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Frauke Petry will die AfD medienkompatibler machen.

AfD-Parteitag in Hannover

Petrys Charmeoffensive

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20, 30, 40, 50 Prozent: Frauke Petry sieht große Chancen für die AfD. Dazu sind aber ein entspanntes Verhältnis zu den Medien und mehr Mut zu öffentlicher Präsenz nötig. Vor allem aber: kein neuer Krach.

Was so eine rauschende Berliner Ballnacht manchmal anrichtet: „Wir müssen auch mal über uns lachen können“, sagt Frauke Petry. „Auch die Pinocchio-Presse.“

Pinocchio-Presse. Am Sonnabend ist das in Hannover auf dem AfD-Parteitag passiert. Frauke Petry war am morgen aus Berlin vom Bundespresseball im Hotel Adlon angereist, wo sie abends zuvor mit Leuten gefeiert, getrunken geschwatzt und getanzt hatte, die von vielen ihrer AfD-Mitglieder entweder als „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“ beschimpft werden.

Und nun kommt Parteichefin Petry etwas übernächtigt, aber beschwingt daher und streckt freundlich ihr Händchen aus: „Pinocchio-Presse.“

Mit Restalkohol hat das nichts zu tun. Mit Anbiederung, wie sie selbst meint, auch nicht. Es ist schlicht kühles Kalkül, Operation: Lachfalte. Nachdem die Alternative für Deutschland ein chaotisches Jahr hinter sich gebracht hat, in dem sie ihren Gründer Bernd Lucke rauswarf, in Umfragen auf drei Prozent einbrach und sich dann in der Flüchtlingskrise berappelte, versucht Petry nun den Weg weiter in die bürgerliche Mitte einzuschlagen. Ein neuer Krach wie vor und nach dem Ausscheiden Luckes, der die Partei monatelang gelähmt und gespalten hatte, soll vermieden werden. Wenn andere wie der Thüringer Landeschef Björn Höcke reden, der auf seinen Erfurter Kundgebungen die völkisch-nationale Richtung einschlug, stört das nicht. Alles ist erlaubt, so lange es nicht dem Erfolg schadet.

Die AfD steht im Umfragen zwischen sieben und zehn Prozent, ihre Möglichkeiten liegen aber womöglich weit darüber. „Der Trend wird anhalten, 20 Prozent sind möglich“, sagt Petry in ihrer Rede vor den 600 Delegierten. Nächstes Jahr sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt. Umfrageinstitute gehen davon aus, dass die AfD es in alle drei Parlamente schaffen wird. Die Austritte nach dem Abgang Luckes, der im Sommer eine neue Partei gründete, seien Ende des Jahres wett gemacht, die Mitgliederzahl gehe nach oben, die AfD bekomme Spenden. „Wir haben eine Verschnaufpause eingelegt, aber wir waren nie weg.“

Einzug in den Bundestag fest eingeplant

Petry sieht es offensichtlich jetzt als vordringliche Aufgabe, ihre Partei geräuscharm aus der Schmollecke zu bugsieren und sie medienkompatibler zu machen. Die 41-jährige gelernte Chemikerin hat den Einzug in den Bundestag 2017 im Grunde fest eingeplant. Aber für den Erfolg braucht sie mehr Öffentlichkeit und vor allem einen anderen Umgang der AfDler mit Presse und Rundfunk. Offensichtlich ist sie es auch leid, wenn AfD-Politiker nur in Fernsehtalkshows eingeladen werden, die vom Hass am rechten Parteienrand handeln.„Politische Präsenz ist notwendig“, sagt sie. Ob im „Ballsaal, Kreißsaal oder Hörsaal.“ Sparsames Gelächter, weil einige AfD-Mitglieder ihr Erscheinen beim Bundespresseball für erste Anzeichen von Anschleimen halten. Politische Parteien müssten in der Öffentlichkeit präsent sein, das sei „unerlässlich“. Deshalb ihr unübersehbarer Flirt mit Gewalt Nummer vier und der Versuch, das Verhältnis zu entkrampfen. Deshalb die insgesamt sanfte Tonlage auf dem Parteitag. Kein Wutreden, keine hasserfüllten Abrechnungen wie auf vorangegangenen Treffen. Bloß nichts kaputt schimpfen.

Petry will zusammen mit ihrem Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen aus Baden-Württemberg den „Einheitsbrei“ der anderen Parteien aufbrechen. Dafür braucht sie mehr mediales Gehör, mehr Publicity und in den eigenen Reihen mehr Leute, die mit Journalisten reden anstatt sie zu beschimpfen oder gleich zuzuschlagen. Den Angriff auf ZDF-Journalisten bei einer AfD-Kundgebung kürzlich in Cottbus erwähnt sie in ihrer Absprache lieber nicht.

Die Dresche bekommt in Hannover die Kanzlerin ab. Angela Merkel habe den Regierungsauftrag aufgegeben, sie habe in der Migrationskrise die Kontrolle verloren und solle nun sofort zurücktreten. „Sie schaffen das!“ Weg mit dem Euro, scharfe Grenzkontrollen, Einschränkung des Asylrechts – so etwas wird selbstverständlich auch gefordert in Hannover.

Petry spricht vieles an, aber nicht alles aus. Sie schimpft über Theaterstücke, welche die AfD „kriminalisieren“ und meint gewiss, sie ist ja aus Dresden, das dortige Stück „Graf Öderland“ von Regisseur Volker Lösch, das versucht, den real existierenden Hass innerhalb der Pegida-Bewegung auf eine Bühne zu übersetzen.

Protest gegen die AfD

Draußen vor dem Congress Centrum demonstrieren laut Polizei friedlich rund 1200 Gegner der AfD. Die ehemalige Grünen-Chefin Claudia Roth ist auch dabei. „Die Äußerungen der AfD sind der Turbo für Gewalt in unserem Land", sagt sie. Drinnen bekommt das keiner mit.

Petry spricht über ihr wichtigstes Anliegen, die „Mobilisierung der Mutlosen“, wie sie die Leute nennt, die sich ganz von der Politik abgewendet haben, im Wohnzimmer hocken und vermutlich noch am ehesten der AfD zuneigen. Mehr Volksentscheide, eine stärkere Bürgerbeteiligung, nur so sei der „Niedergang der demokratischen Beteiligung“ zu beenden. Dort sieht sie große Möglichkeiten. „Wir brauchen die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen“, sagt Petry. Und sollte das gelingen, hält sie 40, 50 Prozent Zustimmung zu ihrer Politik nicht für ausgeschlossen.

Sogar Björn Höcke , der auf dem Hannoveraner Parteitag anwesend, aber kein Delegierter ist und keine Rede hält, schlägt in Interviews ungewohnt sanfte Töne an und lächelt. Nicht einmal er habe sich für einen „ausgrenzenden Nationalismus“ ausgesprochen, erzählt der ehemalige Geschichtslehrer und heutige Abgeordnete aus Thüringen. „Ein Volk verändere sich, wenn auch „im Schneckentempo“, sagte er, der sonst gerne vom 1000-jährigen Deutschland sprach.

Es ist ein Tag zum Staunen. Die AfD hat sich ein Wellness-Wochenende in Niedersachsens Landeshauptstadt verordnet. Mit Kreide-Packung.

Nicht einmal Höcke lässt ein völkisches Grummeln oder eine Spitze gegen die Parteiführung vernehmen. Dabei fiel gerüchteweise auch sein Name, wenn davon die Rede war, wer eigentlich Petry ablöse, wenn die mit ihrem Kurs Richtung Mitte gescheitert sei. Aber nichts von alledem. Der Krach des vergangenen Jahres, die Spaltung der Partei, all das ist mittlerweile so verschwommen, dass nicht einmal mehr der Name Bernd Lucke oder der seiner neuen Partei Alfa in Hannover fällt. Lucke ist vom Radarschirm verschwunden, sein Alfa gilt als chancenloser Fehlversuch. Wird von ihm und den anderen Ehemaligen gesprochen, dann ist nur spöttisch von den „überangepassten Freunden des Alphabets“ die Rede.

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