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Präsidentschaftswahl in Frankreich: Paris wappnet sich gegen Hackerangriffe aus Russland

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Von: Stefan Brändle

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Noch gab es keine großangelegte Fake-News-Attacke auf Emmanuel Macron
Noch gab es keine großangelegte Fake-News-Attacke auf Emmanuel Macron © Jeremias Gonzalez/dpa

Vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich kämpft eine französische Spezialeinheit gegen Desinformation und Hackerangriffe aus Russland.

Paris – Man stelle sich vor: Wenige Tage vor der Präsidialwahl geht das Gerücht um, Emmanuel Macron sei homosexuell, Liebhaber eines Pariser TV-Intendanten. Zwei Tage vorm Urnengang – genau dann, wenn die Mediendebatte offiziell endet – werden dazu 20.000 E-Mails aus Macrons Umfeld geleakt. Genau dieser Beeinflussungsversuch fand bei der jüngsten Präsidentschaftswahl 2017 wirklich statt. Seine Spuren führten ins rechtsextreme Milieu und von dort nach Moskau, zur Hackergruppe „Fancy Bear“, die dem russischen Geheimdienst nahestehen soll.

Aber der so Angegriffene wurde trotzdem gewählt. Heute führt aber Wladimir Putin offen Krieg. „Die Invasion der Ukraine erfolgt auch mit Cyberattacken gegen die nationalen Infrastrukturen, und warum nicht auch im Ausland“, sagt Cédric O, der französische Staatssekretär für Digitales. „Frankreich hat deshalb seine digitale Alarmstufe erhöht. Wir sind äußerst wachsam.“

Wahlkampf: Frankreich befindet sich im Visier von Hackern aus Russland

Frankreich befindet sich im russischen Visier, weil es eine gewisse Distanz zur Nato wahrt. Das macht Paris für Putin zu einem wichtigen Ansatzpunkt, um die atlantische Allianz zu spalten. Und wäre es in der Präsidentschaftswahl von 2017 gelungen, Macron mit einer Schmutzkampagne auszuschalten, wären wohl ausgesprochene Putin-Versteher:innen ins Elysée eingezogen: Hinter dem Wahlsieger lagen die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der konservative Ex-Premier François Fillon auf Platz zwei und drei. Auch bei den französischen Regionalwahlen 2021 war der russische Einfluss spürbar. An der Côte d’Azur, wo viele Oligarchen ihre Villen haben, beschwor der Rechtskandidat Thierry Mariani die Freundschaft zu Russland so laut, dass er von seinem Gegner das „trojanische Pferd des Herrn Putin“ genannt wurde. Dem Wahlsieg kam Mariani erstaunlich nah.

Bei der Wahl im April soll eine Einmischung von außen ver- oder zumindest behindert werden. Auf Initiative Macrons hat die Nationalversammlung schon vor längerem ein Gesetz für eine „erhöhte Transparenzpflicht in Wahlkampfzeiten“ verabschiedet. Die Auftraggeber:innen bezahlter Inhalte müssen zum Beispiel offengelegt werden. Fake News auf Twitter, Facebook oder Tiktok lassen sich im Eilverfahren löschen.

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Spezialeinheit kämpft gegen Desinformation und Cyberattacken

Der Medienaufsichtsrat CSA kann ferner auswärtige Anbieter blockieren, wenn sie berufsethische Regeln verletzen. Im Ukraine-Krieg hat er prompt die frankophonen Ausgaben der prorussischen Propagandaportale Sputnik und RT sperren lassen.

Seit vergangenem Oktober kämpft in Paris zudem eine Spezialeinheit namens Viginum gegen Desinformation und andere Cyberattacken. Einem Verteidigungsgremium unterstellt, sensibilisiert sie die Präsidentschaftskandidat:innen; auch überwacht sie das soziale Netz und wehrt Fake News-Attacken ab.

Unter den 60 Mitarbeitenden sind keineswegs nur Informatiker:innen, sondern auch Linguisten und Textanalytikerinnen. Sie forschen nach fremd klingenden Beiträgen in den sozialen Medien. „Vor ein paar Jahren kamen vor allem Roboter zur Massenverbreitung von Fake News zum Einsatz“, sagt David Olivier von der IT-Beratung Sopra Steria. „Heute sind die Desinformationskampagnen stärker menschgemacht. Sie lassen sich oft nur noch aufspüren, indem der Tonfall der Meldungen oder ihre Sprache analysiert werden.“

Der Wahlkampf in Frankreich wird vom Krieg in der Ukraine beeinflusst: Russische Hackergruppe „Sandworm“

Die Kampagnen aus russischen Quellen sind damit – wie die Abwehrversuche in Frankreich – zunehmend personalaufwendig. Das könnte erklären, dass es bisher zu keinen massiven Attacken im Wahlkampf gekommen ist: Die russischen Hacker sind momentan vollauf mit der Ukraine beschäftigt.

Im Februar kam es zu einem geballten Cyberangriff auf 15 französische Firmen wie Air France, Orange, Arcelor und Airbus. Als Urheber vermutet die Pariser Behörde für Internetsicherheit die russische Hackergruppe „Sandworm“. Sie ist in Frankreich von Manipulationsversuchen der Präsidentschaftskampagne 2017 her bekannt. Das war aber bisher ein Einzelfall. Frankreich scheint derzeit besser gewappnet.

Dafür fördert der Ukraine-Krieg in Frankreich das Bewusstsein für eine unangenehme Erkenntnis: Die digitale Destabilisierung und Desinformation westlicher Wahlen gehören zu einer umfassenden, nicht mehr nur militärischen Kriegsführung. Sie vermitteln den Französinnen und Franzosen das Gefühl, dass ihre rundum demokratischen Präsidentschaftswahlen irgendwie mit dem Krieg zu tun haben – wenn auch nur mit einem hybriden. (Stefan Brändle)

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