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Das wichtigste Motiv, AfD zu wählen, ist die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation - unabhängig davon, ob die soziale Lage tatsächlich schlecht ist.

AfD

Partei der Verunsicherten

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Eine Studie zu AfD-Anhängern zeigt: Aus unterschiedlichen Milieus kommend, eint sie die Angst vor der Zukunft.

Noch zu Beginn dieses Jahres konnte sich die AfD Umfragen zufolge Hoffnungen machen, bei der Bundestagswahl im September drittstärkste politische Kraft zu werden. Seither hat die neue rechtspopulistische Partei stark an Zustimmung verloren, vor allem, weil die Flüchtlingsfrage an Bedeutung verloren hat. Derzeit ist der AfD ein Einzug in den Bundestag zwar sicher, in Umfragen kommt sie aber nur noch auf etwa acht Prozent der Wählerstimmen.

Wer aber sind diese Wähler und was treibt sie um? Und sind Gewerkschaftsmitglieder anfälliger für das Gedankengut der Rechtspopulisten? Diesen Fragen ging eine Studie nach, die die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat. Und sie bestätigte vieles, was man über die AfD bereits weiß.

Einige der Befunde aber zeigen bemerkenswert klar, wie rechtspopulistisch die AfD wirklich ist und wie stark subjektive Faktoren, also Stimmungen und Ängste, die Affinität zu der Partei beeinflussen. Für die Studie befragte das Institut „policy matters“ zwischen Mitte Januar und Anfang Februar 2017 knapp 5000 Menschen online.

Die Autoren der Studie konstatieren, dass eine Mehrheit der Menschen in Deutschland die derzeitige wirtschaftliche Lage und auch die eigene positiv beurteilt. Ein tiefgreifender Wertewandel habe aber dazu geführt, dass mehr Menschen anfällig werden für rechtspopulistische Parolen. Zwar wollen heute weitaus mehr Menschen Verantwortung für sich selbst übernehmen als noch vor zehn Jahren, viele glauben aber, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderfällt. „Die Menschen fühlen sich mehr auf sich zurückgeworfen“, sagt der Meinungsforscher Richard Hilmer.

Die Angst vor Globalisierung und Digitalisierung wächst bei vielen, das führt zu Verunsicherung und Sorgen um die Zukunft. Besonders stark sind diese Ängste bei AfD-Wählern ausgeprägt, sie fürchten sich vor Kriminalität, Überfremdung, dem Verlust des Arbeitsplatzes und mangelnder Absicherung im Alter. Den Institutionen in Deutschland trauen sie weit weniger als der Durchschnitt der Bevölkerung. Nur eine Minderheit glaubt, dass Deutschland ein wirklich demokratischer Staat ist.

Das wichtigste Motiv, AfD zu wählen, ist die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation, und zwar unabhängig davon, ob die eigene soziale Lage tatsächlich schlecht ist. Entscheidend ist die subjektive, die gefühlte Lebenslage. Interessanterweise setzt sich die AfD-Wählerschaft aus zwei starken Gruppen zusammen. Eine Mehrheit der AfD-Wähler ist männlich und gehört zur unteren Mittelschicht, ihr Nettoeinkommen liegt mit 1664 Euro im Mittel kaum unter dem allgemeinen Durchschnitt. Dazu kommen überdurchschnittlich Gebildete, die entsprechend gut verdienen. Es trifft also auch nicht zu, dass vor allem Arbeitslose sich zur AfD hingezogen fühlen.

Viele AfD-Wähler glauben dennoch, dass sie im Leben stark benachteiligt werden. Dazu kommt ein starkes Gefühl des Kontrollverlustes auch auf politischer und nationalstaatlicher Ebene. Die Einstellung, dass die Politik sich nicht ausreichend um die Bürger und besonders um sie persönlich kümmert, ist unter AfD-Wählern weit verbreitet.

Die Forscher wollten auch wissen, ob das konkrete Arbeitsumfeld und die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft die Einstellung zur AfD prägt. Ob jemand in einer Gewerkschaft ist oder nicht, hat der Studie zufolge keinen Einfluss darauf, ob er mit den Rechtspopulisten sympathisiert. Deren Anhänger sind unter organisierten Gewerkschaftern ebenso häufig anzutreffen wie bei anderen Befragten. Allerdings machten bei den Landtagswahlen in diesem Frühjahr überdurchschnittlich viele Gewerkschaftsmitglieder ihr Kreuz bei der AfD. Die Autoren führen das darauf zurück, dass unter den AfD-Wählern auch überdurchschnittlich viele Arbeiter sind, von denen wiederum viele in der Gewerkschaft aktiv sind.

Wichtiger für Wahlentscheidung sei aber, wie sicher das Arbeitsverhältnis sei und ob nach Tarifvertrag bezahlt werde. Beschäftigte in großen Betrieben mit Tarifbindung und starker Mitbestimmung sind demzufolge weniger anfällig für die AfD als solche in kleinen. DGB-Chef Rainer Hoffmann forderte die Politik auf, für mehr Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen, etwa durch stärkere Tarifbindung. „Die Politik muss die Ängste der Menschen ernst nehmen.“

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