland – sechs davon in Bayern, zwei in Baden-Württemberg – ist ähnlich vorgegangen. „Der Schutz unserer oft sehr vulnerablen Patienten ist absolut vorrangig“, sagt der Direktor Rainer Salfeld. Man müsse die Betriebsfähigkeit der Kliniken aufrechterhalten, das gehe aber nur mit Mitarbeitenden, „die nur in sehr seltenen Fällen an Covid-19 erkranken und einen milden Krankheitsverlauf“ hätten.

Seit Anfang Januar gilt für das Artemed-Personal 2G in sämtlichen Häusern. Andernfalls gibt es drei Optionen: Freistellung ohne Lohnfortzahlung, ein ruhendes Arbeitsverhältnis oder die Trennung, bei der Artemed auf das Einhalten von Kündigungsfristen verzichtet. Laut Salfeld sind nun 99 Prozent der Beschäftigten geimpft. „Eine Kündigungswelle blieb aus, die Versorgung können wir unverändert aufrechterhalten.“

Corona-Impfpflicht in Pflegeheimen selbst eingeführt: „Die Stimmung ist sehr positiv.“

Die Benevit-Pflegeheimgruppe betreibt 13 Häuser in Baden-Württemberg und drei in Bayern. In der Zentrale in Mössingen an der Schwäbischen Alb leitet Kaspar Pfister die Geschäfte. „Dass es zu einer Abwanderung des Personals gekommen ist, kann ich nicht bestätigen“, sagt er. „Im Gegenteil: Die Stimmung ist sehr positiv, die Mitarbeiter fühlen sich sicherer in der Arbeit.“ Er erhält auch Beschimpfungen und sogar Morddrohungen aus der Szene der Coronaleugnenden und radikalen Impfgegner:innen. „Aber das halte ich aus.“

Andere Häuser fragen bei ihm nach, wie er diese Quasi-Impfpflicht umgesetzt hat, das Interesse besteht. Ihm folgen wollte bisher aber noch niemand. Die Mitteilungen der Pflegeverbände liest er nicht immer mit Freude. „Da gibt es eigenartige Argumentationen“, meint er. Etwa dass es keine einrichtungsbezogene, aber eine allgemeine Impfpflicht geben sollte. Da ruft Pfister in seinem Schwäbisch ins Telefon: „Im Gesetz steht, dass wir die Bewohner schützen müssen.“ Und weiter: „Zum Donnerwetter, das ist unsere Pflicht.“

Pfister hat bei Benevit auch positive Anreize gesetzt: Erreichten eine Station oder ein Haus eine bestimmte Quote, gab es 1000 Euro fürs Personal. Und jeder Neugeimpfte erhält eine Flasche Eierlikör. „Mit dem Geld machen wir ein Fest, wenn das wieder geht“, sagt der Heimleiter Hodzic in Syrgenstein. „Und vor allem unsere Bewohner schätzen den Eierlikör sehr.“ (Patrick Guyton) Corona-Impfpflicht: Ist das in Deutschland rechtlich möglich?

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