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Paulette Guinchard-Kunstler.
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Paulette Guinchard-Kunstler.

Sterbehilfe

Paris diskutiert Suizid-Assistenz

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die populäre Ex-Politikerin Paulette Guinchard beendet freiwillig ihr Leben und löst eine Debatte in Frankreich aus. Sie hatte schon seit 2001 sich für würdevolles Altern eingesetzt.

Der Tod von „Paulette“, wie sie Kolleginnen und Kollegen in der Politik gerne nannten, bewegt Frankreich. Mit 71 Jahren ist Paulette Guinchard nun verstorben, die aus dem schweizerischen Jura stammende Politikerin war in Frankreich sehr populär. Sie hatte es als eine von wenigen Bäuerinnen – auch diesen Ausdruck mochte sie – bis in die Regierung in Paris geschafft. „Ich bin die einzige Ministerin, die Kühe melken kann“, scherzte die Sozialdemokratin, die unter Staatschef Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin Staatssekretärin für die Senior:innen gewesen war.

In dieser Funktion hatte Guinchard-Kunstler 2001 die in Frankreich viel geschätzte „Persönliche Autonomie-Hilfe“ (APA) initiiert. Diese ermöglicht es Älteren, zu Hause zu leben, statt sich in stationäre Pflege begeben zu müssen.

Guinchard-Kunstler litt unter einer seltenen Erbkrankheit, die über das Kleinhirn die körperlichen – nicht aber die mentalen – Kapazitäten nach und nach einschränkt. Die Großmutter väterlicherseits hatte schon darunter gelitten, und ihren Vater pflegte die ehemalige Abgeordnete selbst. Bis die zeitweilige Vizepräsidentin der Nationalversammlung an sich die gleichen Symptome feststellte. 2007 musste sie deshalb die Politik an den Nagel hängen.

Nachdem ihr Körper immer mehr versagte, fuhr sie im Februar in die Schweiz, um dort am 4. März mit Sterbebegleitung aus dem Leben zu scheiden. Guinchards Gatte teilte mit, die unheilbar Kranke habe ihren letzten Schritt „mutig, luzid und entschlossen“ vollzogen. „Die zwei letzten Wochen waren schrecklich – aber nicht für Paulette.“

Ein letzter politischer Akt

Die Verstorbene ließ die Umstände ihres Todes publik machen – ein letzter politischer Akt. Sie wollte für die Sterbehilfe werben und prangerte zugleich den Zwang zum „Sterbetourismus“ an. In Frankreich ist jede Form von Suizid-Assistenz untersagt. (In Deutschland ist Beihilfe nicht verboten.)

Guinchards letzter Wunsch wurde erhört: In den beiden Kammern des französischen Parlamentes sind diese Woche gleich fünf Gesetzesvorstöße eingereicht worden. Sie alle zielen darauf ab, eine „Aktivhilfe beim Sterben“ zu ermöglichen, wie die Sozialistin Marie-Pierre De la Gontrie ihren Vorstoß nennt.

Der Senat hat die Debatte am Donnerstag aufgenommen, die Nationalversammlung wird anfangs April folgen. Mitten in der Corona-Krise rechnen die diversen Initianten mit einem verschärften Bewusstsein für die Sterbefrage. „Die Covidkrise hat vorgeführt, wie wenig die Todkranken in Frankreich gehört werden. In Frankreich stirbt man schlecht“, sagte Jean-Louis Touraine, Abgeordneter der Macron-Partei „La République en marche“ (LRM). 164 Parteikolleginnen und -kollegen unterstützen seinen Vorschlag für eine „aktive medizinische Sterbehilfe für unheilbar Kranke im fortgeschrittenen oder im Endstadium, wenn es unerträgliche Schmerzen oder psychische Leiden verursacht“.

In Frankreich ermöglicht das das Claeys-Leonetti-Gesetz von 2016, es soll den „therapeutischen Übereifer“ bei hoffnungslosen Fällen begrenzen; der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen wird besser respektiert.

Die konservativen Republikaner und katholische Kreise halten an der Regelung fest; ihre Abgeordnete Annie Genevard erklärte, es wäre falsch, nach Guinchards Suizid „mit Überstürzung“ ein neues Gesetz zu einem so heiklen Thema zu verabschieden. Die – vorübergehende – Covid-Krise sei dafür nicht das passende Umfeld.

Präsident Emmanuel Macron will das Thema Sterbehilfe vorläufig nicht aufgreifen. Im Präsidentschaftswahlkampf von 2017 hatte er zwar erklärt, man solle in Frankreich „selber über sein Lebensende befinden können“. Seither fand er aber nie Zeit für die Liberalisierung der Sterbehilfe.

Doch der öffentliche Druck wächst. Laut Meinungsumfragen ist eine überwiegende Bevölkerungsmehrheit von teilweise 90 Prozent für die Zulassung der Sterbehilfe. Beachtung fand in Paris auch, dass Portugal die Suizidbegleitung wie die Schweiz und die Beneluxstaaten im Januar zugelassen hat. Die parlamentarischen Vorstöße könnten Macron zum Einlenken bewegen.

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