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Parmila: Die Welt schaut nur auf die Ukraine

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Von: Karin Dalka

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Parmila war eine hörbare Stimme, auch in den sozialen Medien, für die Rechte für Frauen. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in Schleswig-Holstein.

Sie war vier Monate verheiratet, als die Taliban am 15. August die Macht in Kabul übernahmen. Wie so vielen war auch der 27-Jährigen der Ernst der Lage nicht sofort klar. Sie muss heute noch lachen, wenn sie sich an ihre Reaktion reagiert, als sie ein Freund warnte. „Bist du verrückt? Die Taliban in Kabul – das kann nicht sein. Ich machte mich über ihn lustig. “ Dann begriff sie. Hals über Kopf mussten sie und ihr Mann Kabul verlassen, alles hinter sich lassen.

Zunächst brachten sie sich bei der Schwiegermutter in der Provinz Herat in Sicherheit. Parmila bat ihre Mutter, den Hausstand zu verkaufen, „alles, Fernseher, Kühlschrank, denn wir brauchten Geld. Wir hatten ja kein Einkommen mehr.“ Im April 2022 floh das junge Paar in den benachbarten Iran. „Ich war bereit, jeden Job anzunehmen, auch als Verkäuferin zu arbeiten.“ Aber ihre wirtschaftliche Lage blieb desolat. Außerdem fühlte sie sich unerwünscht: Die iranischen Offiziellen hätten nur über sie gelacht: „Sie mögen die Afghanen nicht und fragten uns: Warum seid ihr hierhergekommen?“ Jeden Tag habe sie ihre WhatsApp-Nachrichten gecheckt – in der Hoffnung auf eine erlösende Nachricht aus Deutschland. Nach zwei endlos langen Monaten im Iran konnte das Paar ausreisen, seither lebt es in Schleswig-Holstein.

Geblieben ist aber das Gefühl: Afghanistan und seine Menschen lebten „in der Dunkelheit, und die Welt schaut nur zu.“ Diese interessiere sich nur noch für die Krieg in der Ukraine. Die Welt ignoriere auch die terroristische Gefahr, die von dem Land ausgehe. Der 11. September 2001 könne sich wiederholen. Der Anschlag auf den Al-Kaida-Anführer Aiman al-Sawahiri zeige doch, dass das Land ein Rückzugsort für Terroristen sei.

Wenn Parmila über aktuelle Ereignisse in ihrer Heimat spricht, ändert sich ihr Tonfall. Sie klingt verzweifelt, scheint den Tränen nahe. „Die Taliban töten systematisch alle Frauen, die sich für zivile Rechte einsetzen.“ Anfangs habe ihre Mutter manchmal versucht, sie zu beruhigen. „Sie sagte, das sind nicht dieselben Taliban wie früher. Sie haben sich geändert. Aber ich sage: Nein! Es sind dieselben.“ Trotzdem sieht sie eine Zukunft für Afghanistan. Zumindest hofft sie darauf. „Mein großer Traum ist es Diplomatin werden. Ich wünsche mir Frieden für mein Land.“ Sie habe einen Master in Internationale Beziehungen, aber als Flüchtling müsse sie wieder bei Null anfangen. „Das ist sehr schwer für uns. Aber wir versuchen unser Bestes. Denn alle, die hier sind, wollen zurückgehen und etwas für Afghanistan tun.“

Parmila (27) war leitende Angestellte in der Abteilung für Gleichstellungsfragen im Friedensministerium und eine hörbare Stimme, auch in den sozialen Medien, für die Rechte für Frauen. Auch ihr Mann gehört zu den Menschen, die besonders gefährdet waren: Er arbeitete unter anderem als Reporter für mehrere Radio- und Fernsehstationen und berichtete aus dem afghanischen Parlament.

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