Der ernste Blick ist typisch für Philippe Martinez, der als Generalsekretär der Gewerkschaft CGT gegen die Rentenreform kämpft.
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Der ernste Blick ist typisch für Philippe Martinez, der als Generalsekretär der Gewerkschaft CGT gegen die Rentenreform kämpft.

Frankreich

Der personifizierte Widerstand

  • vonBirgit Holzer
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Gewerkschaftschef Philippe Martinez ist die treibende Kraft des Streiks gegen die französische Rentenreform – ein Porträt.

Es ist nicht verbürgt, wann Philippe Martinez zuletzt in der Öffentlichkeit ein Lachen ausgekommen ist. Ernst und streng blickt er drein, mit tiefen Stirnfalten zwischen den Augen und einem kämpferisch nach vorne gereckten Schnauzbart. In Frankreich erscheint der Generalsekretär der Gewerkschaft CGT derzeit auf allen Kanälen, gilt er doch als treibende Kraft hinter dem Streik gegen die Rentenreform, für die sich mehrere Gewerkschaften zusammengeschlossen haben. Diese erleben im Kräftemessen mit der Regierung eine Renaissance, nachdem die „Gelbwesten“-Bewegung sie bereits an den Rand gedrängt hatte. Diese setzte nicht mehr auf klassische Formen des Arbeitskampfes, sondern organisierte sich dezentral und in den sozialen Netzwerken.

„Die Regierung verhöhnt die Menschen“, tönte Martinez, nachdem Premierminister Édouard Philippe am Mittwoch die Eckpunkte der Reform vorgestellt hatte. Seine Bedingung, den Streik zu beenden, der Frankreich seit mehr als einer Woche in weiten Teilen blockiert, ist nichts weniger als der komplette Rückzug des Reformprojekts, bei dem die bisher 42 Kassen in ein einziges Punktesystem überführt werden und die Franzosen langfristig länger arbeiten sollen. Seine Gegner werfen Martinez völliges Fehlen von Dialogbereitschaft vor oder, wie Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sagte, dass er „mehr seine eigenen Truppen als die Franzosen verteidigt“. Seine Anhänger aber sehen in ihm den charismatischen Vorkämpfer für den Erhalt des Sozialstaates gegen „neoliberale“ Tendenzen. Der 58-Jährige neigt zur Aufteilung in gut und böse, schwarz und weiß, er formuliert klar, direkt, dramatisch. „Die Zukunft mehrerer Generationen steht auf dem Spiel“, warnt er. Er wolle „das beste Rentensystem der Welt“ bewahren – das französische, das einen vergleichsweise frühen Renteneintritt und hohe Pensionszahlungen vorsieht.

Der Sohn eines Arbeiters und einer Putzfrau, die vor seiner Geburt aus Spanien in einen ruhigen Vorort von Paris gezogen waren, begann seine Karriere als Metallarbeiter bei Renault, wo er nicht nur in die Firmen-Fußballmannschaft eintrat, sondern auch früh in die CGT; sie galt als gewerkschaftlicher Arm der Kommunistischen Partei Frankreichs, in der er sich zunächst parallel engagierte.

Vom Amt des Generalsekretärs der Metallurgie-Teilgewerkschaft der CGT, das er ab 2008 innehatte, stieg Martinez 2015 zum CGT-Generalsekretär auf, wo er schnell seinen Ruf als kompromissloser Verhandlungsführer zementierte. Allerdings mit durchwachsenem Erfolg: Seinen Versuch, 2016 eine von Emmanuel Macron, dem damaligen Wirtschaftsminister unter Präsident François Hollande, beförderte Arbeitsmarktreform zu stoppen, scheiterte ebenso wie der Kampf gegen weitere Liberalisierungen, als Macron selbst Präsident geworden war.

Der jetzige Widerstand ist eine wichtige Gelegenheit für die Gewerkschaften zu zeigen, dass sie noch da sind – nur noch knapp acht Prozent der französischen Angestellten sind gewerkschaftlich organisiert. Und für Martinez bietet sich die Chance, den verlorenen Rang der CGT als mitgliederstärkste Arbeitervertretung wieder einzunehmen, die sie inzwischen an die gemäßigtere CFDT abgegeben hat. Deren Chef Laurent Berger hat sich allerdings erst spät dem Widerstand gegen die Reform angeschlossen – während Martinez längst dessen Personifizierung ist.

Um ein „Entschuldigung“ kommt in Paris niemand mehr herum: Wer es in eine der wenigen Metros schafft, muss schieben, drücken, pressen. Auch sonst herrscht Chaos.Über das Leben in Paris in Zeiten des Streiks.

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