„Unbesehen und unbetreten“: schroffe, felsige Galíndez-Insel vor der antarktischen Halbinsel.
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„Unbesehen und unbetreten“: schroffe, felsige Galíndez-Insel vor der antarktischen Halbinsel.

Südpol

Pekings eiskalte Ambitionen

  • Willi Germund
    vonWilli Germund
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Die bisher fast unberührte Antarktis interessiert immer mehr Staaten – allen voran China.

Die Umrisse des rostroten Ungetüms tauchen langsam aus dem Nebel auf. Auf dem Deck thront ein riesiger Kommunikationsdom. Hinter den Scheiben der Brücke ist selbst mit Fernglas niemand zu erkennen. Die Besatzung des chinesischen Eisbrechers „Xue Long“ scheint angesichts der eisigen Mittagskälte im Norden der Terra-Nova-Bucht in der Antarktis lieber in den Kajüten zu bleiben. Schließlich ankert der Eisbrecher neben einer Insel, die ihre britischen Entdecker vor etwas mehr als 100 Jahren „Inexpressible Island“ tauften, weil sie kaum Worte fanden für die Verhältnisse auf dem felsigen, vereisten und von Stürmen heimgesuchten Eiland. Trotz der widrigen Umstände wählte Peking Inexpressible Island aus, um dort seine nun fünfte antarktische Forschungsstation in 30 Jahren zu errichten.

„China will eine der wichtigsten Nationen auf dem siebten Kontinent werden“, sagt John Stears, Ex-Inspektor des Antarctic Treaty System (ATS) während eines Vortrags an Bord der „MV Ortelius“ im Eismeer. Im ATS vereinbarten mehr als 50 Staaten 1959, die Antarktis nicht wirtschaftlich auszubeuten und weder militärische noch politische Konflikte auf dem siebten Kontinent auszutragen. Es ist bis heute ein ziemlich einzigartiger Vertrag zwischen oftmals verfeindeten Nationen und war wohl auch nur möglich, weil niemand der Antarktis große Bedeutung beimaß.

Der chinesische Eisbrecher „Xue Long“ in der Antarktis.

Das dürfte sich bald ändern. 90 Prozent der weltweiten Trinkwasserreserven sind in den oftmals kilometerdicken Eisschichten der Antarktis gespeichert. Dank des Klimawandels schmilzt besonders in der Westantarktis das Eis immer schneller. Und vor ein paar Jahren gab es erstmals Aufregung, als China die USA beschuldigte, eine ihrer Forschungsstationen abzuhören.

In der sonst selten befahrenen Gegend nördlich des McMurdo Sound und nahe dem Ross-Meer werden Chinas Ambitionen ziemlich deutlich. Die vor Inexpressible Island ankernde „Xue Long“ ist eines von vier chinesischen Schiffen, dem die „Ortelius“ an diesem Tag zwischen dem neuseeländischen Bluff und Ushuaia auf Feuerland begegnet.

Der siebte Kontinent

Die Antarktis ist die größte Eiswüste der Erde. Der Südpol liegt nämlich im Gegensatz zur komplett eisigen Arktis auf festem Grund. Weshalb die Antarktis dann auch ein Kontinent ist und die Arktis eben nicht.

Der Eisschild, der den größten Teil des Kontinents Antarktika bedeckt, misst 13,8 Millionen Quadratkilometer.

Seit der Entdeckung 1820 haben zahlreiche Gelehrte, Abenteurer und Expeditionen den Südpol zu erforschen versucht. Der bekannteste ist wohl der Brite Robert Scott, der mit seiner Gruppe 1911 dort starb. Die norwegische Expedition unter Roald Amundsen erreichte als erste den Südpol, einen Monat vor Scott, der einen Triumph für den britischen Imperialismus hatte erringen wollen.

Amundsen sagte vom Südpol: „Wild wie kein anderes Land unserer Erde liegt es da, ungesehen und unbetreten.“ Der Forscher Ernest Shackleton, der 1914 kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs ins Innere des Kontinents aufbrach, unterstrich das bei seiner Rückkehr 1916 mit der Frage, wer denn den Krieg gewonnen habe. (rut)

China will 2022 sogar eine Landepiste auf Inexpressible Island fertig haben, um die eigenen Forschungsstationen ohne fremde – vielleicht neugierige – Hilfe versorgen zu können. Die Gegend nahe des McMurdo Sound, in der die USA ihre wichtigste Versorgungsstation betreiben und Neuseeland seinen Stützpunkt Scott unterhält, ist selbst im antarktischen Winter weitgehend eisfrei.

Zurzeit bemühe sich China zwar um die Einhaltung des ATS, sagt Stears, der gegenwärtig mit dem Scott Polar Research Institute im britischen Cambridge zusammenarbeitet. Aber früher habe sich die Volksrepublik auch immer wieder nicht an die Vorschriften gehalten. Ergänzungen zum ATS-Vertrag passen China nicht unbedingt. So muss etwa der komplette Abfall inklusive Abwasser wieder aus der Antarktis abtransportiert werden.

Skeptiker beäugen das Treiben der Chinesen am Südpol mit Misstrauen, obwohl sie beteuern, die internationalen Regeln in der Antarktis einhalten zu wollen. Ein guter Grund für das Misstrauen: Russland und China sperren sich gegen die Ausweitung maritimer Schutzzonen. Sie beide haben öfters schon Interesse an der Nutzung von Krill gezeigt, der Walen und Pinguinen als Nahrung dient. Mini-Kameras, die Forscher Albatrossen zur Beobachtung ihrer Lebensumstände umgeschnallt hatten, konnten chinesische Fischerboote aufnehmen, die widerrechtlich in der Antarktis unterwegs waren.

„Präsident Xi Jinping betrachtet China als eine maritime Großmacht und sieht darin kommerzielle Chancen“, analysiert Claire Young vom Australian Strategic Policy Institute: „Fischerei, Tourismus und die Nutzung der genetischen und chemischen Eigenschaften der antarktischen Flora und Fauna gehören zu den kurzfristigen ökonomischen Zielen.“ Und dafür seien die chinesischen Kommunisten, die ihren Führungsanspruch auf wirtschaftlichem Fortschritt begründen, auch durchaus bereit, die ATS-Regeln zu strapazieren, so Young.

Manche Beobachter der Antarktis sehen Parallelen zu Chinas Verhalten im Südchinesischen Meer. Dort reklamieren die Kommunisten den größten Teil der Wasserfläche und zahlreiche Inseln von Nachbarländern für sich. Internationale Regeln oder Schiedssprüche des Internationalen Gerichtshofs ignoriert Peking. Aber der Politikwissenschaftler Nengye Liu schreibt in einem Beitrag für das Nachrichtenportal The Diplomat: „Man muss verstehen, dass China im Südchinesischen Meer immer Territorialansprüche gestellt hat und die Region direkt in Pekings Interessensphäre liegt. Das ist bei der Antarktis nicht der Fall. Außerdem hat China bislang gegen keine Regel des Antarctic Treaty System verstoßen.“

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