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Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker wurde bereits Opfer eines Attentats, nun wird sie erneut bedroht. 

Schutz für bedrohte Politiker

Personenschützer: „Der Reker-Attentäter wollte ursprünglich an Merkel ran“

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Wie lassen sich Kommunalpolitiker*innen wie Henriette Reker wirksam schützen? Experte Stefan Bisanz spricht in der FR über Tätertypen und Strategien der Personenschützer.

Stefan Bisanz betreibt in Bonn das Personenschutzunternehmen Consulting Plus und ist überdies amtlich bestellter Sachverständiger für Personenschutz.

Herr Bisanz, die Morddrohung, die die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker unlängst erhielt, hat eine bundesweite Debatte über die Sicherheit von Kommunalpolitikern ausgelöst. Die Polizei sagt, vom offenkundig rechtsextremen Verfasser der beiden E-Mails an Reker gehe keine konkrete Gefahr aus. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube auch nicht, dass der Mensch, der das geschrieben hat, physisch auf Frau Reker einwirken würde. Die tatsächliche Gefahr in diesem Fall ist aber, dass er finanzielle Anreize für andere schafft, das zu tun. Und es laufen da leider schon ein paar dumme Vögel rum, die jetzt glauben, sie kriegen 100 Millionen Euro dafür – was natürlich nie passieren wird. Nicht mal eine Million. Nicht mal hundert Euro.

Für die Sicherheit der Oberbürgermeisterin ist die Polizei zuständig. Wenn Henriette Reker Ihre Kundin wäre – wozu würden Sie ihr jetzt raten?
Bei ihr würde ich es schon so sehen, dass man personelle Maßnahmen ergreifen muss. Vor allem bei ihrer Geschichte. Sie war ja schon Opfer eines rechtsterroristischen Angriffs. Bei öffentlichen Auftritten sollten Personenschützer nah an ihr dran sein. Vielleicht auch dann, wenn sie sich im Rathaus bewegt, denn das Gebäude ist ja sehr öffentlich. Ihr Büro darf nicht für jedermann zugänglich sein, ihre Wohnung oder ihr Haus sollte sicher sein.

Bundesweit werden Kommunalpolitiker bedroht. Jeden zu schützen wäre ein irrer Aufwand. Geht das überhaupt?
NRW-Innenminister Herbert Reul hat gesagt, man könne nicht alle schützen. Aber das kann doch nicht die Lösung sein. Bürgermeister und Landräte gestalten und vertreten unseren Staat, viele machen das im Ehrenamt oder für wenig Geld – und wir kümmern uns nicht um sie? Die Angriffe auf Frau Reker, Herrn Lübcke oder den Bürgermeister von Altena sind sicher die Spitze, aber ähnliche Übergriffe gibt es doch schon seit Jahren. Und jetzt erst überlegen wir, was wir dagegen tun sollen? Das ist fahrlässig, ich finde das schlimm.

Stefan Bisanz weiß: „Natürlich kann man nicht jedem Bürgermeister rund um die Uhr 20 Bodyguards zur Seite stellen.“

Was schlagen Sie vor?
Natürlich kann man nicht jedem Bürgermeister rund um die Uhr 20 Bodyguards zur Seite stellen. Darum geht es auch gar nicht. Aber wie wäre es denn mit einer Art Bürgermeisterbetreuer? Ein Sicherheitsberater, der zuständig ist für 30, 40 oder 50 Amtsträger. Die berät er regelmäßig und bringt ihnen grundlegende Dinge bei, wie sie selbst für ihre Sicherheit sorgen können.

Was könnte das sein?
Nehmen Sie das Beispiel Walter Lübcke. Der saß ja wahrscheinlich allein auf seiner Terrasse, als die Tat geschah. Der Täter wird aber nicht morgens aufgestanden sein und beschlossen haben: Heute Abend fahre ich hin und bringe den um. Solche Täter bereiten sich gut vor. Auch dieser ist wahrscheinlich öfters hingefahren und hat dabei vielleicht auch festgestellt, dass Herr Lübcke hin und wieder mal allein auf der Terrasse sitzt und raucht. Dadurch war er letztlich ein leichtes Opfer.

Woher wissen Sie, wie Täter ticken?
Ich habe in den letzten fünf Jahren ungefähr 200 Tage als Prozessbeobachter bei Gericht gesessen. Dort erfährt man so viel über Täter und Täterwissen wie nirgends sonst. Mich interessiert zum Beispiel, warum einer genau diese Tat an genau dieser Person begangen hat. Mich interessiert die Vita eines Täters, seine Motivation und die Infrastruktur, die er für seine Taten genutzt hat. Aus alledem kann ich Schlüsse ziehen und Schutzmechanismen für meine Kunden ableiten.

Sie versuchen, sich in den Täter hineinzuversetzen?
Ich komme eigentlich immer aus der Täterperspektive. Ich gucke mir an: Wer ist der Gefährder? Denn wenn ich den Tätertypen kenne, weiß ich auch, wie er ungefähr vorgehen wird. Stellen Sie sich das vor wie einen Plattenweg, der vom Täter zum Opfer führt. Wir legen den Weg dann umgekehrt vom Opfer zum Täter: Wir gehen ihm entgegen.

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Welche Tätertypen gibt es?
Ich unterscheide sechs Typen: den Terroristen – egal ob rechts- oder linksextrem oder aus dem Ausland. Den persönlichen Feind aus dem geschäftlichen oder familiären Umfeld. Den Psychopathen, den Auftragsattentäter, den Kriminellen, der aus Gewinnsucht handelt, und den verzweifelt Gescheiterten – ein Mensch, der solide gelebt, den eine Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Scheidung aber ins Strudeln gebracht hat und der plötzlich kein Einkommen mehr hat. Der überlegt dann: Wer hat Geld, von wem kann ich mir etwas nehmen?

Gibt es etwas, das alle Täter gemeinsam haben?
Mit Ausnahme des Psychopathen sind alle feige, auch Terroristen und Kriminelle. Sie möchten nicht erwischt und nicht verletzt werden. Merken sie, dass diese Gefahr besteht, lassen sie häufig von der geplanten Tat ab. Ein Beispiel: Im Rahmen der Aufklärung stellen wir fest, dass der Garten einer Schutzperson von einer Hecke umgeben ist. Ein Täter hat außen einen Trichter in die Hecke geschnitten, so dass er den Garten und die Terrasse gut beobachten kann. Was macht man also? Entweder wir observieren die Stelle, bis der Täter wiederkommt. Oder wir hinterlassen ihm ein Zeichen: Wir packen da Laub rein oder legen ein Schild hin: Hallo, wir wissen, dass du da bist – irgendetwas, so dass derjenige merkt, dass etwas nicht stimmt und er von seinem Plan ablässt.

Lesen Sie hier alles zum Mord an Walter Lübcke. 

… und sich ein anderes Opfer sucht?
Ja, vielleicht. Auch der Reker-Attentäter wollte ja ursprünglich an Bundeskanzlerin Merkel ran. Er hat aber gemerkt, dass er das nicht schafft. Auch bei Entführungen habe ich noch keinen Täter erlebt, der nur eine einzige Opferfamilie ausgesucht hat. Vor Gericht kommt heraus, dass er sich auch noch Familie Meier und Familie Müller angeguckt hat. Dann wiederum fahre ich raus und gucke, wie leben denn Meier und Müller, und wieso hat er sich dann für die Opferfamilie entschieden. Dann sieht man: Weil Meier und Müller sich abgesichert haben. Und wenn es nur zwei Kameras sind. Aber auf jeden Fall mehr als die Opferfamilie.

Ist es für Personenschützer eigentlich ein Alptraum, wenn jemand wie Bill Clinton beim G8-Gipfel in Köln 1999 spontan vom Programm abweicht und ein Brauhaus mitten in der Stadt aufsuchen will?
Man kann davon ausgehen, dass so etwas nicht spontan geschieht. In dem Restaurant sitzt dann garantiert kein einziger fremder Gast. Und in der Küche stehen die hochbewaffneten Spezialisten bereit, die sofort rausstürmen, wenn etwas ist. Das muss auch so sein.

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Können Sie noch entspannt in einem Café sitzen, ohne sich ständig nach potenziellen Gefährdern umzusehen?
Ja. Ich gucke natürlich, trotzdem bin ich entspannt dabei. Ich weiß allerdings auch immer, wo der Notausgang ist. Und ich setze mich ungern ans Fenster. Wenn etwas von der Straße kommt, ist man der Erste, der etwas abkriegt.

Freunde haben Sie beim Ausgehen sicher gerne als Begleitung dabei.
Es gibt Menschen in meinem privaten Umfeld, die sagen zu mir: Stefan, solange du entspannt bist, bin ich es auch. Dann antworte ich: Das ist gut so. Und wenn ich renne, dann rennst du auch.

Interview: Tim Stinauer

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