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USA: Patriot Front - Datenleak gibt Einblick in die neue Alt-Right-Gruppe

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Von: Nail Akkoyun

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Mitglieder der rechtsextremen Patriot Front marschieren durch Washington DC. (Archivbild)
Mitglieder der rechtsextremen Patriot Front marschieren durch Washington DC. (Archivbild) © Allison Bailey/imago

Die Patriot Front beschäftigen in den USA sogar Joe Rogan. Doch was steckt hinter der rechtsextremistischen Gruppierung?

Minneapolis/St. Paul – Knapp 400 Gigabyte an Daten, welche dem Non-Profit-Medienkollektiv Unicorn Riot zugespielt wurden, zeigen erstmals einen detaillierten Einblick in die Welt der „Patriot Front“. Sowohl Strategien, Fantasien als auch Pläne der US-amerikanischen, neofaschistischen Gruppierung, die sich als Teil der sogenannten Alt-Right-Bewegung versteht, werden dank des Datenlecks offenbart.

Die Größe des Leaks ist nicht nur auf die vielen Textnachrichten, sondern vor allem auf eine Vielzahl an Videos und Fotos zurückzuführen. Die Aufnahmen aus den USA, teils höchst privat, wurden auf der File-Sharing-Plattform mega.nz gehostet. Zum Chatten wurde Rocket Chat, ein Oben-Source-Pendant zu Slack, verwendet.

USA: Patriot Front entstand nach „Unite the Right“-Marsch in Charlottesville

Entstanden ist die Patriot Front im Jahr 2017 im Anschluss des in Charlottesville, North Carolina stattgefundenen Neonazi-Aufmarschs, als Abspaltung der Neonazi-Gruppierung „Vanguard America“. Damals versammelten sich Rechtsextreme unter dem Banner „Unite the Right“, darunter unter anderem Mitglieder der Alt-Right-Bewegung sowie des Ku-Klux-Klans. Grund der Demonstration war die geplante Entfernung eines Denkmals für den Konföderierten-Generals Robert E. Lee in Charlottesville.

Nach der Veranstaltung fuhr ein Rechtsextremist mit seinem Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten und tötete dabei die 32-jährige Heather Heyer. Weitere 30 Menschen wurden verletzt. Da sich der damalige US-Präsident Donald Trump seinerzeit nicht eindeutig von den Rechtsextremen distanzierte, machte der Fall weltweit Schlagzeilen. Trump sprach von „einigen sehr feinen Menschen auf beiden Seiten.“

Patriot Front: Maskierungen symbolisieren „weiße Überlegenheit“

Auch wenn sich die Patriot Front zu Beginn nach außen hin weniger offen rassistisch und antisemitisch gab, attestierten Beobachter:innen der Gruppierung schon von Beginn an eben jene Merkmale. Interne Chats untermauern diesen Eindruck nun mit Fotos von neonazistischen Symbolen sowie Chats voller antisemitischer Inhalte. Neben Audioaufnahmen von Treffen sind zudem verschiedene Straftaten von den Mitgliedern fotografiert und gefilmt worden – darunter als „Aktivismus“ deklarierter Vandalismus.

Viele Mitglieder zeigen auf den internen Aufnahmen ihre Gesichter und tragen normale Freizeitklamotten. Andere Aufnahmen zeigen Kampfübungen im Wald oder das Übersprühen von Graffiti, die nicht der eigenen Ideologie entsprechen. Dabei verhüllen die Patriot-Front-Anhänger:innen ihre Gesichter allerdings häufig mit weißen Tüchern, um „weiße Überlegenheit“ zu symbolisieren.

USA: Minderjährige werden von der Patriot Fans über das Internet rekrutiert

Der von Unicorn Riot publikgemachte Leak beinhaltet auch Ausschnitte von Gesprächen mit potenziellen Rekrut:innen, die zwischen September und Dezember 2021 geführt worden. Bei einigen Beteiligten handelte es noch um Teenager, die sich über das Internet radikalisierten und in den Fokus der Patriot Front gerieten. Dem Bericht zufolge waren acht der Gesprächspartner:innen noch minderjährig, wobei jedoch alle angaben, volljährig zu sein. Dennoch zeigen interne Chats, dass Mitglieder der Patriot Front durchaus bereit dazu sind, Minderjährige in angrenzende US-Staaten zu schaffen, damit diese an Märschen und Demonstrationen teilnehmen können – ohne Kenntnis der Eltern.

In den Interviews wurden Rekrut:innen nach der „größten Bedrohung“ Amerikas gefragt. In 66 Gesprächen, nannten 14 Personen Immigranten als größte Bedrohung, zehn hingegen Kommunisten beziehungsweise Marxisten, sowie sechs Befragte die Medien. Rund zwei Drittel gab darüber hinaus an, dass Juden, Zionisten oder die „von Zionisten besetzte Regierung“ die Probleme der USA verschuldeten.

Wie so häufig unter Neonazi-Gruppierungen herrscht auch bei der Patriot Front die Verschwörungstheorie, dass eine jüdisch dominierte Elite als eine Art Puppenspieler insgeheim die Welt, und insbesondere die Vereinigten Staaten, steuert. Ein Rekrut aus Pennsylvania erklärte, dass die „Zerstörung weißer Solidarität“ ein Ziel wäre.

Patriot Front: Das „klassische Familienbild“ ist längst ausgestorben

In den Interviews definierten sich die Anwärter:innen politisch unter anderem als „anti-globalistisch“, „öko-faschistisch“, „anti-bolschewistisch“ und „Nietzscheanisch“. Am häufigsten wurde aber mit „faschistisch“ und „nationalistisch“ geantwortet. Am stärksten beeinflusst fühlten sich die Befragten von Adolf Hitler und dessen Buch „Mein Kampf“. Auch etablierte Patriot-Front-Mitglieder geben in den internen Chats immer wieder ihre Bewunderung für Hitler preis.

Idealisiert wird zudem das „klassische Familienbild“, wie es etwa in den 1950er-Jahren in den USA zu finden: Der Mann arbeitet und ernährt die Familie, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um den Nachwuchs. In Gesprächen ist davon die Rede, dass Frauen „zu viele Freiheiten“ hätten. Weiter hätten „Promiskuität, Pornografie, Homosexualität und Transsexualität“ die klassische Familie zerstört.

Podcaster Joe Rogan über Patriot Front: „Für mich ist das Bullshit“

Joe Rogan, Comedian und eine der Top-Podcaster in den USA, erwähnte die Patriot Front schon im Dezember 2021 in seinem Podcast „The Joe Rogan Experience“. Dort bezeichnete er Mitglieder der Gruppierung als „Feiglinge“ und „Polizist:innen“, während er sich Aufnahmen eines Marsches anschaute, der am 4. Dezember 2021 stattfand. „Schaut sie euch an, wo sind die fetten Typen? Wieso tragen alle die gleichen Klamotten?“, fragte Rogan. Die Leaks offenbarten inzwischen, dass übergewichtige und homosexuelle Rekrut:innen nicht akzeptiert werden.

Doch dabei ging es Rogan aber nicht darum, sich über die Rechtsextreme lustig zu machen, sondern um die Authentizität des Aufmarschs infrage zu stellen. „Vielleicht sind sie ja echt, aber für mich ist das Bullshit“, erklärte der Comedian, der unter anderem regelmäßig auch Corona-Leugner:innen und Verschwörungstheoretiker:innen einlädt. Anhänger:innen der Patriot Front schienen jedoch glücklich darüber, überhaupt von Joe Rogan erwähnt zu werden. Wie aus den Dokumenten von Unicorn Riot hervorgeht, schrieb ein Mitglied Anfang Dezember: „Da ist so viel Berichterstattung und beide Seiten hassen uns. An diesem Punkt weißt du, dass du etwas richtig machst.“

Sich der Reichweite des Rogan-Podcasts bewusst, plante die Patriot Front rasch Kapital aus dem Clip zu schlagen. In einem privaten Chat schlug ein Mitglied vor, einen Teil der Aussagen mit in ein Propaganda-Video aufzunehmen: „Verlängert den Rogan-Clip ein wenig. Ich glaube, kurz vor Schluss sagt er ‚Ihr müsst dieses Video sehen‘, lasst uns das drin behalten.“ (nak)

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