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Proteste im Sudan: „Menschen werden getötet, verletzt oder verhaftet“

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Von: Johannes Dieterich

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Basisgruppen für demokratische Reformen lehnen Gespräche mit Militärs kategorisch ab.

Khartum – Ein neuer Tag, ein neuer Massenprotest. Meist zweimal die Woche ziehen Zigtausende von Menschen im Sudan durch die Straßen der Hauptstadt Khartum: Ein seit fast vier Monaten anhaltendes Ritual, das mit Sprechchören und Märschen in Richtung Präsidentengebäude beginnt – und mit einer gewalttätigen Antwort der Sicherheitskräfte endet. Schwaden an Tränengas, Schlagstockeinsätze, Verhaftungen – und gezielte Schüsse von Scharfschützen: So wird die Zahl der Todesopfer pro Kundgebung im einstelligen Bereich gehalten.

Nicht zu viel, um keinen Eklat oder internationalen Aufschrei auszulösen. Und nicht zu wenig, um die Angst der Protestierenden weiter zu schüren. Irgendwann, so das Kalkül der Militärmachthaber, werden die zermürbt zu Hause bleiben.

Sudan: Zigtausende gehen auf die Straße

Tun sie aber nicht. Noch immer gehen Woche für Woche Zigtausende auf die Straßen Khartums und anderer Städte. Selbst am gestrigen Valentinstag drückten sie auf diese Weise ihre „Liebe für den Sudan“ aus. Die Sicherheitskräfte wussten mit der Metaphorik nichts anzufangen: Sie antworteten in der einzigen von ihnen beherrschten Sprache, der Gewalt. „Menschen werden getötet, verletzt oder verhaftet, um unsere Proteste zu stoppen“, sagt Reem Sinada, 34-jährige Dozentin für Tiermedizin an der Universität Khartums: „Aber das wird nie passieren.“

Woche für Woche erinnern die Menschen im Sudan die machthabenden Generäle daran, dass sie unerwünscht sind.
Woche für Woche erinnern die Menschen im Sudan die machthabenden Generäle daran, dass sie unerwünscht sind. © afp

Das Beharrungsvermögen der Opposition verblüfft. Mit derselben Hartnäckigkeit hatte sie vor drei Jahren Militärdiktator Omar al-Bashir aus dem Amt entfernt. Der des Völkermords angeklagte General wurde schließlich von seinen eigenen Kameraden entmachtet. Sie stellten sich allerdings als um keinen Deut besser als ihr Ex-Befehlshaber heraus. Als sich die zur Machtteilung mit den Militärs überredete Opposition vergangenen Jahres an die Abwicklung des Jahrzehnte alten Herrschaftsapparats der Offiziere machte, kam es – wieder einmal – zu einem Staatsstreich.

Jetzt sitzt das Militär wieder alleine am Drücker, die Opposition sieht sich auf den Nullpunkt zurückversetzt. Allerdings mit der Erfahrung, dass sie mit ihrem Beharrungsvermögen Berge versetzen kann.

Noch nie in der an Coups nicht gerade armen Geschichte des Landes wurde gegen einen Staatsstreich dermaßen lange Widerstand geleistet, sagt Kholood Khair von der Khartumer Denkfabrik „Insight Strategic Partners“ im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Sudan: „Wir müssen unser Land in Sicherheit bringen“

Der Grund des Oppositionserfolgs sind Hunderte von „Widerstands-“ oder „Nachbarschaftskomitees“, die sich schon während Al-Bashirs Herrschaft im ganzen Land gebildet hatten. Kleine Gruppen an Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die sich anfangs mit Nahrungsmitteln und sozialen Diensten gegenseitig über Wasser hielten, aber zunehmend politischer wurden.

Sie treffen sich in Cafés oder anderen öffentlichen Räumen, um nicht wie die etablierten Parteien undurchsichtiger Hinterzimmer-Manöver bezichtigt werden zu können, und haben keine „Führer“, die eine leichte Beute für die Geheimpolizei wären. Gemeinsam mit den sudanesischen Berufsvereinigungen SPA, in denen sich medizinische, pädagogische und technische Beschäftigte zusammenschlossen, sind die Nachbarschaftskomitees das Rückgrat der Proteste – und wild entschlossen, ihren Kampf bis zur Kapitulation der Offiziere auszufechten. „Die Verantwortung liegt auf unseren Schultern“, sagt Azza Sorkatti, 38-jährige Mutter zweier Kinder: „Wir müssen unser Land in Sicherheit bringen.“

Die Vereinten Nationen suchten Anfang dieses Jahres den zusammengebrochenen Kontakt zwischen Militärs und Opposition wiederzubeleben. Die Leitung der Mission fiel dem deutschen Arabisten Volker Perthes zu, den UN-Generalsekretär António Guterres zu seinem Sonderbeauftragten für den Sudankonflikt erkoren hatte. Perthes wollte nach seinen Worten keine Gespräche führen, diese vielmehr überhaupt erst möglich machen – scheiterte jedoch bereits zu Beginn seiner Mission. Sein Vorschlag, sämtliche Gruppen – auch die Militärs – an einen Tisch zu bringen, lehnten die Komitees kategorisch ab. Sie wollen nicht ein weiteres Mal von den Generälen über den Tisch gezogen werden.

Das einzige, was dem deutschen Arabisten bisher gelungen sei, war die Opposition zu schwächen, sagen böse Zungen in Khartum.

Sudan: Ausgang des Kampfes ist offen

Weil die etablierten Oppositionsparteien gegen Gespräche mit den Militärs nichts auszusetzen haben, liegt der oppositionelle Dachverband, die Forces for Freedom and Change (FCC), jetzt in Trümmern. „Perthes hat die Situation im Sudan nicht verstanden“, meint Politologin Khair.

Vor allem nicht die Entschlossenheit der Komitees in deren Ablehnung jeglichen Arrangements mit dem Militär. Die Komitees seien das „Rückgrat des demokratischen Wandels“ und Sudans „einzige Chance für einen Neuanfang, ist Khair überzeugt. Doch auch westliche Diplomaten täten sich schwer mit den Komitees: Deren flache Hierarchie und lokale Verbundenheit sei für Gesandte wie Volker Perthes zumindest gewöhnungsbedürftig. Im Machtkampf mit dem Militär seien die Demokratiegruppen auf sich selbst gestellt, meint Politologin Khair: „Wer den Kampf schließlich gewinnt, ist offen.“ (Johannes Dieterich)

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